„A History of Magic“

Harry Potter und die Kammer des Wissens

Von Tilman Spreckelsen, London
 - 11:16
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Dass es ohne die achtjährige Alice Newton die erfolgreichste Buchreihe der Welt vielleicht gar nicht oder wahrscheinlich anders, in jedem Fall aber erst viel später gegeben hätte, ist Teil der Harry-Potter-Legende: Die Tochter des Bloomsbury-Gründers Nigel Newton bekam von ihrem Vater 1995 das zusammengerollte und mit Smarties gefüllte Manuskript von „Harry Potter und der Stein der Weisen“, das zuvor von acht Verlagen abgelehnt worden war, mit der Bitte um Lektüre und Beurteilung. Dass die Schokoladen-Bestechung gar nicht nötig gewesen wäre, zeigt ein von Alice mit Bleistift bekritzelter Zettel: „The excitment in this book made me Feel warm inside“, steht dort. Und, ganz Verlegertochter: Das Manuskript sei möglicherweise eines der besten Bücher, die ein Acht- oder Neunjähriger nur lesen könne.

22 Jahre später sind sieben Romane und einige weitere Bände aus dem Harry-Potter-Kosmos erschienen, dazu neun Filme und ein Theaterstück. Allein die Bücher wurden in achtzig Sprachen übersetzt und weltweit knapp 500 Millionen Mal verkauft, die Potter-Autorin J.K. Rowling ist inzwischen wohl vermögender als die Queen. Alice Newtons unscheinbarer Zettel aber, der ganz am Anfang der Geschichte steht, ist nun, wieder zu Beginn, in der ersten großen Ausstellung zu sehen, die sich dem Phänomen Harry Potter widmet. Die British Library hat dafür einen Trakt im Souterrain zur Verfügung gestellt, und der erwartbar große Andrang führt dazu, dass es wahrscheinlich ebenso leicht ist, spontan die Ausstellung zu besichtigen, wie in die Schatzkammer der von Kobolden schwer bewachten Gringotts-Bank in der Winkelgasse zu gelangen.

Wer es trotzdem hineinschafft, betritt eine Reihe von Räumen, deren inhaltliche Gliederung sich am Curriculum der Zauberschule Hogwarts orientiert: Zaubertränke, Pflanzenkunde, Zaubersprüche, Astronomie, Wahrsagung, Verteidigung gegen die dunklen Künste und schließlich die Pflege magischer Geschöpfe. Was die Exponate angeht, bedient sich die Ausstellung an zwei Quellen, und dass sie bei beiden so ersichtlich aus dem Vollen schöpfen kann, macht den ungeheuren Reiz des Unterfangens aus.

Zum einen sind da Schätze aus dem Bestand der British Library, bisweilen geradezu Rarissima wie etwa Jacob Meydenbachs 1491 in Straßburg gedrucktes Werk „Hortus sanitatis“, ein Werk, das in seiner Darstellung von Pflanzen hinsichtlich ihrer vermuteten medizinischen Wirkung an die Zaubertrankkunde anknüpft, die Harry und seine Freunde bei dem undurchsichtigen Professor Snape besuchen. Während in diesem Raum eine von mehreren Mitmach-Installationen am Monitor dazu einlädt, eigene Zaubertränke zu brauen (was rasch so langweilig ist, dass man absichtlich beim Schönheitstrank die falsche Reihenfolge für die Zutaten Zitronensaft, zerstampfte Perlen und Pferdedung wählt, nur um zu sehen, was passiert), zeigen verschiedene Manuskripte und Drucke, aus welchen Quellen die Autorin schöpfte, als sie ihre Zaubererwelt erschuf und wie eng sie sich dabei an die alchemistischen Traditionen hielt.

