Russische Revolution im DHM

Von der roten Flut blieb am Ende ein Hut

Von Andreas Kilb
 - 17:40
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In seiner gerade erschienenen Geschichte des Kommunismus zitiert Gerd Koenen aus den Aufzeichnungen von Trotzkis Ehefrau Natalja Sedowa, die den Machtwechsel in Petrograd am Morgen des 26.November 1917 aus nächster Nähe erlebte. In der Nacht zuvor hatte der Zweite Allrussische Sowjetkongress die „Umsturzdekrete“ Lenins angenommen und eine neue, ausschließlich aus Bolschewiki bestehende Regierung eingesetzt. Zugleich hatten Truppen den Winterpalast gestürmt, in dem die provisorische Regierung saß. Um fünf Uhr morgens war die Revolution am Ziel. Eine Stunde später versammelten sich ihre Führer mit aschfahlen Gesichtern und entzündeten Augen in einem Sitzungssaal im Taurischen Palais. Lenin, der die Stimmung des Augenblicks in Worte zu fassen versuchte, fiel, wie sich Sedowa erinnerte, unwillkürlich in die Sprache des Exils. Mit „einer kreisenden Handbewegung um den Kopf“ sagte er zu Trotzki auf Deutsch: „Es schwindelt.“

Aufreizende Sachlichkeit

Solche Schwindelanfälle bleiben dem Besucher der Ausstellung über die Russische Revolution, die vorgestern im Deutschen Historischen Museum in Berlin eröffnet wurde, glücklich erspart. Im Gegenteil, die Ausstellung ist geradezu aufreizend sachlich, sie stürmt nicht pathetisch auf ihr Thema los, sondern rückt ihm mit nüchterner Systematik zu Leibe, als wäre ihr Gegenstand nicht hundert, sondern fünfhundert Jahre entfernt.

Dennoch gibt es auch hier ein paar Objekte, die das interessierte Wohlgefallen am Historischen für Augenblicke ins Wanken bringen. Eines davon ist ein bräunliches Blatt mit kyrillischer Schrift, das in der Ausstellungs-Sektion „Utopie und Wirklichkeit“ hängt. Es enthält das Friedensdekret, einen der drei Erlasse, die Lenin in der Nacht zum 26.November im Sowjetkongress durchboxte. Mit ihm zog sich das russische Reich einseitig aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Die Utopie betrat die Bühne und erklärte das Ringen der Mächte für beendet. Ein Jahr später brachen Russlands Gegner, Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich, in sich zusammen, und der Weltbürgerkrieg der Ideologien begann: So viel Geschichte in einem kleinen braunen Blatt Papier.

Mit Objekten lässt sich Vergangenheit erzählen, aber auch verdecken. Die jüngsten Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum haben ihren Gegenstand oft unter einer Fülle von Gegenständen begraben. Die Revolutionsschau geht jetzt einen anderen Weg. Sie vermindert die Anzahl der Exponate und stärkt dafür die Rolle der Architektur. Über weite Strecken sind wir gezwungen, in die Richtung zu gehen, welche die Kuratoren vorgeben. Das heißt freilich nicht, dass die Stellwände, die sich mal serpentinenhaft winden, mal zu Kabinetten verzweigen, auch die Blickrichtung vorgeben. Unter den Raumtiteln der Sektionen bleibt Raum für Entdeckungen.

Auf einmal stehen wir vor einem Plakat, auf dem eine barfüßige Frau im roten Kleid den Volksmassen den Weg zu Lenin weist. Zwischen ihren Beinen, viel kleiner, werfen Musliminnen ihre Schleier in ein offenes Feuer. Auf den zweiten Blick sieht man, dass die Volksmassen zur Gänze aus verschleierten Frauen bestehen. Das Plakat, das 1928 zum zehnjährigen Jubiläum der Hudschum-Kampagne in Usbekistan entstand, reißt den Betrachter in die Gegenwart zurück. Der Krieg der Ideologien ist noch nicht zu Ende, das Reich der Sowjets bildet darin nur eine Etappe.

