Fritz Klemm in Ahlen

Das Atelier als bestes Porträt

Von Andreas Rossmann
 - 20:24
zur Bildergalerie

Das Genre „Selbstbildnis“ hat Fritz Klemm nicht auf die leichte Schulter genommen. Dabei entspricht das erste „Selbstporträt“, um 1953, noch halbwegs traditionellen Vorstellungen: eine Gouache auf Papier, in der sich der Künstler selbstironisch – mit oben abgeschnittenem Modigliani-Kopf, Schnäuzerbürste und dicken Kringelaugen – karikiert. Das spätere „Selbstbildnis“ von 1958/59 lässt nur noch den zarten, brüchigen Umriss einer Figur erkennen, die ein breiter, schraffierter Vorhang an den Rand rückt. Der Zweifel an der Abbildbarkeit des Selbst ist inzwischen zur Gewissheit geworden. Der Dargestellte ist so wenig zu identifizieren wie auf „erweiterten“ Porträts: „Maltisch mit Selbstbildnis“ gibt es 1954 in mehreren Varianten, doch auf keiner ist die Physiognomie auszumachen. Eine Silhouette, die mit Kugelkopf und Kegelkörper, weiß auf schwarzem Grund oder schwarz auf weißem Grund, wie eine Halmafigur aussieht.

Das Selbstbildnis ist hier Teil eines anderen, größeren Bildes, das es in sich aufnimmt. Der Künstler gibt sich nicht mit seinem Gesicht, sondern mit seinem Umfeld, mit Maltisch, Farben und Pinseln, zu erkennen. Die Person tritt hinter das Werk zurück und wird in ihm aufgehoben. Nicht, wie der Maler Fritz Klemm aussieht, sondern wie er sich sieht, ist gezeigt. Erst das Umfeld gibt der Spielfigur, die in „Fenster mit Selbstbildnis“ von 1963 – nun sehr viel größer – vor einem weißen Fenster steht, Identität. Selbstinszenierung war Fritz Klemm fremd. Das Atelier ist das bessere Gesicht.

Immer neue Wandel mit den Umzügen

In seinem Atelier findet Fritz Klemm, der erst 1951, mit 49 Jahren, zu malen begonnen hat, seine Sujets. Am Anfang dieses späten Frühwerks – alles davor tat er als „Fingerübungen“ ab – stehen auch Alltagsgegenstände: „Schwarze Kanne“, „Stillleben mit Spiegel“, „Grüne Flasche“ oder „Gelber Sessel“ heißen Stillleben und Interieurs, die mit Caparolfarbe, einem synthetischen Bindemittel, gemalt sind. Da tragen sie noch viele Farben, später bleiben zwischen Schwarz und Weiß nur Grau- und Brauntöne übrig. Die Motivwahl wird kleiner und konzentriert sich auf Mal- und Zeichentisch, Staffelei, Stühle, Fenster und Wald, zu denen Reihen entstehen. Die Staffelei etwa wird aus ihrer Rolle als Dienerin, die das Bild trägt und ihm zum Auftritt verhilft, befreit und zu einer Hauptdarstellerin befördert, die für sich und im Mittelpunkt stehen kann. Standfest, mit einer Anatomie aus rechten Winkeln, oder klapprig, als Gestell mit dünnen, schrägen Beinen. Rechtecke auf der Staffelei haben, ganz schwarz oder ganz weiß, die Anmutung von Fenstern.

Fritz Klemm, der 1902 in Mannheim geboren und an der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe ausgebildet wurde, hat den steinigen Fußweg über den Zeichen- und Werkunterricht an die Akademie genommen. In Karlsruhe wurde er 1948 Leiter der Werkschule und 1953 zum Professor berufen. Erst zwei Jahre zuvor hat er das erste von vier Ateliers bezogen. Wie intensiv er sich auf jeden dieser Orte eingelassen hat, in welcher Abhängigkeit von ihnen er gearbeitet hat, ist seiner Kunst abzulesen. Die Atelierwechsel gliedern das Werk. Jeder Umzug hat seinen (Aus-)Blick verändert. Im ersten Atelier sind die Sujets noch relativ zahlreich; im zweiten, das er von 1954 bis 1968 im wiederaufgebauten Lichthof der Akademie hatte, bleiben nur wenige übrig, die näher, enger, eingehender betrachtet werden. Als einzige Landschaft tritt der nahe Hardtwald hinzu. Das dritte Atelier, 1968 bis 1970 in der Akademie-Dependance Schloss Scheibenhardt vor der Stadt, hat hohe Fenster und hellt die Kunst auf, und im vierten, das er 1970 mit der Emeritierung in der Stresemannstraße bezieht, trifft er auf eine in den Raum ragende Wand aus Sichtbeton: Sie wird zum bestimmenden Motiv, das mehr als fünfhundert Arbeiten auf Papier, Zeichnungen und Collagen, die mit Materialstudien einhergehen, in seinen Erscheinungen und Möglichkeiten reflektieren. Die Wand kann vieles sein: Fläche für Projektionen, Struktur, Spurenfeld, Abstand, Spiegel, Kontrast, Grenze, Gegenüber: Gegenstand und Widerstand für die letzten neunzehn Jahre.

