Kunst in Lemberg

Kronjuwelen brennen nicht

Von Kerstin Holm, Lemberg
 - 08:04

Lemberg, die Kulturhauptstadt der Ukraine, bekräftigt den Anspruch des Landes, Teil Europas zu sein, schon durch ihre Kunstschätze. Die staatlichen Sammlungen umfassen byzantinische Altertümer, Ikonen einer originellen regionalen Tradition, kernige frühe Porträts, aber auch hochklassige europäische Malerei sowie Hauptwerke eines ebenso überragenden wie rätselhaften Bildhauers der osteuropäischen Gegenreformation. Die vielfältigen, über mehrere Häuser verteilten Exponate zeugen hier von barock überformten Wurzeln in der Kiewer Rus, da vom Geschmack polnischer Magnaten, dort von der Weltläufigkeit des Habsburgerreiches, dessen Flair die Stadt bis heute besitzt.

Die Kriege des vorigen Jahrhunderts haben freilich tiefe Wunden hinterlassen. Lemberg, in der Zwischenkriegszeit ein Teil von Polen, wurde durch den Hitler-Stalin-Pakt sowjetisch, bald jedoch von Nazi-Deutschland besetzt, das die jüdische Bevölkerung nahezu vollständig auslöschte, aber auch Ukrainer und Polen in Konzentrationslager warf. Wegen der Grenzänderung nach dem Ersten Weltkrieg brachten Emigranten einen Teil der Kulturgüter nach Polen. Vieles verschleppten jedoch die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg, etwa jene 24 Dürer-Zeichnungen, die die polnische Fürstenfamilie Ljubomirski im neunzehnten Jahrhundert für ihr Lemberger Privatmuseum gestiftet hatte und die Hitler seinem Linzer Museum einverleiben wollte. Nach Kriegsende landeten die Blätter im amerikanisch kontrollierten Collecting Point in München. Als 1947 der in der Schweiz lebende Fürst Georg Ljubomirski Anspruch auf sie erhob, gaben die Amerikaner dem statt, wohl wegen des beginnenden Kalten Krieges und weil der Fürst erklärt hatte, er wolle die Bilder der Washingtoner National Gallery schenken. Dann ließ Ljubomirski aber die Blätter versteigern, die heute über mehrere Museen in den Vereinigten Staaten, den Niederlanden, Großbritannien und Kanada verstreut sind.

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Nur vereinzelte Kostbarkeiten kamen aus Übersee zurück, und zwar aus dem Nachlass des Archäologen Jaroslaw Pasternak, der zur Zeit der deutschen Besatzung die Lemberger Staatssammlung von Altertümern leitete. Pasternak, der noch in der österreichischen Armee gedient und außer in Galizien in Prag gegraben und gelehrt hatte, war mit der abrückenden Wehrmacht über Polen nach Deutschland geflohen und später nach Kanada emigriert. Spätere ukrainische Historiker warfen ihm vor, er habe mit den Nationalsozialisten kollaboriert. Doch dafür gebe es keine Anhaltspunkte, versichert die Lemberger Kunstwissenschaftlerin Olga Perelygina, die über Pasternak geforscht hat. Der Gelehrte habe alles getan, um die ihm anvertrauten Kulturgüter für sein von Besatzern überrolltes Land zu retten. Dafür spreche, dass er die wertvollsten archäologischen Schätze – gut fünfzig antike Gold- und Silberschmuckstücke – dem professionell wie ethisch über jeden Zweifel erhabenen Direktor des Nationalen Kunstmuseums, Ilarion Swenzitzki, anvertraute, der sie nach Kriegsende intakt dem staatlichen Museumsfonds aushändigte. 1991 wurden sie wieder in die Sammlung des Historischen Museums integriert. Pasternak nahm allerdings aus der Staatssammlung einen mit Emaildekor versehenen byzantinischen Schläfenanhänger aus Gold und eine Reliefdarstellung eines altrussischen Fürsten aus Elfenbein, beide aus dem zwölften Jahrhundert, in seinem Privatgepäck mit. Perelygina sieht darin dennoch vor allem eine „Rettung“. Der Gelehrte, der in Armut gelebt habe, hätte die Kleinodien teuer verkaufen können, was er nicht tat. Stattdessen verfügte er in seinem Testament, die beiden Stücke seien der Ukraine zurückzugeben, sobald sie unabhängig sei. 1997 wurden sie von einer Kanadierin mit ukrainischen Wurzeln dem Lemberger Historischen Museum übereignet und sind seitdem in dessen Schausälen am Marktplatz zu bewundern.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlor Lemberg nicht nur fast seine gesamte polnische Bevölkerung, sondern auch einen Großteil des vor allem sakralen Skulpturenbestands. Der einzige in der Stadt verbliebene polnische Forscher Mieczyslaw Gebarowicz bezifferte zur Zeit der Perestrojka die in der Region von den sowjetischen Machthabern zerstörten Plastiken auf siebzig Prozent des in den dreißiger Jahren vorhandenen Bestandes. Besonders schmerzen die Verluste der Werke von Johann Georg Pinsel, einem überragenden Stein- und Holzbildhauer, der eine expressiv bewegte Bildsprache am Schnittpunkt von Manierismus und Barock fand. Von Pinsel kennt man weder seinen Lehrmeister noch seine Lebensdaten. Ende der vierziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts tauchte er in Butschatsch bei dem ebenso kunstsinnigen wie exzentrischen Edlen Mikolaj Bazyli Potocki (um 1707 bis 1781) auf, der mehrere Kirchen und Klöster von ihm ausstatten ließ. Ein charaktervolles Bildnis von Potocki prangt in der Lemberger Nationalgalerie.

