Einflussreichste Künstlerin

An Hito Steyerl orientiert sich eine ganze Generation

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Hito Steyerl unterwandert den Kunstmarkt und seine mächtigen Cliquen und ist dennoch auf den weltweit wichtigsten Ausstellungen präsent. Mit ihren coolen futuristischen Video-Installationen trifft sie den Nerv der Internet- und Gamer-Generation und zeigt sich mit politischen Dokumentarfilmen zugleich als Gesellschaftskritikerin. Nun mischt die unbequeme deutsche Videokünstlerin das aktuelle Ranking der hundert wichtigsten Persönlichkeiten des weltweiten Kunstbetriebs auf.

In der jedes Jahr mit Spannung erwarteten Rangliste der „Power 100“ des britischen Kunstmagazins „ArtReview“ steht Steyerl 2017 an der Spitze. Sie ist nach Ansicht einer zwanzigköpfigen anonymen Jury damit die derzeit einflussreichste Person der weltweiten Kunstszene.

Das ist nicht die einzige Überraschung der aktuellen „Power 100“-Liste. In den vergangenen Jahren schien das oft strittig diskutierte Ranking von den immergleichen Mega-Galerien (Wirth, Zwirner, Gagosian) und Starkuratoren wie Hans Ulrich Obrist beherrscht zu werden. Inzwischen aber schwächelt der Kunstmarkt – und plötzlich wird auch das alte Netzwerk der Mächtigen aufgebrochen.

An ihr orientiert sich eine ganze Generation

In die Spitzengruppe der ersten Zehn der „Power 100“ ist auch der französische Starkünstler Pierre Huyghe (Platz 2) katapultiert worden. Mit der amerikanischen Naturwissenschaftshistorikerin Donna Haraway (Platz 3) und dem französischen Soziologen Bruno Latour (Platz 9) sind erstmals auch zwei philosophische Vordenker ganz vorn.

Ein „Narrativ der Erschütterung“ nennt der „ArtReview“-Mitherausgeber Oliver Basciano die Umwälzung. „Das ist auch eine Rückversicherung, dass es verschiedene Mächte in der Kunstwelt gibt“, sagt er. „Die eine Macht ist sicher das Geld, aber es gibt auch die intellektuelle, aktivistische und politische Macht.“

Häufig gewinne ja das Geld, räumt Basciano ein. Aber Hito Steyerl sei mit ihrer Arbeit ein Störfaktor. So lasse sich die Medienkunst-Professorin mit Wohnsitz Berlin von keiner Galerie als Künstlerin präsentieren, obwohl kommerzielle Galerien ihre Arbeiten anböten. Steyerls Installationen auf der Biennale in Venedig 2015 und bei den Skulptur Projekten Münster sind vieldiskutiert, außerdem verfasst sie Bücher und theoretische Schriften, die sie auf speziellen Kanälen im Internet veröffentlicht.

Wer auf die Liste der „Power 100“ kommen will, muss auch Einfluss auf jüngere Künstler haben. „An Hito Steyerl orientiert sich eine ganze Künstlergeneration, die mit ihren Arbeiten unsere digitalisierte Gegenwart reflektiert“, hatte Kasper König, Leiter der Skulptur Projekte Münster, gesagt.

Vielleicht schauen die Jungen derzeit woandershin

Wie Steyerl ist auch der diesjährige Zweitplatzierte Pierre Huyghe weltweit präsent. Bei den nur alle zehn Jahre laufenden Skulptur Projekten, die als die kleine Konkurrenz zur Documenta gelten, waren sowohl Huyghe als auch Steyerl vertreten. Huyghe hatte in einer verlassenen Eissporthalle eine Mondlandschaft entstehen lassen und sie mit Pfauen, Bienen und Krebszellen belebt. Mit Skulptur hatte das komplexe Biotop-System wenig zu tun, umso mehr mit dem Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt.

Ökologie, Umwelt, künstliche Intelligenz - all das sind aktuelle Themen der Kunst. Dass die 73 Jahre alte Wissenschaftlerin Donna Haraway auf Platz drei landet, ist daher nicht verwunderlich. Haraway macht derzeit mit ihrem schon 1985 entstandenen „A Cyborg Manifest“ über das Ende der klaren Trennung von Mensch und Maschine wieder Furore. Nicht nur Filme wie „Blade Runner 2049“ sind von ihren Theorien beeinflusst, auch Steyerl bezieht sich auf Haraways Cyborg-Manifest.

Dass die Reichen und Mächtigen der Kunst derzeit auf hintere Plätze verwiesen werden, muss allerdings nicht so bleiben. „Es gibt weiter die wichtigen und großen Galeristen auf der Liste, und auch große Sammler sind noch da“, sagt Basciano. Einer von denen, die dieses Jahr aus den „Power 100“ rausgeflogen sind, ist übrigens Gerhard Richter. „Jüngere Maler schauen vielleicht derzeit woanders hin“, meint Basciano.

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© Kathrin Jakob, FAZ.NET
Quelle: dpa
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