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Öffentliche Kunst

Die Tyrannei der Beleidigten

Von Arnold Bartetzky
 - 07:30
Steinrelief des Anstoßes: Die „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche. Wieder einmal wird die Entfernung des infamen mittelalterlichen Bildwerks gefordert. Bild: Ullstein, F.A.Z.

Seit mehr als sieben Jahrhunderten prangt ein bösartiges Schmähbild an der Wittenberger Stadtkirche St.Marien. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschenkinder säugen, die mit ihren Spitzhüten als Juden gekennzeichnet sind. Hinter dem Tier hockt ein Rabbiner und hebt dessen Schwanz und Hinterbein, um in den Anus zu schauen. Die besondere Perfidie der Darstellung von Juden im intimen Kontakt mit einer Sau besteht darin, dass das Schwein im Judentum als unrein gilt. Das Steinrelief sollte die Juden demütigen und zugleich Christen gegen sie aufhetzen. Die Wittenberger „Judensau“ ist ein drastisches Zeugnis des mittelalterlichen Antisemitismus, der sich immer wieder in Pogromen entlud. Martin Luther, der in der Stadtkirche predigte, steigerte den Bekanntheitsgrad der Darstellung, indem er sie in einer seiner Schmähschriften zum Ausgangspunkt für die Verhöhnung des jüdischen Glaubens nahm.

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In den letzten Jahrzehnten war das Relief immer wieder Stein des Anstoßes. Bereits 1988 setzte die Gemeinde mit einer darunter in den Boden eingelassenen Gedenktafel für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus ein Gegenzeichen, mit dem sie sich unmissverständlich von dessen Botschaft distanzierte. Dennoch entzündeten sich an der Präsenz des antisemitischen Bildwerks im öffentlichen Raum weitere Debatten. Mit Hinweis auf das nahende Reformationsjubiläum fordert nun der Londoner Theologe Richard Harvey, das Relief zu entfernen, weil es „bis heute ein Angriff auf Juden“ sei. Es solle, heißt es in der in vielen Sprachen publizierten Petition, „an einem anderen Ort in einem Rahmen ausgestellt werden, in dem der historische Bezug hergestellt werden kann“. Dabei übersieht Harvey, dass dieser Bezug an keinem Ort deutlicher und mit mehr aufklärerischem Gewinn hergestellt werden kann als an der Kirche, für die das Werk in propagandistischer Absicht geschaffen wurde – und wo es heute zu Diskussionen über Wurzeln und Folgen des Antisemitismus anregen kann.

Das mittelalterliche Bildmotiv der Judensau findet sich an und in mehreren Dutzend Kirchen Europas. In einigen Fällen wurden mittlerweile distanzierende Hinweistafeln angebracht. Immer wieder werden aber auch Forderungen nach Beseitigung der Darstellungen laut. Solche Vorstöße sind besonders in Deutschland, wo der Antisemitismus im zwanzigsten Jahrhundert die mörderischsten Formen annahm, nicht erstaunlich. Doch sie stehen eher im Dienst der Geschichtsvergessenheit als der historischen Aufklärung.

Überall Rassismus, Sexismus und Homophobie

Sie folgen dem Reflex, unliebsame Zeugnisse der Vergangenheit zu eliminieren, der in letzter Zeit nicht nur hierzulande um sich greift. Ein prominentes Beispiel ist die global wirksame Kampagne „Rhodes Must Fall“. Sie begann im vergangenen Jahr mit der Forderung nach Entfernung eines Denkmals des englischen Kolonisten Cecil Rhodes (1853 bis 1902) an der Universität Kapstadt, das von den studentischen Aktivisten als Symbol der Unterdrückung in der Zeit des Imperialismus und der anhaltenden Vorherrschaft der Weißen angeprangert und mit Exkrementen beworfen wurde. Schon nach wenigen Wochen beugte sich die Universität dem Druck der Eiferer und ließ das Denkmal demontieren.

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Aus der erfolgreichen bilderstürmerischen Aktion wurde rasch eine breite Protestbewegung gegen – realen und imaginierten – Rassismus, die auf andere Universitätsstädte Südafrikas übergriff und bald auch das britische Oxford erreichte. Am dortigen Oriel College steht ein Rhodes-Standbild, mit dem der umstrittene Unternehmer und Politiker 1911 als großzügiger Geldgeber der Universität und Stifter eines Stipendiums gewürdigt wurde. Die Aktivisten sammelten Tausende von Unterschriften für die Beseitigung des Denkmals, scheiterten aber schließlich an der Universitätsleitung, die sich standhaft weigerte, im Namen der „Entkolonialisierung“ der Hochschule ein aussagekräftiges Zeugnis der Kolonialzeit zu tilgen, und stattdessen zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte aufrief.

