Jeff Wall in Mannheim

Doppeldeutige Spurensuche in rätselhaften Szenerien

Von Katinka Fischer
 - 21:47

Kriminalistische Spurensicherung folgt einem strengen Ablauf. Zuerst schicken die Ermittler andere Menschen weg vom Tatort. Hat sich das Verbrechen in einem Haus zugetragen, müssen sie anschließend herausfinden, wer dort gewohnt hat. Indem sie zum Beispiel nach persönlichen Papieren suchen. Was der kanadische Fotokünstler Jeff Wall von einem befreundeten Polizisten über dessen Arbeit erfuhr, hat ihn zu dem Bild „Search of premises“ inspiriert. Der mehr als zweieinhalb Meter breite Farbabzug aus dem Jahr 2009 zeigt zwei Männer in schusssicheren Westen, die in einem merkwürdig möblierten Wohnzimmer Schriftstücke studieren. Auf einem ovalen Tisch, an dessen unambitionierter Ästhetik ein vergilbter Läufer nur wenig ändert, liegt eine Baseballkappe, darunter ein Stillleben aus Turnschuhen und Kleiderstücken. Eine ganz andere Ordnungsauffassung kommt in dem beigefarbenen Teppich zum Ausdruck, der aussieht wie frisch schampooniert.

Aus den Fernsehkrimis kennt man solche Szenen anders. Da gibt es verwüstete Räume, blutbespritzte Wände, eine Leiche. Walls Motiv erzählt aber keine Geschichte von Täter und Opfer, sondern gibt der Akribie Gestalt, mit der die Polizisten vorgehen. „Search of premises“ ist Teil von Walls großer Einzelausstellung im soeben eröffneten Neubau der Kunsthalle Mannheim. Unter dem Titel „Appearance“ versammelt die von Sebastian Baden kuratierte Schau dreißig Bilder aus vier Jahrzehnten. Von den musealen Retrospektiven der Vergangenheit unterscheidet sie sich auch deshalb, weil sie keinen einfachen Querschnitt durch das Schaffen des 1946 in Vancouver geborenen Künstlers zieht, sondern durch thematische Gruppierung Schwerpunkte sichtbar macht.

Mit monumentalen, von hinten beleuchteten Diapositiven in Aluminiumkästen hat Jeff Wall Maßstäbe gesetzt. Stets wurden sie in Verbindung gebracht mit der französischen Malerei und der beginnenden Moderne, allen voran mit Manets Gemälden. Auch hält er sich mit Landschaften, Interieurs und Figurenbildern an die klassischen Bildgattungen. Darüber hinaus erweitern Motive wie das früheste „Picture for Women“ aus dem Jahr 1979, „Restoration“ oder „Adrian Walker“ die Grenzen der Fotografie vom abbildenden zum bildnerischen Medium. In der Praxis führt das zu der unsicheren Frage, ob es sein kann, dass, wie in „The Flooded Grave“, in einem offenen Grab Seesterne schwimmen. Die rätselhaften Geschichten, die kleinen Dramen, die sich etwa im schwarzweißen „Passerby“ abspielen, oder eine schräge Szene wie in „A man with a rifle“ scheint Wall weniger erzählen, als durch das Auslösen seiner Kamera unterbrechen zu wollen. Niemand weiß, was war und was wird.

Die Freiheit eines Malers

Geradezu unauffällig fügt sich „Search of premises“ in den Rundgang durch die untere Ebene des dreigeschossigen, nach den Plänen des Hamburger Büros gmp innerhalb von drei Jahren errichteten Gebäudes. Dabei handelt es sich um ein programmatisches Bild. Schon weil Wall bei seiner Arbeit ähnlich kontrolliert vorgeht wie die von ihm abgebildeten Polizisten und es zu Walls Spätwerk gehört, das in Mannheim ungewöhnlich breit präsentiert wird. Vor allem aber, weil der Bildtitel noch eine andere Interpretation zulässt. Denn es geht nicht allein um polizeiliche Spurensuche. Auch die Tradition der Malerei hinterlässt weiterhin Spuren. So eröffnet ein Durchgang den Blick auf eine Küche, in der rechtwinklige Flächen und Linien ein an Piet Mondrians Kompositionen erinnerndes Bild ergeben. Das minimalistische Tapetenmuster und die semantische Nähe eines Fernrohrs zu Vermeers „Astronom“ wollen ebenfalls wahrgenommen werden.

