„Heavenly Bodies“ in New York

Vom Marienkult zur Modesünde

Von Michael Watzka
 - 11:02
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Für die Katholiken, schreibt der Soziologe Andrew Greeley, sei die Welt ein verwunschener Ort: Voll von Votivkerzen, Buntglasfenstern und Heiligenbildchen, offenbare er ihnen die Allgegenwart Gottes in der Schöpfung. Angenommen hat sich dieser Weltsicht nun das New Yorker Metropolitan Museum in einer Frühjahrsausstellung, die das Wort Schöpfung doppelt fasst: Unter dem Motto „Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination“ verbindet sie den reichen Metaphernkosmos des Katholizismus mit der nicht minder opulenten Welt der Mode.

Den Auftakt bildete dabei schon Anfang Mai das Schaulaufen der alljährlichen Met-Gala. Aufsehen erregte die Sängerin Rihanna, neben „Vogue“-Herausgeberin Anna Wintour eine der Gastgeberinnen. In Mitra, Minikleid und perlenbesetzter Robe, entworfen von Stardesigner John Galliano, stiftete sie der Gala eine knapp bekleidete Päpstin – und der dazugehörigen Ausstellung das bildstarke Aushängeschild. Die wiederum wartet mit einer ganzen Reihe ähnlich provokativer Looks auf. Gezeigt werden über hundert Outfits und Accessoires aus der Feder überwiegend männlicher und europäischer Designer. Den feinen Zwirn aus dem späten zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert lieferten so namhafte Häuser wie Dolce & Gabbana, Chanel oder Dior nach New York. Das Met hat ihn dort inmitten jahrhundertealter Exponate aus dem eigenen Bestand plaziert, die den Bogen zu sakraler Kunst der nachchristlichen Jahrhunderte schlagen.

Versace und Vatikan

Über insgesamt drei Stationen spürt die von Andrew Bolton kuratierte Schau so dem Einfluss katholischer Bildwelten auf Stil und Formensprache meist katholisch sozialisierter Modeschöpfer nach. Das geschieht über assoziativ gefasste Themenbereiche, vom Marienkult über die heiligen Sakramente bis hin zu den Kreuzzügen. Neben Verweisen auf Ikonographisches spielen dabei auch klerikale Gewänder eine Rolle, die als sakrale „Mode“ immer wieder den Weg ins weltliche Repertoire der Designer finden.

Den Anfang machen im Hauptgebäude rund sechzig Gewänder, die in der Abteilung für mittelalterliche und byzantinische Kunst ausgestellt sind. Auf hohen Stelen thronen eingangs fünf schwere paillettenbesetzte Abendkleider in Midilänge und Erdfarbtönen aus der Herbst-Winterkollektion 2013/14 Domenico Dolces und Stefano Gabbanas. Zu den als Besatz aufgestickten Heiligenmotiven setzen im Hintergrund unter anderem zwei byzantinische Mosaikfußböden einen historischen Kontrapunkt.

Gegenüber inszenieren fünf Abendkleider Gianni Versaces (Herbst/Winter 1997/98) die schlanken Umrisse eines Prozessionskreuzes aus dem elften Jahrhundert: feine Kristallapplikationen in Gold und Silber, angebracht auf flächig glänzender Seide. Nur ein paar Meter weiter erhebt Karl Lagerfeld das Konzernlogo selbst zur Reliquie, indem er in der Kettenstruktur seines kristallbesetzten Gilets (Chanel, 2007/08) dem Kreuz des Malteserordens das gleichermaßen ikonische Doppel-C Coco Chanels einverleibt.

Mode überstrahlt Kirchenkunst

Leibhaftig erleben lässt sich der ganz eigene Kult des Fashion-Universums dann im Umfeld dreier raumgreifender Ensembles, mit denen die als Kirchenschiff angelegte Haupthalle des Mittelalter-Flügels bestückt ist. Von einem steten Pulk Selfie-schießender Mode-Pilger umlagert, bilden eine dunkle Kombination aus Soutane und Motorrad-Lederjeans von Alexander McQueen (Givenchy, 1999), ein tiefausgeschnittenes Abendkleid Pierpaolo Picciolis in scharlachroter Kardinalsoptik (Valentino S.p.A., 2017/18) sowie ein eng taillierter, bodenlanger Vorläufer von Rihannas Galakostüm (Galliano für Dior, 2000) die Herzstücke der Schau.