Ähnlich wie Bildwerke im öffentlichen Raum gerät auch das Brauchtum zunehmend durch politisch korrekten Fundamentalismus in Bedrängnis. Es häufen sich Forderungen, die traditionelle Festkultur von allen Motiven zu säubern, die als anstößig empfunden werden könnten. Die Niederlande erleben seit Jahren Kampagnen für die Abschaffung der Figur des Zwarte Piet, denn der auf eine Tradition des neunzehnten Jahrhunderts zurückgehende dunkelhäutige Helfer des heiligen Nikolaus gilt seinen Kritikern als Ausgeburt des Rassismus. In den Vereinigten Staaten, dem Mutterland und nimmermüden Labor der politischen Korrektheit, sind mittlerweile Verbote traditioneller Halloween-Kostüme üblich, die durch schwarze Masken, Indianerschmuck, freizügige Betonung des weiblichen Körpers oder auch nur stereotype Berufsbekleidung als ethnisch diskriminierend oder frauenfeindlich angesehen werden könnten. Auch im deutschen Karneval mehren sich die Forderungen nach einer Kostümzensur. „Ethno-Klischees“ wie Afroperücken oder Turbane werden ebenso auf den Index gesetzt wie als Frauen verkleidete Männer. Die neuen Sittenwächter wittern überall Rassismus, Sexismus und Homophobie oder auch „Transfeindlichkeit“, überbieten sich gegenseitig im Aufspüren vermeintlichen Fehlverhaltens und vergessen dabei vollends, dass Karneval ähnlich wie Satire und Karikatur gerade von Grenzübertretungen und vom Spiel mit Klischees lebt.

Intellektuelle Entmündigung des Betrachters

Unübersehbar ist auch der Rückgang der Toleranz gegenüber historischem Sprachgebrauch in der Literatur, der nicht zur heutigen Utopie einer diskriminierungsfreien Weltgesellschaft passt. Vor allem Kinderbücher werden nach anstößigen Begriffen durchkämmt. Bei Neuausgaben sind Eingriffe in den Text an der Tagesordnung. Aus dem „Negerkönig“ in „Pippi Langstrumpf“ wurde ein „Südseekönig“ – der allerdings aus postkolonialer Perspektive auch keineswegs unverdächtig ist –, in Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ gibt es keine „Negerlein“, keine „Eskimofrauen“ und keinen „Hottentottenhäuptling“ mehr. Indem sie das aus heutiger Sicht Verstörende ausmerzen, erschweren solche Bereinigungen des Wortlauts das historische Verständnis der Bücher im Kontext ihrer Zeit. Die Entscheidung für einen Eingriff kann in Einzelfällen gleichwohl angemessen sein. So spricht wohl einiges dafür, zumindest die im heutigen Sprachgebrauch eindeutig herabsetzenden Begriffe – allen voran den „Neger“ – den Kindern und ihren Eltern zuliebe zu vermeiden. Denn Erstere neigen dazu, solche Begriffe mangels kritischer Distanz ungeprüft in ihren Wortschatz zu übernehmen, und für Letztere ist es nicht unbedingt eine Freude, sich beim Vorlesen mit notwendigen historischen Erklärungen unterbrechen zu müssen.

Offenbar wird aber auch gebildeten Erwachsenen immer weniger die Erkenntnis zugetraut, dass historische Begriffe aus ihrer Zeit heraus zu verstehen sind. Ein Beispiel dafür liefert das Rijksmuseum in Amsterdam mit seiner Kampagne zur Umbenennung von mehreren hundert Kunstwerken, deren Titel heute politisch inkorrekt klingen. Der Begriff „Neger“ wird von den Beschriftungen ebenso verbannt wie „Indianer“ oder „Eskimo“. Die Museumsleitung will damit verhindern, dass sich irgendjemand auf der Welt durch einen historischen Bildtitel beleidigt fühlen könnte. Sie merkt aber nicht, dass sie durch einen Akt intellektueller Entmündigung des Betrachters jene beleidigt, denen sie am stärksten verpflichtet ist: die Besucher nämlich.