Pinsels exaltierte Heiligenfiguren stehen gleichsam unter Strom. Der sich in einer Schraubdrehung umwendende Evangelist Johannes spannt jede definierte Sehne seines ausgemergelten Körpers. Der anbetende Engel verrenkt die muskulösen Arme. Ein Spitzenwerk ist die überlebensgroße Figur der heiligen Elisabeth aus der zerstörten Kirche der Unbefleckten Empfängnis, die ihre Fassung und ihre Hände verloren hat.

Dass diese Kronjuwelen des Lemberger Kulturerbes erhalten sind, ist das Verdienst des Kunsthistorikers und langjährigen Direktors der Nationalgalerie Borys Wosnyzkyj (1926 bis 2012), der sie in den sechziger Jahren in unermüdlichen Bergungsexpeditionen aus zerstörten und zweckentfremdeten Kirchen, aus Lagerschuppen und Dachböden zusammentrug. Die heilige Elisabeth, die zum Skulpturenschmuck der Kirche der Unbefleckten Empfängnis in Horodenka gehört hatte, entdeckte Wosnyzkyj in dem als Berufsschule genutzten Gotteshaus inmitten eines Stapels von Pinsel-Plastiken, die verheizt werden sollten. Die heilige Anna aus dem gleichen Ensemble fand er auf einem Friedhof, wo sie als Grabmal diente. Erst allmählich wird Pinsel gebührend gewürdigt. Auf eine Ausstellung im Louvre 2012 folgte vor einem Jahr eine Pinsel-Schau im Wiener Belvedere.

Die Nationalgalerie geht auf das 1907 eröffnete Stadtmuseum zurück, dem 1940 die vor allem aus polnischem Besitz enteigneten Privatsammlungen zugeschlagen wurden. Dazu gehört das Gemälde das französischen Caravaggisten Georges de la Tour, „Beim Wucherer (Auszahlung)“, Tizians Porträt eines älteren Mannes, die Goldtafel eines gotischen Meister aus dem Elsass mit drei anmutigen heiligen Frauen. In der ständigen Schau hängen auch Bilder, die sowjetische Truppen in Deutschland erbeutet haben, darunter ein „Sonnenuntergang“ von Karl Friedrich Schinkel, eine Waldszene mit Diana und Aktäon von Friedrich Preller und ein großformatiger „Wasserfall“ von Josef Thoma. Die etwa hundertfünfzig Gemälde, die die Nationalsozialisten gestohlen hätten, würden dadurch nicht kompensiert, sagt der Chefkustode des Hauses, Ihor Chomyn; das Museum wolle seine Bestände aber nicht verheimlichen.

An Restitution von Kulturgütern sei auf absehbare Zeit nicht zu denken, erfährt man von dem Historiker Sergej Kot, dem führenden ukrainischen Experten in Sachen Beutekunst. Die von den Deutschen aus der Sowjetunion geraubten Kunstschätze stammten zu zwei Dritteln aus der Ukraine, so Kot. Sein Land habe dann in den fünfziger Jahren 550 Beutebilder an Dresden zurückgegeben, 2001 das Bach-Archiv an Berlin und im 2004 139 Zeichnungen der Koenigs-Sammlung an die Niederlande. Da aber im Gegenzug aus Deutschland keine Raubkunst zurückgekommen sei, werde das von Museumsleuten und Politikern heute eher bedauert. Über die nach Polen transferierten Kulturschätze wisse man zwar recht gut Bescheid, sagt der Wissenschaftler. Etwa dass das Rembrandt-Selbstbildnis aus Lemberg in Krakau lagere, ebenso wie die Fibula-Sammlung der Kiewer Universität und auch Lemberger Gerichtsbücher. Die Polen dächten freilich nicht daran, irgendetwas in die Ukraine zurückzuführen. Sie betrachteten nicht nur die meisten dieser Dinge, sondern auch die jetzigen Bestände der Lemberger Museen zum größten Teil als ihr rechtmäßiges Eigentum.

Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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