„British Queer Art“ in London

Die Privatsphäre wird Bekenntnis

Von Gina Thomas, London
 - 09:26

Robert Wyndham Ketton-Cremer war ein Literat, der 1933 im Alter von 27 Jahren das jakobitische Familienanwesen Felbrigg Hall in Norfolk erbte. Er verband die Gutsverwaltung und grafschaftliche Ehrenämter, die zum Dasein eines englischen Landadligen gehören, mit seinen geistigen Interessen. Ketton-Cremer schrieb heimatkundliche Werke, Biographien des Schriftstellers Horace Walpole und des Dichters Thomas Gray, er rezensierte für den „Times Literary Supplement“ und gehörte dem Treuhändergremium der National Portrait Gallery an. Obwohl er dies nicht offen erklärte und auch keine Einzelheiten bekannt sind, galt es wohl in seinem engsten Kreis als offenes Geheimnis, dass Ketton-Cremer homosexuell war. Er starb 1969, zwei Jahre nachdem nichtöffentliche einvernehmliche homosexuelle Handlungen unter erwachsenen Männern in England und Wales entkriminalisiert worden waren. Schottland und Nordirland zogen erst in den achtziger Jahren nach. Frauen wurden nicht berücksichtigt, aber nicht aus Toleranz, sondern weil für den Gesetzgeber unvorstellbar war, dass Frauen ohne Penetration befriedigt werden konnten. Mangels Erben vermachte der ledige Gutsherr Felbrigg Hall dem National Trust. Dieser betrachtet es nun als seine Aufgabe, Licht auf das Privatleben seines Stifters fallen zu lassen. Darüber kam es zum Eklat.

Die Natur- und Denkmalpflegeorganisation ist eine von zahlreichen britischen Kultureinrichtungen, die den fünfzigsten Jahrestag der Sexualstrafgesetznovelle von 1967 markieren. In der British Library dokumentiert die Ausstellung „Gay UK: Love, Law and Liberty“ die wandelnde Einstellung zur Homosexualität seit dem Prozess gegen Oscar Wilde. Das British Museum veranschaulicht mit einer kleinen Auswahl von Münzen, Porzellan, Kleinplastiken und grafischen Werke sowie dem Verweis auf andere Objekte in der Dauerausstellung, wie die Homosexualität seit Jahrtausenden künstlerischen Ausdruck fand. Und in Aldeburgh wird die eheähnliche Beziehung des Komponisten Benjamin Britten und des Tenors Peter Pears in deren Wohnhaus in den Kontext der kulturellen, politischen und rechtlichen Lage von Homosexuellen in der Zeit vor der Reform von 1967 gestellt.

Der National Trust zelebriert unter dem Schlagwort „Vorurteil und Stolz“ sein „LGBTQ-Vermächtnis“ mit einer Fülle von Sonderveranstaltungen, als definierten sich diese Lokalitäten eher durch die sexuelle Orientierung ihrer früheren Bewohner als durch ihre Geschichte, Architektur und Einrichtung. Mindestens fünfundzwanzig Besitztümer der Stiftung seien geprägt worden von Menschen, die den Normen von Geschlecht und Sexualität nicht entsprochen hätten, heißt es in einer Verlautbarung. Dazu zählen neben Felbrigg Hall Virginia Woolfs Cottage, Monk’s House in East Sussex, Knole House, der Familiensitz ihrer Geliebten Vita Sackville West und Vorbild für das Schloss in dem Roman „Orlando“, Kingston Lacy, dessen homosexueller Besitzer William Bankes ins Ausland flüchtete, um der Strafverfolgung zu entgehen, sowie der Hadrianswall wegen der Liebe des Kaisers zu dem Jüngling Antinoos, die lehre, dass im antiken Rom gleichgeschlechtliche Beziehungen nichts Ungewöhnliches gewesen seien. Durch die Erforschung der Geschichte dieser Orte wolle man die „vererbte Zensur“ beseitigen, die dem „Verständnis und der Wahrnehmung unseres Nationalerbes im Wege stehen“.

Freiwillige Mitarbeiter müssen Abzeichen tragen

Es lässt sich streiten, ob die gleichgeschlechtliche Liebe eine „Herausforderung der Konventionen“ darstelle, wie ein Werbefilm des National Trust über Ketton-Cremer behauptet, als sei die sexuelle Orientierung eine selbstgewählte Überzeugung. Dass Ketton-Cremer ein Exemplar des von der Regierung in Auftrag gegebenen Wolfenden-Berichts über Homosexualität und Prostitution besaß, der 1957 die erst zehn Jahre später erfolgte partielle Entkriminaliserung gleichgeschlechtlicher Sexualakte empfahl, beweist, anders als der National Trust nahelegt, keineswegs, dass der Gutsbesitzer anders gelebt hätte, wenn die Homosexualität nicht bis kurz vor seinem Tod strafbar gewesen wäre. Denn zahllose Menschen jeder Orientierung möchten ihre Privatsphäre schützen, ohne dass sie sich vor Repressalien oder moralischen Tadeln fürchten müssten.

