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Wie aber hältst du’s mit der DDR?

Von Andreas Platthaus
 - 06:16

Im vergangenen Jahr war die Diskussion nach jahrelangem Schlummer umso heftiger wieder aufgebrochen, bezeichnenderweise im stets erregungsbereiten Dresden. Dort sah sich das Albertinum als zu den Staatlichen Kunstsammlungen zählende Galerie für Neue Meister mit dem Vorwurf konfrontiert, in der Dauerausstellung kaum noch Kunst aus der DDR zu zeigen. Speziell wurde dabei die seit 2015 als Direktorin amtierende, aus Kassel stammende Hilke Wagner angegriffen; es fiel das böse Wort von der „Westkolonialisierung“ des Museums. Damit war ein Streit plötzlich wieder da, der 1999 durch die Weimarer Ausstellung „Aufstieg und Fall der Moderne“ ausgelöst wurde, der man eine Denunzierung von DDR-Kunst als durchweg staatstreu und deshalb minderwertig unterstellt hatte. Nun trafen sich in Halle vier Direktoren wichtiger ostdeutscher Museen, um über den Umgang mit Kunst aus der DDR zu diskutieren, darunter auch Hilke Wagner. Und dieses öffentliche Gespräch verlief ganz anders, als man es befürchten musste: sachlich, abgeklärt und fair, sowohl auf dem Podium wie auch von Seiten der zahlreich erschienenen Zuhörer.

Warum bleibt Halle ruhig, wo Dresden sich ereifert? Das mag daran liegen, dass Thomas Bauer-Friedrich, der junge (aus dem nahen Dessau stammende) Direktor des hiesigen Kunstmuseums Moritzburg erst vor wenigen Wochen einen neuen Teil der unter dem Titel „Wege der Moderne“ firmierenden Dauerausstellung seines Hauses eröffnet hat, der ausschließlich der Kunst aus der Zeit der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR gewidmet ist – über westliche Werke der fünf Jahrzehnte nach 1945 verfügt das Museum kaum, also machte man aus der Not eine Tugend. Hier kann das hallesche Publikum altvertraute Lieblingsbilder sehen, etwa von Willi Sitte, Bernhard Heisig oder Willi Neubert mit dessen „Parteidiskussion“ von 1962. Gerade diese spätere Ikone des Sozialistischen Realismus war aber zunächst bei den Kunstwächtern der DDR durchgefallen. Solche zwiespältigen Werkbiographien werden in der Ausstellung knapp und neutral dokumentiert, wodurch das Vorurteil von einer homogenen obrigkeitshörigen DDR-Kunst ständig neu in Frage gestellt ist.

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Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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