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Diskriminierung in Museen

„Ich mache bei dem Spektakel nicht mit“

Von Julia Voss
 - 12:32
Kerry James Marshall im Oktober 2016, vor dem Gemälde „Untitled (Blot)“ während seiner „Mastry“-Ausstellung im Met Breuer in New York. Bild: dpa, F.A.Z.

Herr Marshall, lassen Sie uns mit einer großen Frage beginnen: Was kann die Malerei, was andere Bilder nicht können?

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Gemälde sind ziemlich selbständig. Du brauchst keine technischen Geräte, um sie anzusehen. Sie stürzen nicht ab. Und im Gegensatz zur Fotografie signalisieren sie immer, dass sie von jemandem gemacht worden sind. Ihr Gemachtsein verweist auf ein Bewusstsein, auf Gedanken.

Im Jahr 1980, nach Abschluss Ihres Studiums am Otis College of Art and Design in Los Angeles, malten Sie „A Portrait of the Artist as a Shadow of His Former Self“. In Eitempera, einer ziemlich seltenen Technik.

Die Technik war wichtig für mich, weil sie auf das dreizehnte Jahrhundert zurückgeht. Ich habe Cennino Cenninis „Handbuch der Malerei“ dafür benutzt.

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Ihnen ist die Tradition der Malerei wichtig, und Sie betonen oft, dass Sie viel von den Alten Meistern gelernt haben. Was kann man von den Alten Meistern lernen?

Wie Bilder gemacht sind. Wie Wahrnehmung funktioniert.

Das klingt einfacher, als es ist.

Du musst ihre Architektur analysieren. In der Renaissance wurden Mathematik und Wissenschaft zu Instrumenten, um zu verstehen, wie man ein Bild strukturiert. Diese Künstler haben verstanden, wie man die Illusion von Wirklichkeit erzeugt.

Mit den Alten Meistern wird häufig die Vorstellung verbunden, dass Kunst von Genies geschaffen wird, von Ausnahmetalenten also. Kann Kunst gelernt werden?

Ich glaube überhaupt nicht, dass die Alten Meister dafür stehen, Kunst könne nicht gelehrt werden. Das Ateliersystem beruht auf der Idee, dass man Fähigkeiten erwirbt, indem man für jemanden arbeitet und dabei lernt. Bilder zu machen ist gar nicht so besonders. Und das Individuum, das sie macht, ist auch nicht so besonders. Jeder, der diese Fähigkeiten erlernen möchte, kann es.

Sie sagten, dass Gemälde Fähigkeiten haben, die anderen Bildern fehlen. Was tun Gemälde im Museum, was andere Bilder nicht können? Was sollten sie tun?

Sie sollten dort sein, als Beispiel, Seite an Seite mit anderen Beispielen, die dort sind. Um Menschen zu ermöglichen auszuwählen, was für Bilder sie sehen wollen. Das Museum ist eine Enzyklopädie der Möglichkeiten. Je mehr Vielfalt es dort gibt, desto mehr Möglichkeiten hat der Betrachter.

Bilder haben also die Kraft, Wirklichkeiten zu schaffen?

Dieses Vermögen haben sie deshalb, weil sie gemacht sind. Sie sind eine Idee oder eine Vorstellung von jemandem. Und damit verbinden wir uns. Mit der Fähigkeit, uns die Realität auszumalen, in der wir leben wollen.

Sie kommen aus Birmingham, Alabama. Dort gibt es das Birmingham Museum of Art, das 1951 gegründet wurde, vier Jahre bevor Sie geboren wurden.

Ich bin dort nicht hingegangen, bis ich erwachsen war.

Warum nicht?

Weil ich nicht wusste, dass es existiert. Ich war ein Kind. Meine Familie interessierte sich nicht für Kunstmuseen.

Sie haben einmal gesagt, dass die meisten Kunstmuseen von Weißen für Weiße geschaffen worden sind. Wann ist Ihnen diese Beschränktheit bewusst geworden?

Als ich das erste Mal ins Museum ging, wohnten wir bereits in Kalifornien. Es war ein Schulausflug. Und du siehst es sofort, wenn du hineinkommst. Nur scheint es dir zuerst keine Beschränkung zu sein. Du nimmst es hin: Das ist der Ort, so ist der Ort, und das sind die Bilder, die hier sein sollen. Du stellst keine Fragen.

Wann haben Sie Fragen gestellt?

Die Fragen kommen, wenn du mitmachen möchtest. Du stellst fest, dass es hier nichts gibt, was du gemacht hast. Und niemand auf den Bildern aussieht, wie du es tust. Also: Warum ist das so?

Wollten Sie deshalb Künstler werden?

Nein. Ich wurde Künstler, weil es mir gefiel, Bilder anzusehen, und ich selbst welche machen wollte. Aber dann musst du dich entscheiden, was du genau als Künstler machen möchtest. Die Frage, die ich meinen Studenten stelle, lautet: Warum ist die Welt so, wie sie ist? Und wer sagt, dass sie so sein sollte?

Die Welt in Ihren Bildern ist häufig überraschend anders, als wir sie kennen. In der Serie „Untitled“ von 2009 haben Sie Maler gemalt, so als ob es Selbstporträts dieser Künstler wären. Diese Maler posieren mit Pinsel und Palette vor Staffeleien. Sie sind alle schwarz und viele davon Frauen. Warum war es wichtig, Malerinnen zu zeigen?