Man meint, der Autorin ständig über die Schultern zu schauen

Das gilt naturgemäß für den Stein der Weisen, der im Zentrum des ersten Potter-Romans steht. Rowling führt dabei mit dem Alchemisten Nicolas Flamel eine Figur ein, die es tatsächlich gegeben hat, und die Ausstellung zeigt diesen Zusammenhang mit dem originalen Grabstein des Magiers aus dem fünfzehnten Jahrhundert, einer Leihgabe aus dem Musée National du Moyen Âge in Paris. Auch die Ripley-Rolle, ein alchemistisches Prachtmanuskript aus dem sechzehnten Jahrhundert, findet hier ihren Platz im Zentrum eines Raums, so dass sie ausgezeichnet zu betrachten ist. Sie zeigt die vom Alchemisten-Gott Hermes Trismegistos persönlich überwachte Umwandlung von Urmaterie in die Zutaten zum Stein der Weisen (F.A.Z. vom 7. April 2017), dargestellt in einer Reihe von Bildern, die jeden der dazu notwendigen Schritte einzeln illustrieren, zudem noch magische Accessoires wie einen Bezoar-Stein aus dem Magen einer Ziege – er heilt praktisch jede Krankheit, heißt es, oder Fabelwesen wie eine aus Tierleibern zusammengefügte Seejungfrau.

So meint man, der Autorin ständig über die Schultern zu schauen, und versteht allmählich, wie tief Rowlings Zaubererwelt in der Literaturtradition verwurzelt ist, zugleich aber auch, wie eigenständig sich das Romanwerk von seinen Quellen abhebt. Dazu dient die zweite Quelle der Ausstellung. In großem Stil und überraschender Fülle enthält sie Zeichnungen, die Rowling selbst von den Schauplätzen und Figuren anfertigte, noch bevor oder während sie ihren ersten Roman entwarf.

Wir sehen ihre Vorstellung von den Lehrern, darunter eine überraschend mädchenhafte Minerva McGonagal, den glatzköpfigen Hausmeister Argus Filch mit riesiger gerunzelter Stirn und hochgezogenen Schultern, einen Lageplan von Hogwarts und eine Abfolge von sechs Zeichnungen, die die allmähliche Verwandlung jener Mauer zeigen, die den Eingang zur magischen Winkelgasse verdeckt. Vielleicht am erhellendsten ist eine Zeichnung von Harry Potter im Kreis derjenigen, die ihn widerwillig aufgenommen haben, der Dursleys. Erleben wir sie gerade in den Filmen als bösartig und misstrauisch Harry gegenüber, sehen wir nun auf Rowlings früher Zeichnung drei Menschen, denen der Schreck mindestens so nahe ist wie die Wut. Und man ahnt, wie sehr der mediale Umwandlungsprozess, in dem sich der Potter-Stoff seit langem befindet, eine Vergröberung bewirken mag, ein Schielen nach dem visuellen Effekt.

Denn natürlich, so viel Rücksicht auf das Vorwissen der Besucher muss sein, sind die Entwürfe zu den Filmen auch hier zu sehen, mit einigen hübschen Bildern, etwa eine fast impressionistisch anmutende Szene vom Bahnhof King’s Cross und dem abfahrbereiten Hogwarts-Express, gemalt von Jim Kay: Der aufsteigende Dampf hüllt alles ein, Menschen, Koffer, Eulen, nur um Harry Potter, der seinen Gepäckwagen schiebt, ist Klarheit, allerdings kontrastiert durch den suchenden Ausdruck des Jungen, der sich noch lange in dieser Welt nicht zurechtfinden wird.

Wer immer diese Ausstellung durchläuft, wird hinterher das Werk von J.K. Rowling mit allen Adaptionen nicht mehr einfach als gegeben hinnehmen. Er wird sich an die vielen Skizzen und Entwürfe erinnern, an ganze Manuskriptseiten, die durchgestrichen und neu geschrieben wurden, an Handlungsfäden, die verworfen wurden, oder auch an geänderte Namen. In diesem Sinn erweist sich die Ausstellung, ausgerechnet eine zur Magie, als desillusionierend.

Zugleich aber zeigt sie ein bewegliches Werk und eine bewegliche Autorin und schließlich die Komik, die damit einhergehen kann, in der Fiktion so gut wie in den realen Räumen der British Library. Denn die Kuratoren haben es sich nicht nehmen lassen, auch den Umhang zu zeigen, der unsichtbar macht (und, so steht es im Romanwerk, möglicherweise eines der drei gravitätischen „Heiligtümer des Todes“ ist): Wir sehen eine beleuchtete Vitrine, darin einen Haken, sonst nichts. Bei diesem Objekt wäre alles andere auch eine Enttäuschung.

A History of Magic. In der British Library, London; bis zum 28. Februar. Die beiden Kataloge kosten 30 und 12 Britische Pfund.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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