Matisse und Bonnard im Städel

Im Licht der französischen Riviera

Von Rose-Maria Gropp
 - 06:24
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Zwei Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten und deren Schaffen doch so eng miteinander verknüpft ist, begegnen sich von heute an im Städel. Sie sind zwei Protagonisten der europäischen Avantgarde: Henri Matisse, der sich mit federnder Leichtigkeit alles zutraut, was seine Inspiration hergibt, und Pierre Bonnard, der als ein Suchender seine Leinwände bearbeitet, bis er ihnen die Perfektion in seinen Augen abgerungen hat. Eine mehr als vierzig Jahre währende Freundschaft verbindet die Künstler in gegenseitiger Hochachtung, in Paris und dann im zauberischen Licht der französischen Riviera, an der beide sich schließlich niederlassen. Mit 120 Gemälden, Zeichnungen, Grafiken und einigen Skulpturen aus den großen Museen und Privatsammlungen der Welt ist ein Dialog eröffnet, vom Beginn des vorigen Jahrhunderts bis hin zum Ende des Zweiten Weltkriegs, der in dieser Intensität nie zuvor zu betrachten war.

Gemeinhin wird Pierre Bonnard, geboren 1867, als letzter Vertreter eines späten Expressionismus verbucht, der es in seinen Bildern nur so flirren lässt in pastelligen Tönen und beunruhigend zitternden Gefühlen. Henri Matisse, geboren 1869, gilt mit seinen farbstarken Kompositionen und seiner offensiven Zuwendung zum Betrachter als Wegweiser in die Abstraktion überhaupt. Die Ausstellung zeigt, nicht zuletzt in herrlichen Nebeneinanderstellungen, die weitgehende Willkür dieser Einteilung; das ist nicht ihr geringstes Verdienst. Beide halten lebenslang an klassischen Themen fest – dem Interieur und Stillleben, der Landschaft und freien Natur, schließlich dem zentralen Sujet des weiblichen Akts.

Zur Einstimmung hängen im ersten Raum zwei Raritäten, beide in Privatbesitz und bisher niemals zusammengeführt, die Zeugnis ablegen von der engen Verbundenheit der Künstler: Matisse besaß sein Leben lang Bonnards umflortes Interieur „Abend im Wohnzimmer“ von 1907, während Bonnard „Das offene Fenster“ von Matisse aus dem Jahr 1911 bei sich hatte. Deutlicher könnten eingeschlossene Intimität und lichtdurchflutete Offenheit nicht aufeinandertreffen, im Wechselspiel der Temperamente. Ähnlich funktionieren zwei Selbstporträts: Matisse malt sich 1906, im gerade gewonnenen künstlerischen Selbstbewusstsein im gestreiften Pullover mit kühl abschätzendem Blick aus den Augenwinkeln. Bonnard, der übrigens schon früher, seit den Neunzigern des neunzehnten Jahrhunderts, kommerziell erfolgreich war, hält sich noch 1933 auf einem aquarellierten Selbstbildnis ganz in sich gekehrt fest, ohne Blickkontakt zum Betrachter, in skrupulösem Gestrichel, das eher den späteren Alberto Giacometti vorwegzunehmen scheint, als an Vorgänger anzuschließen. Die so ganz unterschiedliche Haltung zur Welt mag die Basis dafür gewesen sein, dass Matisse und Bonnard nicht in Idealkonkurrenz zueinander traten (wie später Picasso zu Matisse), sondern nicht nur zu gegenseitiger Anerkennung fanden, sondern – das zeigt die Schau auf überzeugende Weise – zu fruchtbarer Auseinandersetzung.

Wechselspiel auf Augenhöhe

Die Ausstellung ist mit respektvoller Distanz für die einzelnen Werke gehängt, immer wieder entsteht die Nähe zwischen den Künstlern, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Die Kuratoren Felix Krämer und Daniel Zamani haben sich einen Parcours entlang der einzelnen Themen ausgedacht, der so unaufdringlich wie zielstrebig dieses Wechselspiel auf Augenhöhe verfolgt, angefangen von den Interieurs bis hin zu den Aktdarstellungen. Dabei wird der kardinale Unterschied erkennbar: Der Blick von Matisse geht stets ins Offene, aus den Fenstern und Balkonen der Interieurs hinaus, in die Weite der Gärten, die unter der Sonne der Riviera gedeihen. Und selbst wenn Matisse eines seiner Modelle einmal ein bisschen versonnen gucken lässt, ist außenherum bunter Stoff, und von draußen fällt das Licht der Côte d’Azur herein.

Bei Bonnard ist alles auf das Innere konzentriert, fast immer entsteht ein klaustrophobisches Gefühl in den Räumen, in denen eine ambigue Melancholie schwebt, ein unaufgelöstes Geheimnis. Unbeschwertes Glück sieht anders aus, selbst wenn Bonnards Farbmagie, anders lässt sich seine Kunst nicht nennen, noch so herrlich leuchtet. Selbst dort, wo Fenster und Türen offenstehen, scheinen die Balustraden den Weg ins Freie zu verbarrikadieren, oder die Rippen eines Heizkörpers schieben sich davor. Befremdlich angeschnitten, erscheinen Figuren im Vordergrund, blicklos nicht selten, mit verwischten Gesichtern, und selbst die Katzen scheinen diese Befangenheit zu empfinden. Beide, Bonnard wie Matisse, klappen ihre Räume in die Fläche, als gäbe es keine Perspektive. Während aber Matisse seine Tischplatten mit allem, was darauf eigentlich zu stehen oder liegen hat, dem Betrachter fröhlich entgegenkippt, baut Bonnard damit weitere Schranken auf.