Die Entscheidung, die Ausstellung etwa zur Hälfte mit Walls Spätwerk zu bespielen, erfordert den kuratorischen Mut, weniger der populären „Lightboxes“ zeigen zu können. Dass der Künstler seit 2007 ausschließlich Papierabzüge hervorbringt, hat sich auf Sujet und Methode kaum ausgewirkt. In stattlichem Rahmen und hinter Glas wirken sie nicht weniger objekthaft und strahlend als die Leuchtkästen. Dass sich Wall unterdessen von seinem an die Malerei angelehnten Prinzip der singulären Fotografie entfernt, geht zu Lasten der formalen und inhaltlichen Vieldeutigkeit. Das Diptychon „Summer Afternoons“ und das Triptychon „Staircase & two rooms“ suggerieren einen szenenartigen Ablauf und damit eine regelrechte Dramaturgie. Die 2006 entstandene Szene wartender Menschen „In front of a nightclub“ findet 2011 mit „Band & Crowd“ sogar eine Fortsetzung: Man sieht eine Musikgruppe auf der Bühne eines Nachtclubs und erfährt damit, worauf die Menschen aus dem älteren Bild gewartet haben könnten. Wall hat die Fotografie einst auch deshalb zu seinem Medium gemacht, weil er unzufrieden damit war, dass sie vor allem zwischen Buchdeckel passen sollte. Er nahm sich die Freiheit eines Malers, als er seine Motive auf ein Maß brachte, auf dem er Menschen in Lebensgröße abbilden konnte. In den gut sechs Meter hohen, klar strukturierten Räumen der neuen Kunsthalle sind Walls Bilder gut aufgehoben. Dass sie von der Tageslichtflut, die sich aus 22 Meter Höhe durch das Glasdach des Atriums ins Innere ergießt, wenig abbekommen, ist nicht von Nachteil.

Schwebend in bleierner Schwere

Mit dem 70-Millionen-Euro-Projekt des Neubaus rückt die Kunsthalle Mannheim auf in die erste Liga der deutschen Museumsarchitektur. Im historischen Herzen der Stadt tut sich die bräunliche, äußerlich eher spröde Fassade des quaderförmigen Gebäudes nur wenig hervor. Warum die Stahlbeton-Schale mit einer halbtransparenten, textil anmutenden Jalousie aus Metallgewebe verhängt wurde, versteht man aus der Innensicht besser: Durch zahlreiche Glaselemente ist die Urbanität stets präsent und bleibt doch auf Distanz. Das Schicksal des 1907 errichteten Jugendstil-Altbaus hat sich dadurch nicht wesentlich verschlechtert – auch hinter dem ersten Neubau aus den achtziger Jahren, der für den Nachfolger abgerissen wurde, waren die roten Sandsteinmauern schon so gut wie verschwunden. Immerhin ragen jetzt noch zwei Pfeiler in den Lichthof und sind dort mehr als spolienartige Reminiszenz: Sie markieren den Eingang zu der von James Turrells blassvioletter Lichtkunst flankierten „Passage“, die in den umso dunkler erscheinenden Altbau führt.

Das Atrium ist umgeben von einem System aus Treppen, Brücken und Galerien, über die sich weitere Ebenen erschließen. Dahinter folgen die Räume einer so klaren Ordnung und verlaufen die Wege so gerade, hell und übersichtlich, dass sich ein Lageplan fast erübrigt. So wird der heterogene Mannheimer Besitz an Kunst seit dem neunzehnten Jahrhundert in den beiden oberen Geschossen strukturiert präsentiert und kommt auch die Skulpturenstärke zu angemessener Wirkung. Ganz oben befindet man sich auf Augenhöhe mit Anselm Kiefers Relief „Sefiroth“, dessen bleierne Schwere über dem Foyer zu schweben scheint. Das Werk verweist dort auf das kapitale Konvolut an Kunst des Maler- und Bildhauer-Berserkers, das man in Mannheim seit einer privaten Schenkung besitzt. Unterdessen hängt Manets „Erschießung Kaiser Maximilians“ im ersten Stock hinter Rita McBrides „Arena“. Auf den Bänken der Holztribüne wird der Betrachter zum Voyeur und die im Gemälde dargestellte Hinrichtungsszene zum öffentlichen Spektakel. Mit dem raumfüllenden Konstrukt die Sicht auf eines der kostbarsten Werke des Hauses zu versperren grenzt trotzdem an Frevel. Fotografie ist in der Mannheimer Sammlung quasi gar nicht vertreten. Jeff Wall „passt“ trotzdem gut dorthin. Aus der gemeinsamen Nähe zur Kunst des neunzehnten Jahrhunderts ergibt sich eine mindestens ebenso aussagekräftige Beziehung zwischen der künstlerischen Position und ihrem derzeitigen Ort.

Jeff Wall. Appearance. In der Kunsthalle Mannheim; bis 9. September. Der Katalog kostet 29,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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