Ai Weiwei darf wieder reisen

Ich bin Chinese und will hierbleiben

Von Thomas Eller
 - 20:45

„Ich bin Chinese, mein Vater war Chinese, mein Sohn ist Chinese.“ So stellte sich Ai Weiwei kürzlich vor. Am vergangenen Mittwoch bekam er nach vier Jahren seinen Reisepass vom chinesischen Staat zurück. Er wirkt darüber sehr erleichtert. Die jahrelange Unsicherheit scheint nun erst einmal vorbei zu sein. „Sie sind im letzten Jahr viel kommunikativer geworden“, erzählt er dieser Zeitung über die Beamten, mit denen er seit Jahren zu tun hat. „Offensichtlich beurteilen sie meine Rolle inzwischen viel positiver.“ Sie seien aber immer noch nervös.

In Ais Beschreibungen tauchen die Beamten immer wieder als ständige Begleiter auf und bleiben dennoch merkwürdig gesichtslos. Es sind wohl nicht immer dieselben Männer, die Ai umgeben, sondern in ihrer Zusammensetzung spiegelt sich die Verschiebung der politischen Gesamtwetterlage. „Sie“ stehen bei Ai als Synonym für das System, das derzeit interne Kämpfe ausfechte. An der Antikorruptionskampagne könne man das sehr gut sehen. Das Hauptproblem Chinas, sagt Ai, sei der interne Kulturkampf um die Macht. Man wisse nie so genau, was „sie“ als Nächstes tun würden und wohin sich die Situation in China entwickele.

Die Nerven zum Zerreißen gespannt

Dass sich für Ai etwas ändern würde, wurde schon im Juni klar: Innerhalb von zwei Wochen eröffnete der Künstler vier Ausstellungen in fünf Galerien Pekings. Drei davon laufen jetzt noch. Dass er das tun durfte, war eine Geste von Seiten der Behörden und Zeichen ihres Einverständnisses mit „denen“, sagt der Künstler. Mit anderen Worten: Ai Weiwei hat die Ausstellungen auch als Test verstanden, inwieweit er sich auf Zusagen der Behörden würde verlassen können. Umgekehrt werden das die Behörden genauso gesehen haben.

Vor zwei Monaten noch waren Ai Weiweis Nerven zum Zerreißen gespannt. Alle Details der kommenden Ausstellungen mussten mit „denen“ diskutiert werden. Die Eröffnungstermine wurden vom 30. Mai auf den 6. Juni verschoben, weil man es lieber sehe, dass er erst nach dem 4. Juni, dem Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen, wieder auftrete. Viele in China sehen in der Tatsache, dass der Künstler vier Ausstellungen im sechsten Monat eröffnet habe, dennoch einen versteckten Hinweis auf das Massaker vom 4. Juni 1989. Im Vorfeld aber bemühte sich der Künstler um Verständnis: „Sie“ hätten ihm gesagt, dass er sehr einflussreich sei und deswegen aufpassen solle. Er verstehe das ja auch, sagt er, „deren“ oberste Priorität sei Sicherheit. Und er verstehe das nicht nur, sondern respektiere es auch – um das zu unterstreichen, sagt Ai es dreimal.

Ein Raum im Raum

Die schönste der Ausstellungen ist noch bis September in den Galerien Tang Contemporary und Galleria Continua im Kunstbezirk 798 zu sehen. Sie ist ein Meisterstück. Das monumentale Holzskelett einer antiken Ahnenhalle der Wang-Familie aus der Jiangxi-Provinz durchstößt im stumpfen Winkel die gemeinsame Wand zwischen den bauhausinspirierten Industrieräumen, um seine Fortsetzung auf der anderen Seite zu finden. Die Trennwand wirkt wie eine Art geometrische Spiegelebene zwischen den Räumen. Überwachungskameras spielen in Echtzeit Bilder aus der jeweils anderen Halle auf beiläufig plazierte Flachbildschirme und sorgen so für eine Feedback-Schleife – um nicht zu sagen „Reflexion“.

Ursprünglich erbaut in der Ming-Dynastie, diente die Ahnenhalle der Wang der Erinnerung an den quasi mythischen Gründer dieses Familienclans, Wang Hua, einen Prinzen von Yue im sechsten Jahrhundert. Sie war Zentrum des Familienlebens, gesellschaftlicher Mittelpunkt und Ort geschäftlicher Verhandlungen. Darüber hinaus sei die Ahnenhalle ein Ort unabhängiger Gerichtsbarkeit gewesen, mit eigenen moralisch-ethischen Standards, die sich „außerhalb des geltenden Rechtssystems“ befunden hätten, erläutert der Kurator der Ausstellung, Cui Cancan. „Sie unterstützte die Stabilität des Clans und war unberührbar durch das bürokratische System, und dadurch in Zeiten politischen Wandels oder sozialer Aufstände als System fähig, sich selbst zu erhalten und zu regenerieren.“

