Jil-Sander-Ausstellung

Die Frau in Bewegung

Von Verena Lueken
 - 15:20
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Wie stellt man Mode aus? Kleider auf Mannequins, Figurinen in Vitrinen, Filme von Schauen, Fotos berühmter Models von berühmten Fotografen. So geht das oft. So geht es nicht in der Frankfurter Jil-Sander-Ausstellung, der ersten Museumsschau dieser deutschen Modemacherin, die wie keine andere für das Moderne in der Mode steht. Für einen klaren Look. Für neue Schnitttechniken, hochwertige Materialien. Skulpturale Silhouetten. Coolness.

Etwas dem Alltag Enthobenes umfängt den Besucher der Ausstellung, die heute im Museum Angewandte Kunst öffnet. Es ist nicht allein das Wetter: Sonnenschein im November, der durch die Fensterfronten des Richard-Meier-Baus fällt und die Wände durchlässig erscheinen lässt, während man von elektronischen Klängen begleitet die Rampe in den ersten Stock hinaufgeht. Es ist die Bewegung, in der das Museum zu schwingen scheint, eine Bewegung zwischen Außen und Innen, von der Architektur nahegelegt, und eine Bewegung zwischen den Zeiten, in der Schwebe gehalten durch die Klänge von Frédéric Sanchez, der seit 1991 die Musiken für Jil Sanders Defilees komponiert hat. Für die Frankfurter Ausstellung hat er in jeder Galerie eigene Klangumgebungen geschaffen, und sie sind nichts von dem, was sich erst einmal mit dem Namen Jil Sander verbindet - nicht eigentlich minimalistisch, dazu gibt es zu viele (auch humoristische) Bezüge; nicht wirklich kühl, weder streng noch gänzlich unsexy. Könnte es sein, dass wir jetzt, da Jil Sander als Modeschöpferin auf ihr Werk zurückblickt, ein neues Bild von ihr bekommen?

Sicher ein vollständigeres. Wie verspielt sie einmal wenigstens war, sehen wir in dem Raum mit ihrer letzten Kollektion, für das Frühjahr 2014. Er ist ausgelegt und tapeziert mit den Mustern, die der italienische Künstler Alighiero e Boetti von Stickerinnen in Afghanistan nach deren eigenen Entwürfen als riesige Teppiche sticken ließ. Es sind Muster, Motive und Farben, die für Jil Sander ungewöhnlich und herrlich unordentlich wirken, doch sie hat diese Muster auf Stoffe gedruckt und ihre gesamte Kollektion daraus entwickelt. Es ist der letzte Modesaal der Ausstellung und einer der Höhepunkte, weil hier Raum und Kleidung ineinander zu verschwimmen scheinen.

Auch in Frankfurt gibt es natürlich Kleider auf Mannequins, Fotos berühmter Fotografen, Figurinen in Vitrinen. Aber sie stehen, liegen, hängen anders: die Figurinen in einem nachgebauten Atelier, wo sie hingehören, weil sie hier ihren Sinn haben und sich zur Auratisierung gar nicht anbieten, die Mannequins in einem eigenen Saal, alle in Schwarz bis auf zwei, denen orangefarbene Mäntel angelegt wurden. Und die Fotos hängen ganz oben, wie eine Art Nachhall des Gesehenen, unauffällig fast. Wichtiger ist das, was davor liegt.

Der Gang über die Rampe mit Blick auf den Main und den Dom und die Bäume, durch deren letzte Blätter die Sonne ins Museum fällt, führt in den ersten Stock, in den ersten Raum der Ausstellung. Es ist eine Art dunkle Höhle mit drei Leinwänden, ihnen gegenüber eine Spiegelwand. Hier wird ein fünfundzwanzigminütiger Zusammenschnitt von Jil Sanders Schauen aus mehr als vierzig Jahren gezeigt. Ein Zusammenschnitt, der sich um Chronologie nicht schert, der Kollektionen für Männer und Frauen gegeneinander schneidet, und dazu spielt ein Soundtrack, der atmet und stöhnt und traumverloren seinerseits für eine außerweltliche Schwerelosigkeit sorgt, die vor allem eines ausstrahlt: Lässigkeit. In leichter Verlangsamung gleiten hier Männer und Frauen aus teilweise längst vergangenen Zeiten durch den Raum, manchmal gekippt, manchmal mit erstaunlichen, weil vergessenen Accessoires wie den neongrünen oder pinkfarbenen Gürteln für Männerhosen.

„Jil Sander: Präsens“ heißt die Ausstellung, und damit ist wohl gemeint, dass es sich um ein Werk handelt, das nicht an die Zeit gebunden ist, das fluide bleibt in nahezu jeder Hinsicht - zwischen den Jahrzehnten, den Geschlechtern, den Moden. Ein Werk, das Kleidung nicht nur an Körpern entwirft, sondern auch den Raum einbezieht, in dem sie getragen wird. Das also Architektur mitdenkt. Und das, im Design minimalistisch, vermeintlich unterkühlt, ornamentlos eine Stimmung erzeugt, die eine ganz eigene Sinnlichkeit atmet, eine Art sinnlicher Intelligenz.

