Josef Albers im Guggenheim

Gelobtes Land der Abstraktion

Von Michael Watzka
 - 10:14

Am Ende war es nur noch das Quadrat: In tausendfacher Ausführung steht es, immer zu dreien oder vieren konzentrisch ineinander verschachtelt, im Zentrum von Josef Albers’ mehr als 2000 späten Studien und Gemälden. Die Serie „Hommage to the Square“, die der Bauhaus-Künstler von 1950 bis zu seinem Tod 1976 immer wieder erweiterte, bildet in ihrer Redundanz den logischen Schlusspunkt seines abstrakten Werks. Das legt derzeit eine bemerkenswerte Ausstellung im New Yorker Guggenheim Museum nahe, die Albers’ zahlreichen Reisen zu Ausgrabungsstätten in Mexiko nachspürt – und deren Spuren in seinem Werk.

Als Abschluss der Schau sind die sieben Stücke der Hommage-Serie dramaturgisch gut gewählt. Die steil ansteigenden Rampen der Pyramiden von Teotihuacán und die eng gestaffelten Stufen der Tempelruine Monte Albán nehmen mit ihren lotrecht zum Boden hin abschließenden, flachen Plateaus sowohl die rechten Winkel als auch die Flächigkeit als Essenz seiner späteren Quadrate bereits vorweg. In den vierziger Jahren war es für Albers zunächst die Handhabe einer dem abstrakten Vokabular der indigenen Kunst Mesoamerikas entliehenen geometrischen Formensprache, mit der er sich vom eher expressionistischen Stil der frühen dreißiger Jahre löste.

Dreizehnmal ins präkolumbische Mexiko

Die Schau im Guggenheim dokumentiert – abseits der berühmten Rotunde, in den Turmräumen im vierten Stock – die lebenslange Auseinandersetzung mit diesem Fundus. In den Ruinen des präkolumbischen Mexikos sah der Maler „das gelobte Land der Abstraktion“. Dreizehnmal besuchten er und seine Frau Anni während der Jahrzehnte im US-amerikanischen Exil die zahlreichen Ausgrabungsstätten. Dabei entstanden Tausende von Fotos: minutiöse Detailstudien vertrackter Reliefs und Panoramaansichten ganzer Anlagen, die Albers anschließend zu Collagen fügte. Man kann diese Arrangements als Vorstufe oder Studien zum eigentlichen Werk sehen – oder, in ihrer schieren Fülle, auch als Werk für sich nehmen.

Allgegenwärtig in beiden ist der rechte Winkel, sei es als Tempelstufe, Teil der Relief-Ornamentik oder deren Reduktion ins abstrakte Schema. Neben der Präsentation unzähliger, bislang nicht gezeigter Fotos unternimmt die Schau so den Versuch, die Wege einzelner solcher Motive ins malerische Werk nachzuvollziehen. Im Zentrum stehen sechs der über mehr als drei Jahrzehnte regelmäßig besuchten Ausgrabungsstätten sowie die zwei Werk-Serien „Hommage“ und „Variant/Adobe“. Jede Station beleuchtet anhand einzelner Werke mehr oder weniger augenfällig die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Gesehenen.

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Ergänzt wird diese Motivgeschichte durch historische Dokumente: Reiseführer des Mineralölkonzerns Pemex, selbst entworfene Landkarten – und immer wieder die Antlitze der Eheleute vor den Ausgrabungsstätten. Die gleich eingangs gezeigte Studie zu „Sanctuary“ etwa zeigt, in Draufsicht und maximal abstrahiert, die berühmten Pyramiden von Monte Albán – stilisiert zu einem Labyrinth aus schwarzem Tintenstrich und Millimeterpapier. Die Hauptstadt des antiken Zapotekenreichs zählte zu den häufigsten Reisezielen der beiden Künstler.

Das Xicalcoliuhqui-Motiv – ein spiral- oder hakenförmig verlaufendes Staffelmuster in den Reliefs von Mitla – findet sich im Werk seit den frühen vierziger Jahren wieder, abstrahiert zu schneckenförmig ineinandergreifenden Rechtecken, greift aber, nicht zuletzt in der Farbwahl, bereits auf die spätere Variant/Adobe-Serie (1946 bis 1966) vor. Die beiden rechteckigen Flächen, Mittelpunkt dieser über 250 Teile umfassenden Serie, finden sich auch in den Fotos der dunklen Doppelöffnungen, die wie Münder aus den lehmbraunen Fronten der Ziegelhäuser von Oaxaca klaffen oder als Lücken in den Reliefs der Maya-Stadt Uxmal.

Zwar fasziniert der Weg vom Foto zum Motiv, man tut aber gut daran, in den Studien mehr als nur Spuren zum eigentlichen Werk zu suchen. Das sei ihr selbst zuerst 2008 bei einem Besuch der museumseigenen Sammlung aufgefallen, schreibt Kuratorin Lauren Hinkson im Katalog zur Ausstellung. In ihrer Serialität nehme Albers’ Zugang zur Fotografie durchaus schon den Wiederholungscharakter der späten Serien vorweg. Die aufschlussreiche Ausstellung, die noch bis Anfang Februar zu sehen ist, zeigt auch Exponate aus dem Bestand des Museums, dessen Verbindung mit Albers ein Dreivierteljahrhundert zurückreicht.

Josef Albers in Mexico. Solomon R. Guggenheim Museum, New York; bis 28. März 2018. Der Katalog kostet umgerechnet 42 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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