Eine doppelte Perspektive auf die Dinge

Nicht nur architektonisch stellt diese Ausstellung also einen Raum im Raum dar, sondern auch konzeptuell wird ein Außerhalb im Innenraum erzeugt. Man darf die Ausstellung mit dem einfachen Titel „Ai Weiwei“ als Selbstporträt des Künstlers verstehen. Die Deutung der Ahnenhalle als souveräner Ort innerhalb des viel größeren Kaiserreichs scheint das symbolische Pendant zu Ai Weiweis Positionierung als Künstler im heutigen China zu sein. Mit seiner Aneignung chinesischer Geschichte, einem festen Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit, seit er hanzeitliche Vasen fallen ließ, aktiviert Ai die Historiographie gegen deren offizielle Vereinnahmung, wie sie sich in China in den merkwürdigen Diskussionen um „Chineseness“ gerade anbahnt.

„Ich versuche zu denken, wie ,sie‘ denken“, sagt Ai, um zu erklären, wieso die Kommunikation mit „denen“ inzwischen besser klappt. Diese doppelte Perspektive auf die Dinge ist das, was in der Ausstellung wunderbar sichtbar wird. Dass er darin Kunst als ein Außerhalb der politischen Realität definiert, ist der interessante Punkt. Ein Außerhalb zur Gesellschaft ist in der chinesischen Kultur eigentlich nicht vorgesehen und mag so den Zensor nicht weiter berührt haben. Bei uns im Westen wiederum ist Kritik zum Ornament einer repressiv-toleranten Gesellschaft geworden, deshalb gibt es auch hier kein Außerhalb mehr. Die Kritik ist Teil des Systems.

Manches ist jetzt einfacher

Anders in China. Letztes Jahr, als es schon einmal anlässlich der Ausstellung „Evidence“ im Berliner Martin-Gropius-Bau intensive diplomatische Anstrengungen von deutscher Seite gab, Ai zu seinem Reisepass zu verhelfen, scheiterte dieses Bemühen – angeblich, weil der Künstler kurz vor der Aushändigung dem Dalai Lama über die sozialen Netzwerke einen Geburtstagsgruß übermittelt hatte. Warum er jetzt doch seinen Pass bekommen habe, wisse er nicht, sagt Ai Weiwei: „Sie sind immer noch nervös, und manchmal überreagieren sie.“ Inzwischen aber sei China viel selbstbewusster geworden. Das mache manche Dinge einfacher.

Offensichtlich hat der komplizierte Abstimmungsprozess in der Testphase der Ausstellungen in Peking funktioniert. Die zahlreichen Besucher, darunter viele internationale Botschaftsangehörige und sogar Mitglieder des Europaparlaments, hätten die Behörden wohl überzeugt. Die Deutsche Botschaft in Peking kann sich vorstellen, dass die Rückgabe des Passes an Ai auch eine Nachricht an die deutsche Kanzlerin vor ihrer nächsten Chinareise sein soll. Es lohne sich immer, Einzelfälle auf solchen Staatsbesuchen anzusprechen, sagt ein Botschaftssprecher. Gereon Sievernich, der Direktor des Gropius-Baus, wünscht sich nun, dass auch die Anwälte des Künstlers freikommen.

China liegt jetzt im Fokus

Ai Weiwei hat inzwischen bereits ein Visum für Deutschland beantragt, um in zwei Wochen seine Familie in Berlin wiederzusehen und sich medizinisch untersuchen zu lassen. Offensichtlich wurde ihm in Gesprächen zugesichert, dass er danach wieder nach China zurückkehren könne. Was ihm wichtig ist. Viele in Peking sehen die vier Ausstellungen als eine Art Strategiewechsel des Künstlers an: Nachdem er sich jahrelang hauptsächlich um die internationale Kunstszene gekümmert hat, scheinen die letzten Anstrengungen auf eine verstärkte Präsenz in China selbst zu zielen. Es wird spannend sein zu sehen, welchen Weg Ai Weiwei nun gehen wird.

Für ihn selbst ist Kunst noch immer verbunden mit Meinungsfreiheit und der Hinterfragung von Macht. „Man kann der Politik nicht entkommen“, sagt er, insofern sei jedes Kunstwerk eine Reflexion darauf. Kritik sei übrigens überall angebracht, nicht nur in China, und seine Einschätzung als Dissident sieht er als Folge einer vereinfachten Darstellung durch westliche Mainstreammedien. Man sollte bedenken, welchen Kräften dieser Mann ausgesetzt ist, bevor man über solche Aussagen ein Urteil fällt.

Ai Weiwei. Bis zum 6. September in der Tang Contemporary Art und der Galleria Continua, beide Peking.

AB Blood Type. Bis zum 9. August im Magician Space, Peking.

Tiger, Tiger, Tiger. Bis zum 31. August in der Chambers Fine Art, Peking.

Quelle: F.A.Z.
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