Vielleicht wegen der Vielfalt?

Verstehen Sie das als Vision für die Kunstgeschichte?

Die ganze Geschichte der Kunst handelt vom männlichen Blick. Zu begehren schien deshalb lange ein männliches Privileg zu sein. Trotzdem war es natürlich auch für viele Männer schwer, Künstler zu werden. Zum Beispiel, weil es viele weiße Kunstschulen gab, die keine schwarzen Männer zum Studium zugelassen haben. Und wenn es schon schwer für diese schwarzen Männer war, dann war es doppelt schwer für schwarze Frauen. Ich will nicht die gleichen Leerstellen und Abwesenheiten reproduzieren.

Sie haben auch eine Serie mit dem Titel „Untitled (Pin-up)“ gemalt, ebenfalls Männer und Frauen. In Ihrem Vortrag an der American Academy in Berlin haben Sie das Beispiel eines großen Pin-up-Bildbands aus dem Taschen Verlag angeführt. Darin sei keine einzige schwarze Person abgebildet. Vielleicht ist es gar nicht wünschenswert, Teil eines Pin-up-Bands zu sein?

Pin-ups gehören zu einem Regime, das uns ein Ideal lehrt, was Schönheit ist, was Begehren ist. Und jeder wird davon affiziert. Ob man es nun mag oder nicht. Der schwarze Körper aber kommt als Modell von idealisierter Schönheit nicht vor. Oder nur unter ganz speziellen Bedingungen. Das produziert eine Menge Probleme. Selbst in Afrika wird Creme benutzt, die die Haut aufhellen soll, weil es weniger wünschenswert scheint, dunkle Haut zu haben. Oder du glättest deine Haare, weil keine glatten Haare zu haben nicht wünschenswert scheint. Viele Menschen leben also in dem Glauben, dass sie so, wie sie sind, nicht passen, unzulänglich sind.

Ihre Malerei will also neue Modelle schaffen? Neue Typen?

Ja. Ein Bild ist ja nicht die Wirklichkeit. Du arbeitest mit Idealen.

Die amerikanische Malerin Dana Schutz hat in ihrem Bild „Open Casket“ den verstümmelten Körper eines gelynchten schwarzen Jungen gemalt, nach einem Foto von 1955. Das Bild hat eine Debatte ausgelöst. Was halten Sie davon?

Hier wurde viel ignoriert. Die schwarze Bevölkerung der Vereinigten Staaten kam versklavt in diesem Land an. Die Brutalität, die mit der Rechtlosigkeit einhergeht, spüren wir bis heute. Wir spüren sie. Nicht Dana Schutz. Dieser Junge wurde umgebracht, weil er angeblich die Gefühle weißer Frauen verletzt haben soll.

Sie haben sich auch mit Lynchmorden beschäftigt. Im Jahr 2002 schufen Sie die Serie „Heirlooms and Accessories“. Darin bilden Sie die Gesichter der weißen Frauen ab, die den Morden an schwarzen Männern zusahen und sich als Zuschauerinnen mit den Leichen fotografieren ließen.

Diese Schichten, diese Komplexität der Erzählung müssen berücksichtigt werden. Bei Dana Schutz kommt das nicht vor. Es heißt, es gehe um die Gefühle, die eine Mutter habe. Wenn Empathie das Ziel ist, dann ist das nicht das Bild, das ich ausgewählt hätte. Die Figur wird ein Monster, kein menschliches Wesen.

Sollte das Bild, wie es einige gefordert haben, abgehängt werden?

Nein. Ich glaube, das muss man aushalten können. Die Diskussion muss es allerdings geben. Das ist die angemessene Reaktion darauf.

Die Debatte ließe sich auch als Glücksfall begreifen, um grundsätzliche Fragen zu stellen: Das Problem ist doch nicht allein Dana Schutz, sondern auch die Institution. Warum störte sich niemand vom Whitney Museum an dem Bild?

Wenn wir schon dabei sind: Es gibt ja noch ein Bild in der Ausstellung, über das man sich unterhalten muss. Ein Gemälde von Henry Taylor, das sich auf das Livestream-Video auf Facebook bezieht, das den Mord an Philando Castile durch einen Polizisten zeigt. Dieses Bild hat ein schwarzer Mann gemalt. In beiden Fällen wird die brutale Gewalt gegen schwarze Männer für den Kunstgenuss ästhetisiert. Das finde ich problematisch. Warum spricht darüber keiner der Kunstkritiker, die das Thema aufgegriffen haben?

Warum haben Sie in Ihren Gemälden 2002 die Zuschauer gezeigt, die Täter also, und nicht die Opfer?

In meinen Werken wird der traumatisierte schwarze Körper eher nicht dargestellt. Und zwar deshalb, weil ich mich entschieden habe, dieses Spektakel nicht mitaufzuführen.

Kerry James Marshall, geboren 1955 in Alabama, lebt in Chicago. Die Retrospektive seiner Werke ist derzeit im MoCA in Los Angeles zu sehen. 1997 und 2007 nahm er an der Documenta teil. Vor drei Jahren erhielt er den Wolfgang-Hahn-Preis des Kölner Museums Ludwig. Er ist der erste Max Beckmann Distinguished Visitor der American Academy in Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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