Kunstskandälchen

Das schöne Geld

Von Kolja Reichert
 - 11:36

Was ist Kunst wert? Zunächst einmal so viel wie ein Sack Kartoffeln oder wie ein Audi A8: nämlich so viel, wie für sie bezahlt wird. Das Gemälde „The Swamp“ (Der Sumpf) von Luc Tuymans zum Beispiel wird optimistisch mit einer Million Euro veranschlagt. Eine Summe, die in Tuymans’ Heimat Belgien hohe Wellen, beziehungsweise Flammen schlägt, denn „The Swamp“, eine für das Auslegen auf dem Boden bestimmte Leinwand, die eine kriechende Figur in Camouflage-Muster zeigt, soll am kommenden Montag in Borgloon verbrannt werden. Schon zücken Moralisten die Rechenschieber: Der Vorsitzende einer Hilfsorganisation für Arme im flandrischen Limburg findet die Aktion „unverständlich“. Mit dem Geld könne man schließlich einer Menge Leute helfen.

Das ist eine prinzipiell richtige Antwort auf eine radikal falsche Frage. Erstens geht den Herrn Vorsitzenden die Sache gar nichts an, denn es ist ja nicht sein Geld, sondern das von Herrn Tuymans. Zweitens gibt es das Geld ja gar nicht. Wenn der Herr Vorsitzende die Tresore der Kunstwelt knacken möchte, soll er doch versuchen, Kunstliebhabern zu erklären, warum sie ihre nächste Million nicht in Malerei, sondern in Suppenküchen investieren sollen – zum Beispiel jene, die Tuymans’ Schwestergemälde gleichen Titels auf der letzten Art Basel Hongkong erwarben. Er könnte auch den Dakota-Vertretern von Minneapolis erklären, warum sie die Galgenskulptur, die der Künstler Sam Durant ihnen auf ihre Empörung hin zur rituellen Verbrennung überlassen hat, lieber zum gewinnbringenden Verkauf weiterreichen sollten. Zugegeben: Den künstlerischen Gewinn der Verbrennung verstehen wir auch nicht ganz. Aber verstehe einer die belgische Kunst.

Jedenfalls ist die Aktion Teil einer wirtschaftlichen Hilfsaktion komplexerer Natur: Sie läutet ein Kunstprojekt ein, mit dem der Künstler Gert Robijns hofft, dem Landstrich Haspengouw, dessen Obstbauern unter den Russland-Sanktionen leiden, wirtschaftlich unter die Arme zu greifen. Dass sich mit Kunst Regionen wirtschaftlich vitalisieren lassen, ist ja bekannt. Man kann bedauern, dass dieser Wertschöpfungsaktion durch Wertvernichtung das anarchische Potential abgeht, das 1994 die Verbrennung von einer Million Pfund Platteneinnahmen durch die britische Konzeptband KLF hatte. Die Empörung erinnert dagegen an den dummen Protest des Bundes der Steuerzahler gegen die 85.000 Euro, mit denen die Hamburger Kulturbehörde die Veredelung eines Sozialbaus auf der armen Elbinsel Veddel mit Blattgold durch den Künstler Boran Burchardt finanziert hat. Nimmt man ihn ernst, könnte man gleich hochrechnen, welche Unmengen an Geld zu generieren wären, würde man alle öffentlichen Kunstsammlungen auf den Markt werfen (so wie es zuletzt die Portigon mit den Warhols der WestLB versucht hat). Nur: Was hätte man dann noch? Als man Winston Churchill im Zweiten Weltkrieg aufforderte, die öffentlichen Ausgaben für Kunst zu kürzen, soll er entgegnet haben: „Wofür kämpfen wir dann?“ In Wahrheit hat Churchill den Satz nie gesagt. Wahr ist er trotzdem.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reichert, Kolja
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton.
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