Turner-Preis geht in Offensive

Das sind keine Monstrositäten!

Von Gina Thomas, Hull
 - 14:53
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Der Turner-Preis kommt in die Jahre. 1984 ins Leben gerufen, um der Gegenwartskunst in einem insularen Umfeld ein schärferes Profil zu geben, das die Moderne als Fremdkörper marginalisierte, sorgte die Auszeichnung für britische oder in Großbritannien arbeitende Künstler in den neunziger Jahren regelmäßig für einen Eklat. Der Aufschrei der Traditionalisten, die Werke wie Tracey Emins ungemachtes Bett oder Martin Creeds an- und ausgehendes Licht zu des Kaisers neuen Kleidern erklärten, wurde zu einem Ritual, bei dem beide Seiten – schon fast komplizenhaft – ihrem Stereotyp entsprachen, um damit für Aufruhr zu sorgen: hier die Künstler mit ihren provokanten Konzeptionen, dort ihre kopfschüttelnden Kritiker mit ihrer Ablehnung der alljährlichen „Monstrositätenschau“.

Damals, als die „Young British Artists“ begannen, die englische Kunstszene aufzumischen, wurde eine Altersobergrenze eingeführt, um das wirklich Neue zu fördern: Es kamen nur Künstler unter fünfzig Jahren in Frage. In diesem Jahr ist die Begrenzung wieder aufgehoben worden, mit dem Argument, dass Durchbrüche in jeder Lebensphase möglich seien. Die vier nominierten Künstler – Hurvin Anderson, Andrea Büttner, Lubaina Himis und Rosalind Nashashibi – haben alle die Vierzig überschritten. Sie arbeiten mit herkömmlichen Mitteln, und einige der ausgestellten Werke datieren aus den achtziger und neunziger Jahren.

Damit ist eine ungewohnte Ruhe eingekehrt, die sich auch Standort und Präsentation verdankt. Der Turner-Preis, der seit 2009 alle zwei Jahre außerhalb Londons verliehen wird, gastiert in diesem Jahr in Kingston-upon-Hull, kurz Hull genannt, der heruntergekommenen Hafenstadt an der nordenglischen Ostküste, die sich als Großbritanniens Kulturstadt 2017 gerade mit großem Erfolg erneuert. In der Ferens Art Gallery, dem 1927 im klassizistischen Stil gebauten, zum Kulturjahr glanzvoll renovierten städtischen Kunstmuseum, sind die Werke der Turner-Preis-Kandidaten in das Museum eingebettet, in Räumen mit Durchblicken zur ständigen Sammlung. Wenn es früher darum ging, Brüche oder Neuanfänge zu unterstreichen, wollen die Kuratoren jetzt Kontinuität zwischen Alt und Neu demonstrieren mit Darbietungen, die retrospektiven Charakter haben.

Das gilt besonders für die 1954 in Sansibar geborene Lubaina Himid, die sich in ihrem etwas klischeehaft politisch befrachteten Werk mit der Wahrnehmung der Schwarzen in Geschichte und Gegenwart auseinandersetzt. „The Fashionable Marriage“ aus dem Jahr 1987 ist eine an das Lever aus William Hogarths „Die Heirat nach der Mode“ angelehnte Satire auf die Thatcher-Reagan-Ära: bestückt mit überlebensgroßen, wie in einem Bühnenbildmodell arrangierten Ausschneidefiguren aus Holz, darunter ein schwarzes Dienstmädchen, das die falschen Werte bloßstellt. Die Installation „Swallow Hard“ (Hart schlucken) besteht aus altmodischen, im Trödel erworbenen Geschirrstücken. Lubaina Hamid hat sie im Stil von Karikaturen und anderen Darstellungen des frühen neunzehnten Jahrhunderts bemalt und zu einem scheckigen Service zusammengefügt, das den Sklavenhandel ironisch thematisiert.

Humanitäre Werte stehen auch im Mittelpunkt des Werks von Andrea Büttner. Die in London und Berlin arbeitende Stuttgarterin nimmt Ernst Barlachs Bronzefigur „Verhüllte Bettlerin“ als Ausgangspunkt für eine Serie von schwarzweißen Holzschnitten bittender Hände, die – ebenso wie ihre Installation mit Altmeisterdarstellungen von Bettlern aus Auktionskatalogen – zur Reflexion über die Armut anregen. In der unter dem Eindruck des Mauerfalls entstandenen Installation „Simone Weil: Die gefährlichste Krankheit“ verschmilzt Andrea Büttner handgeschriebene Zitate aus dem Werk der sozialistischen Philosophin mit Aufnahmen von August Sander, André Kertész, Ansel Adams und anderen Fotografen zu einer etwas zu plakativ didaktischen Lektion über Politik und Moral.

Rosalind Nashashibi ist mit zwei Filmen vertreten, die sich mit den unterschwelligen Spannungen des Lebens in der Einengung auseinandersetzen – sei es im großen Rahmen einer Stadt wie in „Electric Gaza“, wo die Künstlerin palästinensisch-irischer Abstammung den Alltag in dem eingekesselten Gebiet porträtiert, oder wie bei „In Vivians Garten“ im kleinen Umfeld eines scheinbaren Paradieses im guatemaltekischen Urwald, wo eine greise Mutter und ihre Tochter aus der Schweiz Zuflucht gefunden haben. Harvin Anderson schließlich beschwört mit Acrylfarben die gleiche zwischen Traum und Wirklichkeit schwankende Stimmung, die auch die Gemälde seines Lehrers Peter Doig charakaterisiert. Am 5.Dezember wird bekannt gegeben, wer den mit 25000 Pfund dotierten Preis erhält.

Turner Prize 2017. In der Ferens Art Gallery, Hull; bis zum 17. Januar 2018.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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