Ob das postume Outing im Sinne Ketton-Cremers gewesen wäre, wie der National Trust behauptet, sei dahingestellt. Seine Patenkinder bezweifeln das. Die Organisation sieht sich dadurch gerechtfertigt, dass Ketton-Cremers wichtigstes Vermächtnis, die Entscheidung, Felbrigg Hall dem National Trust zu überlassen, durch seine Sexualität bedingt gewesen sei, die Heirat und Kinder verhindert habe. So sicher ist sich die Stiftung ihrer sozialdidaktischen Mission, dass sie ihre freiwilligen Mitarbeiter aufforderte, Solidarität zu bekunden durch das Tragen von Abzeichen mit den Regenbogenfarben der LGBTQ-Gemeinde. Wer sich gegen diese Politisierung der Denkmalpflege sträubte, wurde vom Publikumsbereich abgezogen und mit Hinterzimmeraufgaben betraut. Erst als dem National Trust ähnliche Protestwellen entgegenschlugen wie bei seinem Versuch, die christliche Bedeutung des Osterfestes herunterzuspielen durch die Entfernung des Wortes Ostern von der Werbung für die traditionelle Eiersuche auf seinen Anwesen, lenkte er ein. Es bleibe jedem Einzelnen überlassen, ob er das Abzeichen trage, hieß es dann.

„Gay Britannia“-Saison

Die Organisation verweist darauf, dass sie zum Wohl der Nation gegründet worden sei und „leidenschaftlich glaubt, dass es unsere Aufgabe ist, jeden auf unseren Liegenschaften willkommen zu heißen, wie es unsere Gründer gewollt hätten.“ In dem Streben nach zeitgeistlicher Relevanz scheint der National Trust jedoch zu verkennen, dass Inklusivität nicht bedeutet, Wertvorstellungen durch Abzeichenpflicht durchzusetzen.

Der Journalist Peter Wildeblood, der 1954 zusammen mit Lord Montagu und dessen Vetter Michael Pitt-Rivers wegen homosexueller Vergehen verurteilt wurde in einem Prozess, der ähnlich Skandal machte wie 1895 das Verfahren gegen Oscar Wilde, schrieb in seinen nach der Entlassung aus dem Gefängnis veröffentlichten Erinnerungen: „Das Recht, das ich für mich und für alle, die wie ich sind, beanspruche, ist das Recht, den Menschen zu wählen, den ich liebe.“ Dass der erste gesetzliche Schritt zur Erlangung dieses Rechts 1967 getan wurde, verdankt sich nicht zuletzt Wildebloods Mut zum Bekenntnis. Er hat eine Schlüsselrolle in der Kampagne gegen die Diskriminierung gespielt, wie die BBC jetzt im Rahmen ihrer „Gay Britannia“-Saison zum Jahrestag des Sexualdeliktgesetzes mit einem bewegenden Dokudrama über das Unrecht beleuchtet hat, dem Homosexuelle ausgesetzt waren.

Verwirrung um das ständig wachsende Akronym LGBTQ+

Die Kampagne wurde allerdings mittlerweile gekapert von einer ideologischen Bewegung des Andersseins, deren doktrinäre Identitätspolitik diejenigen liberalen Kräfte in Verlegenheit bringt, die sich für die Gleichstellung von Homosexuellen einsetzten, bei dem Regierungsvorhaben, die Selbstbestimmung des Geschlechts auf amtlichen Dokumenten zu erlauben, jedoch nicht mehr mithalten können.

Die Verwirrung der in dem ständig wachsenden Akronym LGBTQ+ gebündelten Regenbogen-Vorstellungen findet auch Niederschlag in der großen Ausstellung „Queer British Art“, mit der Tate Britain aus gegebenem Anlass auf die Vielfalt künstlerischer Stellungnahmen zur sexuellen Identität zwischen der Abschaffung der 1533 eingeführten Todesstrafe für Sodomie im Jahr 1861 und der Reform von 1967 aufmerksam machen will. In diesem Zeitraum wurde das Wort „queer“ seltsam abschätzig auf Homosexuelle angewandt, um deren als abweichend empfundenes Wesen zu kennzeichnen. Inzwischen haben sich nicht nur Teile der Schwulenbewegung den Begriff trotzig zu eigen gemacht. Er dient auch als Synonym für LGBTQ.