Ein Rausch von Form und Farbe

Beide sind absolute Meister auf dem Feld der Aktmalerei – und auch dort, bei aller atmosphärischen Differenz, wird diese hohe Aufmerksamkeit spürbar, mit der jeder das Schaffen des anderen verfolgt. Für Matisse scheinen sich die Modelle, die er zu seinen berühmten Odalisken drapiert, entspannt hinzubreiten (tatsächlich hat er meist in der Gegenwart eines Modells gearbeitet). Bonnard dagegen arbeitet aus der erinnernden Phantasie, nach zuvor gemachten Skizzen, und unendlich oft ist es seine (auf den Bildern in ewiger Jugend arretierte) Frau Marthe. Immer wieder hält er sie nackt im Badezimmer oder in der Enge einer Badewanne liegend fest; seltsame Gedanken an Ophelia beschwört das herauf. In der Schau ist Bonnards phantastischer „Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund“ von 1909, der dem Städel gehört, zu Matisse’ buchstäblich überwältigendem orangefarbenem „Großen liegenden Akt“ von 1935 gesellt, der – das ist charmant – in seiner endgültigen Fassung ebenfalls vor blauer Fläche mit weißem Überkaro lagert – vielleicht inspiriert von Bonnard. Und als wolle er demonstrieren, dass auch er sich mit seinem Sujet abmüht, hat Matisse die Metamorphosen seines Gemäldes über ein halbes Jahr hin fotografisch dokumentiert.

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Matisse ließe sich, das ist ein großes Kompliment, als der begnadetste Tapetenmaler des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnen, der genialisch eine Mixtur von Mustern und relaxten Gefühlszuständen, draußen wie drinnen, im Handstreich verfertigt. Der Kunstmarkt honoriert solche Attraktivität mit Höchstpreisen, auch für kleine Formate. Im Städel ist die wunderhübsche „Odalisque au fauteuil noir“ von 1942 zu sehen, die im Juni 2004 in einer Londoner Auktion für knapp zehn Millionen Euro in amerikanischen Privatbesitz wechselte. Bonnard ist weniger der Typ Einrichtungsberater, eher das Farbgenie, darin gleichauf mit seinem Malerfreund und darüber hinaus für manche Liebhaber unerreicht im Zauber seines Zauderns, der zu wundervollen, atmenden Oberflächen führt. So wird der Raum der Schau mit den Stillleben und Naturdarstellungen zum delikaten Rausch von Farbe und Form, in dem beide Künstler ihre Virtuosität ausspielen. Das hat allerhöchste ästhetische Qualitäten, geht aber weit über schiere Kulinarik hinaus.

„Ehrlich, die Malerei ist schon etwas...“

Auch Pierre Bonnard hat gewusst, was er wollte, in aller Bescheidenheit: „Ich würde mich den jungen Malern des Jahres 2000 gerne mit den Flügeln eines Schmetterlings präsentieren“, schreibt er 1946, im Jahr vor seinem Tod, an den Freund Matisse. Das ist ihm schon früher gelungen, als der junge Balthus sich deutlich am Vorbild von Bonnards sehr speziellen Körper orientiert. Matisse’ Sohn Pierre wird übrigens Balthus als sein Galerist in New York versorgen. Was die Gemälde ausstrahlen, lässt sich an den Zeichnungen beider Künstler genau erkennen, die keineswegs als Beiwerk gelten dürfen: Während Bonnard auf den Blättern winziger Notizbücher herumstrichelt und -friemelt, fährt Matisse mit selbstsicherem Strich über die Fläche hin. Und spätestens wenn er auf sparsamste Art Blumen in einen Topf steckt, auf dem „Tabac Royal“ steht, ist klar, wo der frühe Andy Warhol bis zur Verwechselbarkeit anschließt (eben als Zeichner anfangs der Fünfziger, als Matisse gerade noch lebt).

Schon Matisse’ scheinbare Unfertigkeit in frühen Bildern, wenn er etwas wie eine Vorzeichnung auf der weißen Leinwand einfach stehenlässt, weist seine Modernität aus, die unbekümmert um die kanonisierten Regeln des „fertigen“ Tafelbilds einfach aufhört, wo es ihr gefällt. Endlich ist die Freiheit, die der späte Matisse gewinnt, atemraubend. Er verfällt nicht in erotomanische Observationen (wie sein jüngerer Konkurrent Picasso im Alter), sondern er findet zur formalen und farblichen Gelöstheit der papiers découpés, eben zur radikalen Reduktion seiner Scherenschnitte. Edles Beispiel dafür ist die „Jazz“-Mappe aus den vierziger Jahren, die ebenfalls dem Städel Museum gehört. Die Ausstellung ist eine Feier der Schönheit – wem das nicht reicht, der kann sie zudem als Anschauungsmaterial für begnadetes Könnens nehmen. „Ehrlich, die Malerei ist schon etwas, vorausgesetzt, dass man sich ihr vollständig hingibt. Ich glaube, dass wir uns in diesem Punkt einig sind“, schreibt Bonnard an Matisse im Jahr 1933.

Matisse – Bonnard. „Es lebe die Malerei!“. Im Städel Museum, Frankfurt; bis zum 14.Januar 2018. Der Katalog im Prestel Verlag kostet im Museum 39,90 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria (rmg)
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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