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Gerhard Richter

Ein Mahnmal für die Häftlinge von Auschwitz

Von Julia Voss
 - 22:35

Vorweg, das muss in diesem Fall sein, ein paar Binsenweisheiten: Normalerweise sind neue Werke eines Künstlers eben genau das – neu, unerwartet, überraschend. Wir, die Betrachter, wissen nicht, dass es sie geben wird, nicht, wie sie aussehen, wovon sie handeln. Beim neuen Zyklus des Künstlers Gerhard Richter verhält sich die Sache anders. Selten wurde eine Werkgruppe so häufig, so publikumswirksam angekündigt wie diese. Die vier Gemälde, die von heute an im Dresdener Albertinum ausgestellt sind, tragen den Titel „Abstrakte Bilder (937/1–4)“. Die Nummer bezieht sich auf das Werkverzeichnis, es ist die 937. Bildgruppe in seinem Œuvre.

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In der Ausstellung selbst findet sich kein Hinweis, worauf sich die Gemälde beziehen. In der Pressemitteilung allerdings wird ausgeführt, die Werke gingen auf „vier, von einem Häftling im August 1944 im Konzentrationslager Birkenau aufgenommene Fotografien zurück“. Auschwitz-Birkenau war das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten. In den Gaskammern dort wurde eine Million jüdischer Menschen ermordet.

Wie passen Auschwitz und Malerei zusammen?

Ebendas, dass es eines Tages Bilder von Richter geben würde, die mit Auschwitz zu tun haben, wurde in der Vergangenheit bereits mindestens dreimal angekündigt. Und auch diese Vorgeschichte muss erwähnt werden, weil es naiv, wenn nicht gar verlogen ist, anzunehmen, man könne Auschwitz sagen und dann einfach über Malerei sprechen. Der Name Auschwitz produziert Bilder, die im Gedächtnis, im Kopf mitreisen, wenn man nach Dresden fährt, um Richters Gemälde zu sehen. Sie geben auch die Frage vor, wie man den Holocaust denn malen soll. Grau, wie Rauchschwaden aus einem Krematorium?

Die Vorgeschichte lautet also, stark verkürzt, wie folgt: Zu erwarten waren diese Werke von Richter, weil sich erstens Fotografien von Konzentrationslagern vor fast einem halben Jahrhundert, seit 1967 nämlich, in seinem „Atlas“ finden, der Sammlung von Fotografien, Zeitungsausschnitten und Skizzen, die der Künstler seit Mitte der sechziger Jahre auf losen Blättern angeordnet hat. Der Atlas ist der Fundus, das Archiv, auf das Richter immer wieder für seine Malerei zurückgreift. Richter sprach dann 2009 über Auschwitz-Fotografien und die Möglichkeit, sie zu malen. Das war gegenüber der Regisseurin Corinna Belz, deren Dokumentarfilm „Gerhard Richter. Painting“ zwei Jahre später in die Kinos kam.

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Zum dritten Mal schließlich brachte den Holocaust und Richters Beschäftigung damit der französische Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman ins Gespräch. Anlässlich der Retrospektive im Museum der Fondation Beyeler im schweizerischen Riehen berichtete Didi-Huberman im Katalog über seinen Atelierbesuch bei Richter im Dezember 2013. Dort sei er auf „vier große leere Gemälde“ gestoßen. Mit der Zahl Vier hat es aber eine besondere Bewandtnis. Vier Fotografien nämlich machte 1944 ein Häftling in Auschwitz-Birkenau. Ein weiterer behielt die Wachmänner der SS im Auge. Beide waren Mitglieder des sogenannten Sonderkommandos, einer streng isolierten Einheit von Häftlingen, deren Aufgabe es war, die Exekutionen vorzubereiten, die Leichen anschließend auszuplündern und zu verbrennen*. Sie wurden danach ermordet, es sollte keine Augenzeugen geben.

