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Miró-Ausstellung in Brühl

Der Strand des Lebens gebiert Monster

Von Luise Schendel
 - 09:56
Surreale, aber eigentümlich beseelt erscheinende Totems wachen über die Ideenwelt Joan Mirós: „Frau und Vogel“ aus dem Jahr 1967 Bild: dpa, F.A.Z.

Es ist ein schwülwarmer Tag im Sommer des Jahres 1970, als Joan Miró in sein großzügiges Atelier zurückkehrt. Gerade noch hat er sich am Strand die heiße Sonne auf den Rücken scheinen lassen, nun trägt er ein helles Hemd. Der Form halber. Vielleicht, weil „sie“ ihn erwarten. Sie, die mit ihren großen runden Mündern, ihren winzigen Köpfen und ihren Drahthaaren seine Aufmerksamkeit einfordern. Die kleine Armee der bronzenen Dämonen steht auf dem Boden, hängt an den Wänden oder hat eine Nische auf den braunen Holzschränken ergattert. Bald schon wird sie sich vergrößern. Einen ersten Schritt dahin hat Miró an diesem Tag unternommen.

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Er hat es über die Jahre zu einer schönen Angewohnheit werden lassen, auf seinen Spaziergängen verlorene, entsorgte und vergessene Überbleibsel der Alltagswelt aufzuklauben, die im Atelier zu einem gänzlich anderen Wesen mutieren. Diesmal hat er einen rostigen Metallreifen vom Wegesrand aufgelesen, der von kleinen silbernen Nieten zusammengehalten wird.

Vexierspiel mit den Grenzen der Realität

Auch der Metallreifen wird wenige Wochen später, in Bronze gegossen, in einer Kreatur aufgehen, die Kunst ist und auch nicht, die Mensch ist und gleichzeitig nicht weniger human wirken könnte: Zwei kurze braune Bretter und ein länglicher Klotz dienen als Kopf, zwei massige, grün patinierte Beine geben dem Wesen seinen Stand. Und der Reifen? Er hat seine neue Bestimmung als Torso gefunden, an dem ein großer, grün patinierter Wasserhahn eine humoristische Reminiszenz ans Wasserlassen impliziert.

Ein neu geborenes Ungetüm, eines von vielen in Mirós Atelier – und eines von siebzig in der Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl, die sich auf die Suche nach dem Grund hinter dem plastischen Spätwerk der sechziger und siebziger Jahre begibt. Und dabei immer wieder um den Begriff „Monster“ kreist. Ein Terminus, den der Katalane selbst verwandte, wenn er von seinen Bronzen sprach; ein kleines Vexierspiel mit den Grenzen der Realität.

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Antifigur eines jeden göttlichen Plans

Oft tauchen Monster dort auf, wo man sie nicht vermutet, aber dringend braucht. Sphingen bewachen die Grabmäler altägyptischer Herrscher, Zentauren verbreiten als Symbole ungezähmter Grausamkeit Angst und Schrecken in griechischen Mythen, Zwitterwesen aus Menschen und Fischen locken Seefahrer in den sicheren Tod. Fabelwesen wie diese finden sich nicht zufällig in allen Epochen wieder. Kälber mit zwei Köpfen oder Schweine, aus deren Rücken Beine wachsen, bevölkern auch die Arbeiten Albrecht Dürers. Das furchtsame Staunen seiner Zeitgenossen über diese dem Grunde nach harmlosen Mutationen wusste der Künstler schon früh für sich zu nutzen.

Als Personifikation des Teufels selbst gaben sie, meist in Kombination mit Klauenhänden, gespaltenen Hufen und Widderhörnern, dem absurden Bild der Sünde ein haariges Gesicht. Friedrich Nietzsche hätte diese düstere Personifikation nicht besser beschreiben können, als er einmal schrieb: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Der perfekte Bösewicht als Spiegel gesellschaftlicher Abgründe und die in ihrer unnatürlichen Körperlichkeit klar definierte Antifigur eines jeden göttlichen Plans war im ausgehenden Mittelalter von unschätzbarer Symbolkraft.

Zwitterwesen aus „toten Dingen“

Sie bestätigten nicht nur die vorherrschende Weltsicht und festigten damit den Einfluss der Mächtigen, sondern ließen auch die Absatzzahlen für Kupferstiche, Zeichnungen und Gemälde in die Höhe schnellen. Wie bei Dürer folgt die Geburt aller Monster der Kunst- und Filmgeschichte somit mindestens der Absicht ihres Schöpfers. Und Joan Miró? Was bewegte ihn zu jenen wenig bekannten, gabelköpfigen, glubsch- und hohläugigen Müll-Kreaturen, die nun im Max Ernst Museum Brühl als stummes Heer der Absurdität versammelt sind? Nicht mehr und nicht weniger als ein Mikrokosmos seiner Gedanken, ein fernes Abbild seiner Erinnerungen und der Nachhall des Franco-Regimes.

„In der Plastik erschaffe ich eine wahrhaft traumhafte Welt lebender Monster“, hatte der 1893 in Barcelona geborene Katalane einst gesagt. Nun wachen sie in der Ausstellung „Miró. Welt der Monster“ als surreale, aber eigentümlich beseelt erscheinende Totems über seine Ideenwelt. Es sind Zwitterwesen aus „toten Dingen“, die hier zu einem neuen Leben auferstehen. Nach Art der Surrealisten fügt Miró Schildkrötenpanzer, alte Töpfe und Puppenteile aneinander, die er auf der Straße oder am Strand gefunden hat. Nicht dass er sie nach einem inneren Plan aufbauen würde, nach Skizzen oder äußeren Vorgaben. Er stellt sie dem Betrachter als Ungetüme vor, die sich nur auf den ersten Blick als humoristische Sinnbilder der eigenen, als monströs empfundenen Realität anbieten. Und folgt damit demselben Prinzip wie Dürer.

Den Menschen einen Dienst erweisen

Während die Sünde sich bei dem Deutschen als Patchwork-Teufel darstellt, passt Miró die zusammengestückelten Figuren in ein künstlerisches Panoptikum des Bürgerkriegs ein. Als der General Franco 1939 die Herrschaft seines Regimes ausruft und Hunderttausende politischer Gegner internieren oder hinrichten lässt, beginnt Miró, bis dahin als Schöpfer heiterer und verspielter Collagen und Malereien bekannt, tragisch-groteske Werke zu erschaffen.

Zwar wirken Mirós Arbeiten noch immer scherzhaft, doch wenn der von Natur aus schweigsame und zum Pessimismus neigende Künstler in einem Mischwesen aus Schildkrötenpanzer, Puppenhand, Menschenfuß und Stock eine „Frau“ zu erkennen glaubt, dann entsteht vor ihm eine Kreatur, die alles andere als heiter ist und eher auf den gequälten, mutilierten und mutierten Menschen verweist. Eines von vielen seiner plastischen Mahnmale gegen die Vereinnahmung als Mensch und Künstler durch totalitäre Regimes.

„Ich verstehe den Künstler als jemanden, der inmitten des Schweigens der anderen seine Stimme gebraucht, um etwas zu sagen“, schrieb Joan Miró einmal, „und der die Verpflichtung hat, dass dies nicht etwas Unnützes sei, sondern etwas, das den Menschen einen Dienst erweist.“ Seinen Monstern gelingt nicht weniger als dies.

Miró – Welt der Monster. Max Ernst Museum Brühl, bis 28. Januar 2018. Der Katalog kostet 44 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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