Eine andere Überraschung der Ausstellung ist die Schönheit vieler Dinge, die sie zeigt. Das Sowjetwappen, dessen rot eingefärbter Globus den Anspruch auf Weltherrschaft erhebt, ist so aus Metallstäben, Hülsen und Schrauben zusammengesetzt, dass es von innen zu klingen scheint. Die Bilder von Malewitsch, Natan Altman und Natalja Gontscharowa zeigen, dass die Kunst schon revolutionär war, bevor die Wirklichkeit es wurde. Rodtschenkos geschachtelte Quadrate und Tatlins Turmspirale haben nichts von ihrer Magie eingebüßt. Der Stalinismus hat mit diesen Wundern ebenso kurzen Prozess gemacht wie mit allen Hoffnungen der Revolution. Auf Kusma Petrow-Wodkins Familienporträt von 1927 ist der Sowjetstaat ein Schwarzwaldstübchen im Arbeiterlook. Drei Jahre später malt Otto Griebel „Die Internationale“ als Aufmarsch hohlwangiger Männer. Die Sonne der Freiheit, die sie besingen, könnte ein Lagerscheinwerfer sein.

Zum Revolutionsjubiläum erzählen Museen in Moskau und Sankt Petersburg ihre eigene Version der Ereignisse. Die Berliner Ausstellung hätte jedes Recht gehabt, die deutsche Perspektive zu betonen. Sie hat darauf verzichtet. Das Drama der ersten deutschen Demokratie füllt nur eines von sechs Kabinetten über die Folgen der Revolution in Europa. Interessant ist der Anteil antisemitischer Stereotypen in der Hasspropaganda der einzelnen Länder. In Polen, das bald gegen die Rote Armee um seine Existenz kämpfen musste, ist er am größten, in England am geringsten, die Republik von Weimar liegt in der Mitte. Schade nur, dass der Stahlhelm eines Freikorpssoldaten, auf dem schon das Hakenkreuz prangt, so ganz allein in der Vitrine liegt. Man hätte ihm gern den Hut Fritz Plattens zugesellt, des Mannes, der Lenins Reise aus der Schweiz nach Russland organisierte und 1942 am Geburtstag seines Idols im GULag erschossen wurde.

Trotz Schwächen ein Schritt in die richtige Richtung

Die Schwäche der Ausstellung liegt in der Figurenzeichnung. Über Lenins Widersacher Kerenski, über die Anführer der weißen Gegenrevolution, auch über Trotzki, Kamenew und andere erfährt man zu wenig. Dem Wimmelbild Isaak Brodskis vom zweiten Komintern-Kongress fehlt eine Medienstation, die die Köpfe mit Namen versieht. Dafür hätte man sich die Installation in der Vorhalle schenken können, in der Politiker und Autoren von heute ihren Senf zu der roten Flut geben. Immerhin nimmt man einen Satz von Wladimir Kaminer mit: „Ein Schritt in die richtige Richtung, nur mit dem Hintern nach vorn.“

Aber das sind Ausrutscher in einem insgesamt starken Auftritt. In den letzten Jahren hatte man manchmal den Eindruck, das DHM wisse nicht genau, was es eigentlich zeigen wolle. Diese Ausstellung weiß es genau. Deshalb hat sie das Exponat, vor dem uns doch noch der Schwindel überfällt, auch in einen verschließbaren Kasten gesteckt. Es sind Ausschnitte aus Sergei Eisensteins „Oktober“, der offiziellen filmischen Darstellung der Russischen Revolution. Was da gezeigt wird, ist reine Fiktion, und doch hat es die ganze Welt geglaubt, weil es besser aussieht als das, was wirklich geschah. Es lügt, es schwindelt, weil wir beschwindelt werden wollen. Das hat Lenin damals nicht gemeint. Wahr ist es trotzdem.

1917. Revolution. Russland und Europa. Deutsches Historisches Museum; bis zum 15.April 2018. Der Katalog kostet 25Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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