Die Verbindung zwischen Didi-Huberman und Richter

In einer Zahnpastatube wurden die Negative aus dem Lager geschmuggelt und Mitgliedern des polnischen Widerstands in Krakau übergeben. Ein Brief begleitete die Bilder: „Wir senden Photos von Birkenau, die Gefangene auf dem Weg in die Gaskammer zeigen. Eine Photographie zeigt einen der Scheiterhaufen im Freien, wo man die Leichen verbrennt.“ Didi-Huberman hat über diese vier Fotografien ein Buch geschrieben, „Bilder trotz allem“. Durch eine Besprechung in dieser Zeitung erfuhr Richter davon. Der Kreis schloss sich, als Didi-Huberman Richter im Atelier besuchte. Über den Austausch schrieb er eben im Katalog der Ausstellung in der Fondation Beyeler.

Jetzt sind Richters Gemälde da. Vier Bilder im Albertinum. Dreimal vorangekündigt. Es handelt sich nicht um eine Ausstellung, sondern um die Neuordnung der Richter-Räume in der Galerie Neue Meister des Museums. Was erkennt man in den zwei Sälen? Zuerst einmal Gerhard Richter, die Marke, den deutschen Gegenwartskünstler also, der jedes Jahr an zahlreichen Orten zu sehen ist – in Museen, Ausstellungshäusern, Auktionshäusern und Galerien. Im Albertinum hängen die „Abstrakten Bilder (937/1–4)“ nicht allein. Die Gruppe ist umgeben von Gemälden, C-Prints, Tintenstrahldrucken, Fotografien, Glas-Installationen. Geschmacklos? Erst einmal weiter.

Die Werke hängen, nebeneinandergereiht an einer Wand. Von Bild zu Bild nimmt die Farbigkeit zu. Das erste, von links nach rechts betrachtet, zeigt vor allem Schwarz-, Weiß- und Grautöne. Das zweite weist fast mittig eine rote Spur auf. Im Dritten nehmen die Grüntöne zu, im letzten überwiegen sie im Vergleich zum Rot. Die Bilder sind großformatig, ja riesig, sie schaffen eine Stimmung, und die ist dunkel.

Seherlebnis: Rakel-Technik

Wer nicht wüsste, worauf sich der Zyklus bezieht, würde nie darauf kommen. Etwas Schlimmes ist geschehen, das ahnt man. Wer in der Kunstgeschichte sucht, würde sich aber vielleicht eher an Claude Monet erinnern, seine Seerosen-Bilder. Bei Richter ist es, als ob eine Ölkatastrophe in die Pastellwelt des Impressionisten eingebrochen sei, als habe die Industrie der Ersten Welt, die sonst mit Vorliebe die Dritte Welt verwüstet, ihren Schmutz zur Abwechslung in einem schönen französischen Teich verklappt. Teeriges Schwarz, ein zu giftiges Chemiegrün, blutiges Rot. Das ist eine Möglichkeit, die Bilder zu sehen.

Wer noch näher herantritt, sieht die Schlieren, Risse, Krümel, Fetzen und Pocken, die Richter mit seiner Rakel-Technik produziert und die viele seiner abstrakten Bilder zu Seherlebnissen macht. Dafür verwendet er einen großen Spachtel, mit dem die Farbe über die Leinwand gezogen wird. Die Schichten verbinden sich nie ganz, die pastose Farbe reißt immer wieder auf. Auch dazu gibt es eine Vorgeschichte: Angeblich hat der Maler zuerst die Auschwitz-Fotografien abgemalt und sich dann dafür entschieden, sie zu übermalen. Sehen kann man das nicht, man muss es glauben.

Spätestens hier stellt sich unweigerlich die Frage: Ist das nicht einfach Kitsch? Reicht „Onkel Rudi“ nicht, Richters Gemälde von 1965? Das berühmte Werk zeigt einen lustig lachenden Mann in Wehrmachtsuniform, verschwommen, wie ein Bild das sich nicht scharf stellen lässt. Tatsächlich versuchte Richter, Jahrgang 1932, hier zwei gegensätzliche Erinnerungen zu malen. Den netten Onkel, den er mochte, und den Mann, der Nationalsozialist war. In der Kunst trat dieses Bild eine Lawine los. Wie der Kunsthistoriker Peter Geimer schreibt, zog es im Schlepptau eine Generation von Malern nach sich, „die im Gefolge Gerhard Richters ihr Glück noch einmal mit dem Abmalen politisch aufgeladener Fotos“ versuchten.