Als unzumutbar gelten auch immer mehr historische Straßennamen. Die Angst, dass sich jemand verletzt fühlen könnte, nimmt geradezu paranoide Züge an, wenn sich etwa die Stadt München vornimmt, sämtliche Straßennamen auf ihre Kompatibilität mit den politischen Einstellungen der Gegenwart hin zu überprüfen, noch bevor sich irgendjemand an ihnen stört. Damit kommt die Stadt in vorauseilendem Gehorsam radikalisierten politischen Splittergruppen zuvor, wie zum Beispiel den „Antirassist*innen aus München und Regensburg“. Diese hatten kürzlich selbst Hand angelegt an Straßennamen, die in ihren Augen „kolonialrassistisches und rückschrittliches Gedankengut offenlegen“. Die eigenmächtige Umbenennung der Regensburger Drei-Mohren-Straße in eine „Drei-Möhren-Straße“ ist immerhin ein äußerst seltenes Beispiel für Humor und zugleich sparsamen Mitteleinsatz in der Kampfzone der politischen Korrektheit. Die Initiative, die mit ihrer Aktion „die koloniale Logik“ zu durchbrechen meint, um „die im Stadtbild fortgeschriebene, reproduzierte und normalisierte Diskriminierung zu beenden“, ist aber symptomatisch für jene Mischung aus ideologischer Verblendung, Hysterie und Skurrilität, die zunehmend den Umgang mit politisch missliebigen Traditionen kennzeichnet.

Nicht kompatibel mit dem heutigen Weltbild

In diesem fanatisierten Klima haben Gestalten und Ereignisse der deutschen Geschichte, die nicht kompatibel mit dem heutigen Weltbild sind, denkbar schlechte Chancen auf Akzeptanz, sei es als Namenspatron oder als Denkmalfigur. Selbstredend soll im Zuge der Münchener Großrazzia gegen verdächtige Straßennamen etwa die an den Sieg über Frankreich im Krieg von 1870/71 erinnernde Sedanstraße umbenannt werden, weil sie den Militarismus verherrliche.

Gleiches lässt sich aber über unzählige Straßennamen und Denkmäler sagen. Sollen wir das denselben Sieg glorifizierende Mosaik an der Berliner Siegessäule beseitigen, weil sein nationalistischer Triumphalismus nicht in unsere Zeit passt und ein französischer Besucher sich in seinem Nationalstolz gekränkt fühlen könnte? Oder besser zur Sicherheit gleich das ganze Monument einstampfen, weil sein Dekor größtenteils aus erbeuteter Geschützbronze besteht?

Sollen wir die Bibel von allen antijudaistischen Passagen bereinigen? Alle Bauwerke einebnen, die unter für uns inakzeptablen Regimen des Feudalismus, Absolutismus, Kolonialismus, Imperialismus, Faschismus und Kommunismus errichtet wurden? Romane und Filme zensieren, die nationale Stereotypen und überlebte Geschlechterrollen transportieren? Die Mohammed-Karikaturen verbieten, die 2005 in muslimischen Ländern Gewaltorgien eines wütenden, vermeintlich in seinen Gefühlen verletzten Mobs auslösten?

Lernen statt Ausradieren

Auch die Taliban gaben vor, sich von für sie anstößigen Darstellungen verletzt zu fühlen, als sie 2001 die Buddha-Statuen von Bamiyan in die Luft jagten. Gleiches tut auch der IS bei seinen Bilderstürmen. Was uns aber von den Taliban und vom IS unterscheidet, ist nicht zuletzt unsere Bereitschaft, Kulturleistungen und Geschichtszeugnisse auch dann zu respektieren, wenn sie nicht zu unserem Weltbild passen.

Diese Errungenschaft des Humanismus, der Aufklärung und nachfolgender intellektueller Emanzipationsbestrebungen war immer wieder durch totalitäre Regime bedroht. Nun gerät sie zunehmend durch die traditionsfeindlichen Zuchtmeister der politischen Korrektheit in Gefahr, die sich selbst auf die Aufklärung berufen und als Avantgarde der Weltoffenheit sehen, aber in ihrer Selbstgewissheit und Intoleranz den verstocktesten religiösen Fanatikern ähneln. Damit steht viel auf dem Spiel: der Reichtum der Denkmallandschaften und des in Literatur und Brauchtum überlieferten Kulturerbes – und vielleicht vor allem die Fähigkeit, Bilder, Begriffe und Denkmuster der Vergangenheit in kritischer Distanz historisch einzuordnen, sie für uns produktiv zu machen und von ihnen zu lernen, statt sie als unzumutbar ausradieren zu wollen.

Quelle: F.A.Z.
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