Selbst ein Mann im roten Anzug sieht hier noch natürlich aus, wie die Models, deren Gesichtern Großaufnahmen gewidmet sind, und nur am Make-up (schwarze Balken über den Augen) oder am Zustand des ursprünglichen Filmmaterials (körnige Unschärfe, ausgebleicht) lässt sich hier und da erkennen, wie lange das teilweise her ist. Ansonsten scheint diese Höhle der Defilees der Zeit entrückt. Und das ist, da wir es mit Mode zu tun haben, die sich mindestens zweimal im Jahr erneuert, dann doch erstaunlich.

Was geht hier vor? Jedenfalls keine Retrospektive im Sinne einer Parade der Kollektionen seit 1973, sondern eine Ausstellung, die sich als gegenwärtig begreift. Das Museum hat dafür fast sein gesamtes Gebäude freigeräumt. Fast, weil es am Ende eines langen Gangs doch noch einen Raum mit etwas anderem gibt, nämlich eine Ecke für den Designer Dieter Rams. Was den Minimalismus seiner Entwürfe, seinen Anspruch an die Verarbeitung und Qualität angeht, hält er neben Jil Sander durchaus stand.

Der Rest des Museums gehört ihr. Ein Backstage-Bereich wurde nachgebaut. Das Atelier. Einer ihrer flaghip stores. Ein Stockwerk gilt ihrer Zusammenarbeit mit dem Arte-povera-Künstler Mario Merz und dem Landschaftspark, den sie in Norddeutschland als englischen Garten angelegt hat. Eine Drohne ist über ihn geflogen und mit einem Film über zauberhafte Seen und Brücken und prächtige Bäume und blühende Büsche und gepflegte Rasenflächen zurückgekommen. Alles sehr erlesen, wie auch die Parfümserie und ihre von Peter Schmidt entworfenen Flakons. Auch die Natur, so scheint es, hat sich dem Gestaltungswillen und der Kontrolle von Jil Sanders unterworfen. Gegenüber der Leinwand mit dem Drohnenflug über Jil Sanders Parkanlage hängt das kleine "Paradiesgärtlein" aus dem Städel - ein zauberhaftes Bild eines unbekannten Meisters, dessen Bescheidenheit hier umso deutlicher ins Auge fällt.

Auf die Frage, welche Frau sie für ihre Mode im Kopf habe, sagte Jil Sander im Gespräch vor einigen Tagen: Mich! Sie habe immer entworfen, was sie selbst tragen wollte, was sie selbst brauchte und worin sie sich sicher fühlte auf ihrem Weg zur Konzernchefin, von der Kleidung über die Schuhe und Taschen bis zum Parfüm. Es gab, so legt die Entwicklung der Marke nahe, die so heißt wie sie, durchaus auch über ihre eigene Person hinaus Bedarf. Die Frau, für die Jil Sander entwarf, entwickelte sich sozusagen mit der Mode, die sie schuf. Die professionelle Frau. Die Frau, die mit kleinem Gepäck reist. Die Frau, die das Sagen hat, Macht ergreift und Einfluss gewinnt. Eine Frau, die aus der Dekoration heraustritt und Verantwortung fordert und übernimmt. All dies war, als Jil Sander zu Beginn der siebziger Jahre loslegte, noch keineswegs an der Tagesordnung. Heute ist es unser Bild der modernen Frau.

Ist die Frau, die Kleidung und Duft von Jil Sander trägt (oder gern tragen würde), deshalb der Frau, die Jil Sander heißt, ähnlich? Wer könnte das schon sagen. Wer Jil Sander wirklich ist, spielt bei alldem keine Rolle, jedenfalls längst nicht mehr. Ja, die Frau, die Jil Sander trägt, hat Ähnlichkeit mit der Frau, die Jil Sander heißt. Aber die Ähnlichkeit bezieht sich einzig auf ein öffentliches Bild, auf das Foto, mit dem sie für ihre Marke warb und das wir jahrzehntelang mit ihrem Stil verbanden; es ist ein Bild, das mit ebensolcher Akkuratesse gestaltet wurde wie alles, was Jil Sander heißt - beziehungsweise hieß, solange Jil Sander das Recht am eigenen Namen noch hatte. 1999 ging die Mehrheit an ihrem Konzern an die Prada-Gruppe, inzwischen gehören die Marke und der Name einer japanischen Holding. Jil Sander ist eine Frau und gleichzeitig eine Abstraktion.

Was ist modern? In Bewegung sein. Die Grenzen fließend halten, Möglichkeiten eröffnen, Ballast abwerfen. Das alles tut die Mode von Jil Sander in erstaunlichem Maße. Erstaunlich, weil im Rückblick erst sichtbar wird, dass sich in diesen Kleidern eine Frau zeigt, die alles sein kann, machthungrig oder sachlich, träumerisch, für Momente verspielt, sinnlich, weiblich oder androgyn. Lässig immer. Eine allseits entwickelte Persönlichkeit.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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