Man soll es auch nicht versuchen

Ist Richter also jetzt in seine eigene Falle gegangen? Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Bezug zu Auschwitz die Bilder auflädt, ihnen eine Bedeutung verleiht, die ihnen die Malerei allein nicht gibt. Richter weicht damit von seiner bisherigen Praxis ab, den Nationalsozialismus im Rahmen von Familienfotos zu behandeln. Noch dazu sind die neuen Bilder nun ungegenständlich, abstrakt.

Kitsch sind diese Bilder nicht. Dafür sind sie zu unaufdringlich, zu zurückhaltend. Richter versucht nicht, das Grauen zu überbieten, malerisch zu vergrößern oder sich anzueignen. Seine Bilder beziehen sich nicht auf das Sichtbare, sondern sie bieten dem Betrachter für Assoziationen Raum: für den Schrecken, den die historischen Fotografien auslösen, für die Vorstellung von der Angst der Häftlinge, erwischt zu werden, vielleicht ihre Hoffnung, es könnte Hilfe geben. All das bleibt im Kopf des Betrachters. Richter ist zu dem Schluss gekommen, dass er Auschwitz nicht malen kann. Zu diesem Ergebnis kamen andere vor ihm auch. Das Unvorstellbare lässt sich nicht darstellen, argumentierten etwa der Dokumentarfilmregisseur Claude Lanzmann oder der Psychoanalytiker Gérard Wajcman. Ihre Lehre war: Man soll es auch nicht versuchen.

Historienbilder sind diese Gemälde allerdings auch nicht. Richter zeigt uns keinen Moment in der Geschichte, an dem sich etwas entscheidet, keine Details, die übersehen wurden, keine denkwürdigen Zusammenhänge.

Familiärer Bezug zu Dresden

Was sind die Bilder dann? Ein Mahnmal. Ein Denkmal ohne Auftrag – und bisher ohne festen Platz. Sie sind Platzhalter für die Erinnerung, Zeichen, ein Angebot, eine Möglichkeit. Die Gemälde verweisen auf Fotografien, die sich nicht zeigen. Richter hat diesen Fotografien, den Kassibern von 1944 und ihren Absendern, den Häftlingen, mit den Mitteln der Malerei ein Monument gesetzt. Ein Gemälde von Richter befindet sich bereits an einem historischen Ort: „Onkel Rudi“ übergab er der Gedenkstätte von Lidice, einer tschechischen Gemeinde, in der die Nationalsozialisten 1942 ein Massaker an der Bevölkerung verübten.

Für „Abstrakte Bilder (937/1–4)“ ist dieses Museum in Dresden der richtige Ort. Aus Dresden, den Staatlichen Kunstsammlungen, wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Bilder an Familien jüdischer Sammler restituiert, deren Angehörige in Auschwitz ermordet wurden. In Dresden kam nicht nur Richter zur Welt, sondern auch Marianne Schönfelder, seine Tante, die er 1965 malte, ihn selbst als Baby im Arm haltend. Marianne Schönfelder wurde 1945 in einer Tötungsanstalt umgebracht, nachdem sie zuvor als geisteskrank stigmatisiert worden war. Bis Januar 2013 hing Richters „Tante Marianne“ als Leihgabe in Dresden im Museum, dann zog es der Sammler ab. Ein Stolperstein in der Stadt erinnert noch an sie.

Auschwitz kann man nicht malen. Aber auch ein Maler kann daran erinnern. In diesen Dienst hat Gerhard Richter seine Werke gestellt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Beitrags hieß es, die sogenannten Sonderkommandos hätten in Auschwitz-Birkenau selbst Exekutionen durchgeführt. Tatsächlich haben sie Vor- und Nacharbeiten verrichten müssen.

Quelle: F.A.Z.
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