Angesehener Angehöriger der kriminellen Klasse

In diesem Sinne wird er von Tate Britain verwendet, obwohl sich damit aktivistische Tendenzen verbinden, die damals nicht geläufig waren, selbst wenn die ihnen zugrundeliegenden Empfindungen so alt sind wie die Menschheit. „Queer British Art“ vermischt Sozial- und Kunstgeschichte mit ergreifenden Einzelschicksalen und Anekdoten. Neben den Kunstwerken sind auch Memorabilien ausgestellt, die ikonischen Charakter bekommen haben, etwa die Tür zu Oscar Wildes Zelle im Gefängnis zu Reading und die verhängnisvolle Visitenkarte, auf der ihn der Vater seines Geliebten Alfred Douglas der Sodomie bezichtigte, der scharlachrote Morgenmantel des Dramatikers, Schauspielers und Chansonniers Noël Coward und eine alte Keksdose, gefüllt mit mehr als zweihundert Uniformknöpfen, jeder Knopf die Erinnerung des Künstlerpaares Richard Chopping und Denis Wirth-Miller an eine sexuelle Begegnung mit einem der Soldaten, die in ihrer Nähe stationiert waren.

Die Ausstellung macht deutlich, wie unterschiedlich einzelne Figuren, bedingt durch Umstände und Temperamente, mit ihrer Sexualität umgingen zu einer Zeit, in der die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks gehemmt war durch die Angst, der Strafverfolgung und Schande preisgegeben zu werden. Simeon Solomon, dessen parfümierte präraffaelitischen Bilder sich wie verschlüsselte Botschaften lesen, ging daran zugrunde. Keith Vaughan quälte der Gedanke, dass seine Beschäftigung mit der männlichen Figur stets „den Makel einer homosexuellen Konzeption“ trage und dass er trotz seines Ansehens „der kriminellen Klasse“ angehöre. Francis Bacon betrachtete die Homosexualität als Krankheit, David Hockney zelebrierte sie bereits, als sie noch strafbar war.

Wenig Unterschied zwischen Kunst und Biographie

Bei der Auswahl der Exponate wird zu wenig unterschieden zwischen Kunst und Biographie. Für die Wahrnehmung von John Singer Sargents Bildnis der Schriftstellerin Vernon Lee und Dora Carringtons Porträt des Literaten Lytton Strachey sind die persönlichen erotischen Neigungen nebensächlich. Dahingegen ist die Sexualität bei Hannah Glückstein, die sich den Künstlernamen Gluck zulegte, Bestandteil androgyner Selbstdarstellung. Oft werden aufgrund der Lebensgeschichten allerdings auch Deutungen in die Bilder hineingelesen. So wollen die Kuratoren in Ethel Sands’ postimpressionistischem Interieur „Tee mit Sickert“, in dem der Künstler einer Frau gegenübersitzt, die womöglich die Lebensgefährtin der Malerin ist, queere Unterströmungen entdecken, die dem scheinbar traditionellen Interieur vermeintlich eine subversive Note verleihen. Überhaupt wird der Blick immer wieder verzerrt durch Argumente und spekulative Thesen, in denen sich die heutige Sicht auf sexuelle Identitätsfragen spiegelt.

Ein eklatantes Beispiel liefert das 1913 datierte Selbstporträt der heterosexuellen Künstlerin Laura Knight bei der Arbeit an einem Frauenakt nach dem lebenden Modell. Frauen waren damals an den Kunstakademien von Modellzeichnungskursen ausgeschlossen. Das Bild, das damals Anstoß erregte bei prüden, sexistischen Kritikern, versteht sich als selbstbewusste, feministische Antwort auf die Diskriminierung von Frauen, nicht jedoch als Ausdruck gleichgeschlechtlichen Begehrens, wie suggeriert wird. Der Katalog behauptet, viele der in der Ausstellung repräsentierten Künstler hätten „die Zwänge des Geschlechtsunterschieds, der Gender-Identität und normativer Beziehungsmodelle zwischen den Geschlechtern“ in Frage gestellt oder versucht, sich darüber hinwegzusetzen. „Die Ablehnung des Filters konventioneller Annahmen über Geschlecht, Gender, Identität, Sexualität und die Beziehung zwischen manchen oder all diesen Dingen, kann die Augen öffnen für neue Betrachtungsweisen bei der Erwiderung auf die unglaubliche Vielfalt an queeren Einladungen, Provokationen und Möglichkeiten, die diese Werke anbieten.“

Die Künstlerin Maggi Hambling, die mit 71 Jahren wohl zu jung ist für den Zeitrahmen der Ausstellung, bringt den Ansatz zur Gender-Debatte mit erfrischender Unverblümtheit zum Platzen. In einer BBC-Fernsehsendung, in der mehr als zwanzig Künstler, Schriftsteller, Musiker und Schauspieler erörterten, wie ihre Sexualität sich auf ihr Schaffen ausgewirkt habe, lehnte die lesbische Malerin Kategorien wie Frauenkunst oder schwule Kunst oder heterosexuelle Kunst prinzipiell ab. „Kunst ist Kunst“, sagte sie und frotzelte, es sei so verdammt modisch geworden, queer zu sein, dass sie sich überlege, zur Heterosexualität überzugehen.

Der Katalog kostet 24,99 Pfund; The Red House, Aldeburgh, Queer Talk: Homosexuality in Brittens Britain, bis 28.Oktober; British Museum, Desire, Love Identity, bis 15.Oktober; British Library, Gay UK: Love, Law and Liberty, bis 19. September.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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