Dabei zeigen bildstarke Outfits wie diese zugleich die Schwachstelle der Ausstellung. Zwar erschließen sie dem Museum via Instagram völlig neue Besucherschichten; den klug kontextualisierenden Wandtafeln zum Trotz stellen sie jedoch die umliegend ausgestellte Kirchenkunst derart in den Schatten, dass der eigene Anspruch der Schau, einen Dialog zwischen sakralem Exponat und Modeartefakt zu bieten, oft ins Leere läuft.

Besser gelingt das bei den gut zwei Dutzend Stoffen, deren Design sich an liturgischen Gewändern und Ordenstrachten orientiert. Zwei niederländische Flügelaltare aus dem fünfzehnten Jahrhundert geben mit detaillierten Darstellungen sakraler Kleiderordnung den Kontext vor. In ihrem raffinierten Spiel aus Ver- und Enthüllung folgen die davor aufgereihten, weltlichen Beispiele dann allerdings weniger dem schlichten Anspruch traditioneller Habite, als vielmehr ihrer popkulturellen Repräsentation in Film und Fernsehen.

Der Widerspruch im Mittelpunkt

Nach diesem Ritt durch die Jahrhunderte geht es einmal quer durch den Ostflügel ins „Anna Wintour Costume Center“. Leider gehen die dort gezeigten Leihgaben aus der Sammlung des Vatikans, größtenteils päpstliche Mitren, Tiaren oder Mäntel des neunzehnten Jahrhunderts, im Glamour der zeitgenössischeren Looks etwas unter. Etwas Abseits vom Rest gerät die Handvoll Artefakte eher zur pflichtbewussten Fußnote als zu einer wirklichen Ergänzung.

Zum letzten Teil der Schau geht es mit Bus oder Bahn in die rund fünfundvierzig Fahrminuten entfernten Cloisters im äußersten Norden Manhattans. Als architektonischer Verschnitt aus Kloster-Elementen vom neunten bis zum fünfzehnten Jahrhundert wartet die szenisch gelegene Met-Zweigstelle mit einer eindrucksvolle Kulisse für rund fünfzig weitere Outfits auf.

Was im überlaufenen Hauptgebäude konzeptuell oft zerfasert, funktioniert dort, auf engerem Raum und konziser gefasst, hervorragend. In der rekonstruierten Apsis einer spanischen Kirche rücken Outfits von Christobal Balenciaga oder Marc Bohan Taufe, Ehe und Eucharistie in die Nähe des Jungfrauenkults. Scheinbar nahtlos gefertigt, eröffnet Balenciagas cremefarbener Kegel aus Hut und langer Schleppe, ein Hochzeitskleid aus dem Jahr 1967, einen ganzen Reigen von Looks, die sich der Verklärung weiblicher Unschuld widmen.

Ein samtseidenes Engelsdress von Chiuri und Piccioli (Valentino, 2015) vereint in sattem Rot die Attribute von verkündendem Erzengel und Maria – die beiden Protagonisten des Mérode-Triptychons aus dem fünfzehnten Jahrhundert, das sich im selben Raum befindet. Etwas knapper fallen drei Abendkleider Jean Paul Gaultiers von 2007 aus, die mit Schleier, unbeflecktem Herzen und Heiligenschein in Blau- und Rottönen nicht nur die Ikonographie im Raum verteilter Marienstatuen aufnehmen, sondern auch die Farbpalette der im Hintergrund angebrachten gotischen Buntglasfenster.

Alle zusammen verweisen die Outfits auf den Widerspruch, der im Ausstellungstitel angelegt ist: den himmlischen Körper, dem sich die Schau nur als Ideal nähern kann. Denn wo der Katholizismus den Leib als irdische Hülle zwar fetischisiert, letztlich aber überwindet, versieht ihn die Mode mit jener zweiten Hülle, die den Körper ins Zentrum einer ganz eigenen Schöpfung rückt.

„Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination“ Im Metropolitan Museum of Art und in den Cloisters, New York; bis zum 8. Oktober. Der Katalog kostet umgerechnet 55 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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