Reliefartige Verkrustungen und Überlagerungen

Die ortsbestimmte Kunst des Fritz Klemm ist eine freie Kunst. Der Widerspruch erzeugt ein Spannungsverhältnis, in dem sich die Darstellung von den Gegenständen löst und diese ihre Herkunft hinter sich lassen. „Malen heißt, Gegebenheiten der Wahrnehmung in Elemente der Malerei zu verwandeln“, hat Fritz Klemm in einer seiner seltenen ästhetischen Äußerungen kommentiert. Der Betrachter ist herausgefordert, den Prozess umzukehren: Die Elemente der Malerei mit der eigenen Wirklichkeit zu verbinden, abzugleichen, zurückzuübersetzen, heißt, sie neu wahrzunehmen.

Die große, hundert Arbeiten umfassende Ausstellung, die das Kunstmuseum Ahlen dem 1990 verstorbenen Künstler ausrichtet, lässt den eigenwilligen Weg verfolgen, auf dem Fritz Klemm abseits von Markt, Moden und Öffentlichkeit durchgehalten hat. Der Parcours läuft in dem Gemälde „Die Wand“ von um 1967 aus, mit dem er die Malerei abschließt. Prima vista ist es ein abstraktes Bild: dicke, vertikal in weißer Farbe aufgetragene Schichten, Caparol auf Hartfaser. Doch der Zusammenhang widerlegt diesen Eindruck: Als letzte Stufe einer Entwicklung wird es als ein Stück konkrete Realität erkennbar. Gegenständlich oder gegenstandslos? Hier Ansichtssache.

Einspruch gegen die herrschenden Maßstäbe

Der Endpunkt markiert zugleich den Übergang zu dem singulären Spätwerk. Die Auseinandersetzung mit der Wand, mit Maserungen und Malspuren, Flecken und Schatten lassen das Material hervor- und Fritz Klemm in Dialog mit ihm treten. Papiere und Pappen, Kartonagen und Klebestreifen, auch Kaffee- und Tee-Extrakte finden Aufnahme in die Collagen, werfen reliefartige Verkrustungen und Überlagerungen, Kanten und Falten auf und komponieren mit Lineaturen und Schraffuren, Schnitten und Knickungen, räumlichen und perspektivischen Darstellungen eine eigene Bilderwelt: Ordnung und Offenheit, Reduktion und Ruhe, Dichte und Durchsichtigkeit, Abschnitt und Aussparung gehen eine Wechselwirkung ein, welche die Wahrnehmung animiert und, indem es ihre Grenzen erkundet, zum Thema macht. So ist Fritz Klemm der Lehrer geblieben, als der er angefangen und sich immer verstanden hat: In den Möglichkeitswelten der Wand aktualisiert sich sein Werk als eine Schule des Sehens.

Der Epilog der Ausstellung zeigt Künstlerporträts von Barbara Klemm, und so setzt ein Foto, das sie 1968 von ihrem Vater aufgenommen hat, den Schlusspunkt. Wie es ihn von hinten vor dem hohen Fenster seines Ateliers, durch kahle Winteräste blickend, beobachtet, wie es Mensch und Ort in Übereinstimmung bringt, ergibt das Pendant zu seinem Selbstbildnis: Reverenz an den Künstlervater und zugleich die Emanzipation von ihm.

Fritz Klemm, der Spätentwickler, war auch ein Spätentdeckter: Erst 1973, mit siebzig Jahren, wurde ihm die erste Einzelausstellung zuteil. Die Sicherheit, mit der ihn die Ausstellung aus dem Hintergrund holt, erhebt Einspruch gegen die herrschenden Maßstäbe.

Fritz Klemm – Malerei und Arbeiten auf Papier. Im Kunstmuseum Ahlen, bis zum 28. Januar 2018. Danach im Leonhardi Museum, Dresden (3. März bis 20. Mai 2018), und im Museum de Fundatie, Zwolle (16. Juni bis 9. September 2018). Katalog 22,50 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Rossmann
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAhlen