Künstler Jimmie Durham

Ein Cherokee mit Ahnennachweis

Von Kolja Reichert
 - 16:09

Im Jahr 1987 schuf der Künstler Jimmie Durham eine lebensgroße aus einer Holzplatte ausgeschnittene Figur, die er „Selbstporträt“ nannte. In Handschrift sind neben die Körperteile Kommentare geschrieben wie: „Meine Haut ist nicht wirklich so dunkel, aber ich bin sicher, dass viele Indianer kupferrote Haut haben.“ Durham war damals genervt davon, vom Kunstpublikum auf seine Identität als Cherokee festgelegt zu werden. Sein ganzes bildhauerisches wie schriftstellerisches Werk nimmt Identitätszuschreibungen aufs Korn, um die Möglichkeit eines universalen Humanismus aufscheinen zu lassen.

In den siebziger und achtziger Jahren hatte der zeitweilige Leiter des International Indian Treaty Council bei den Vereinten Nationen für die Rechte indigener Völker gekämpft und schließlich entnervt aufgegeben – auch aus Enttäuschung über die amerikanischen Stammesvertreter, die, statt darüber zu sprechen, welche Rechte man gerne hätte, lieber darüber stritten, wer das Recht habe, für sie zu sprechen.

Jetzt mal halblang, liebe Ankläger

Seit 22 Jahren hat der Wahleuropäer Durham keinen Fuß mehr in die Vereinigten Staaten gesetzt. Dafür hat jetzt seine bislang größte Retrospektive, nachdem sie zuvor in Los Angeles zu sehen war, am Walker Art Center in Minneapolis eröffnet. Also in jenem Museum, das gerade eine Skulptur Sam Durants aus seinem Skulpturenpark entfernen ließ und zur zeremoniellen Verbrennung freigab, weil protestierende Vertreter der Dakota sich zu sehr an den Galgen erinnert fühlten, auf dem 1862 im nahe gelegenen Mankato 38 Sioux gehängt wurden. Prompt gerät dort der bekannteste Künstler mit indianischem Hintergrund unter Beschuss: „Jimmie Durham ist ein Betrüger“, schrieben Kuratoren, Künstler und Politiker im Magazin „Indian Today“. Denn er sei er gar nicht als Bürger der „Cherokee Nation“ registriert.

Nun gibt es Leute, für die die Registrierung als Indianer das Einverständnis mit Apartheid-Politik bedeutet, und zu denen gehört Durham. „Ich habe gar nichts dagegen, wenn man mich einen Cherokee nennt“, erklärte er kürzlich der „New York Times“, „aber ich bin kein Cherokee-Künstler, so wenig wie Brancusi ein rumänischer Künstler war.“ Der Kunstkritik wiederum wird vorgeworfen, Durhams Selbstdarstellungen ungeprüft zu übernehmen. Jetzt aber mal halblang, liebe Ankläger: Irgendwo muss mit den dummen Stellvertreterkriegen der Identitätspolitik doch mal Schluss sein. Die Prüfungspflicht des Ahnennachweises durch die Kunstkritik sei hiermit aufs entschiedenste zurückgewiesen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reichert, Kolja
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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