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Lorenzo Mattotti in Basel

Meister der schwarzen Kunst

Von Andreas Platthaus
 - 12:06

Das Cartoonmuseum in Basel residiert in einem kleinen alten Haus – ganz nahe am Rhein und noch etwas näher an der berühmten Kunsthalle der Stadt, die sich kürzlich gleich um die Ecke einen auftrumpfenden zweiten Bau geleistet hat. Das Cartoonmuseum hat seit einigen Jahren auch ein zweites Gebäude, aber das liegt von der Straße aus unsichtbar hinter dem Altbau und ist durch mehrere schmale Brücken mit ihm verbunden – eine spektakuläre Lösung in baulich bescheidenem Rahmen, die trotzdem jede Ausstellung zum Überraschungsparcours macht, weil die räumlichen Trennungen nach klaren Akzentuierungen bei den gezeigten Objekten verlangen.

Seit Anette Gehrig vor acht Jahren die Leitung des Museums übernahm, hat sie dessen Programmprofil geschärft und zeigt nur noch selten historische Ausstellungen, während sie enge Kontakte zu noch aktiven Künstlern, vor allem Comiczeichnern, aufgebaut hat, die angesichts der gestalterischen Herausforderung gern die eigenen Bestände als Leihgaben zur Verfügung stellen. So hat es jetzt auch Lorenzo Mattotti getan.

Sensation in schwarzweiß

Der 1954 geborene Italiener lebt seit Jahrzehnten in Paris und ist in Frankreich nicht nur ein bekannter Comiczeichner, sondern mehr noch ein höchst begehrter Illustrator, der vor allem mit Modezeichnungen für „Vanity Fair“ einen neuen Stil geschaffen hat. Doch das Entree im Erdgeschoss gehört ganz Comicarbeiten, die in den achtziger Jahren entstanden, erst noch im typisch eckigen Stil der italienischen Comic-Künstlergruppe „Valvoline“, der Mattotti angehörte, dann, seit „Feuer“ aus dem Jahr 1986, mit jenen Figuren in leuchtenden Pastellfarben, die zu Mattottis Markenzeichen geworden sind – die ganze Stirnwand ist einem buchstäblich flammenden Inferno aus zwanzig Seiten „Feuer“ vorbehalten. Doch es sind auch Seiten aus Geschichten hier zu finden, die schwarzweiß gehalten sind, und das weist voraus auf die eigentlichen Sensationen dieser Retrospektive.

Da sind einmal die Zeichnungen, die in linea fragile gehalten sind, einem Stil, dessen Namen Mattotti gleich selbst geprägt hat: als Begriff für jene freien Arbeiten, die er seit 1986 täglich anfertigt, um über die aufwendige Illustrationstätigkeit das spontane Zeichnen nicht zu vernachlässigen. 1999 erschien ein kleinformatiger Band mit Proben dieser Exerzitien, doch der Umfang des seitdem kontinuierlich erweiterten Konvoluts entspricht der Schaffensfreude und -wut dieses Künstlers, der etwa an einem einzigen Tag des Jahres 2014 in mehreren Skizzenbüchern 102 farbige Zeichnungen einer erotischen Atelierszene ausführte – in der Ausstellung notgedrungen nur mit wenigen Blättern in Tischvitrinen dokumentiert, weil die Integrität der Bücher erhalten bleiben sollte.

Bei den rein schwarzweißen Zeichnungen war Mattotti weniger skrupulös, und so schmücken 56 Linea-fragile-Blätter, zu zwei Bildblöcken arrangiert, für die die Bezeichnung „Petersburger Hängung“ ein Euphemismus wäre, das intime Dachgeschoss des angebauten Museumstrakts. Von dort geht es hinaus in die winterliche Kälte über eine der Brücken ins zweite Stockwerk des Altbaus, wo Exzerpte aus jenen vier großen Comicerzählungen ausgestellt sind, die Mattotti im Linea-fragile-Stil gezeichnet hat: vom grüblerischen Trennungsdrama „Der Mann am Fenster“ (1991) über die existenzialistisch-drastischen „Stigmata“ (1999) und dem hierzulande unpublizierten „Chimère“ (2006) bis zum burlesk-phantastischen, auch noch nicht ins Deutsche übersetzten „Guirlanda“, das 2017 als bislang umfangreichster Mattotti-Comic herauskam.

Mit „Linea fragile“ spielt der Künstler auf Hergés „Ligne claire“ an, aber tatsächlich sind die Linien des Italieners von einer Feinheit, die nicht nur da, wo sie bewusst leicht zittrig angelegt sind, die Assoziation von Zerbrechlichkeit nahelegt – was den brüchigen Charakterzügen dieser Protagonisten entspricht. Gestaltungsmittel ist mehr noch als die Linie selbst das Weiß des Blattes: Mattotti schraffiert kaum, fast alles ist Kontur, aber eine bebend-lebende, pulsierende, die den Figuren ungeachtet der graphischen Reduktion höchste Vitalität verleiht.

Kein Ideal körperlicher Ebenmäßigkeit

Das wird deutlich im Vergleich mit den statuarischen Modezeichnungen, die in Basel nur mit vier Beispielen im Mittelgeschoss vertreten sind, aber einmal mehr das Interesse Mattottis an Menschen verdeutlichen: Viel mehr im Gedächtnis als die sorgsam illustrierte Haute Couture bleiben die Gesichter der Models – jeweils individuell angelegt auf eine Weise, die Mattotti mit seiner fortlaufenden Porträtserie „Anonymes“ trainiert hat: Frontaldarstellungen von Frauen, die jeweils besondere Merkmale betonen, die gerade nicht dem Ideal körperlicher Ebenmäßigkeit entsprechen, ohne aber physiognomisch zu denunzieren. Gleich 33 dieser identisch großen Blätter sind in Basel an einer Wand zusammengestellt.

Was Mattotti interessiert, ist die männliche Manie und das weibliche Begehren. Diesbezüglich besonders markante Comics wie „Der Klang des Rauhreifs“ von 2003 oder seine „Doktor Jekyll und Mister Hyde“-Adaption aus dem Jahr zuvor fehlen in der Ausstellung, aber dafür ist ein für den Künstler zentrales Illustrationsprojekt mit elf Blättern vertreten, in dem er 2011 Patientenerzählungen aus den Psychoanalyse-Sitzungen von Sigmund Freud bebilderte. Hier kommt Mattotti ganz zu sich; es ist, als hätte er immer schon die Traumsymbolik zur Grundlage seines Schaffens gemacht, gerade auch in Wiederholungen bestimmter Motive wie etwa im Wasser schwebende Paardarstellungen.

Der Höhepunkt der Baseler Inszenierung aber ist der letzte Raum, eine veritable Schreckenskammer. Hier hängen Mattottis riesige Tuschezeichnungen zu „Hänsel und Gretel“, die er selbst als ein Hauptwerk ansieht. Um die Bedrohlichkeit des gerade im Kontrast zur Linea fragile aus den vorherigen Räumen um- und verschlingenden Schwarz-Wirrwarrs noch zu steigern, sind auch die Wände weitgehend geschwärzt. Doch die Ecken sind angeschrägt weiß belassen worden, so dass man sich selbst im windschiefen Hexenhaus glaubt – größter Effekt mit denkbar simplem Einsatz von Schwarz. Allein schon in dieser Gestaltung dürfte Lorenzo Mattotti größtmögliche Übereinstimmung mit den eigenen Schaffensidealen erkannt haben.

Lorenzo Mattotti – Imago. Bis zum 11. März im Cartoonmuseum Basel. Der Katalog „Ligne fragile“, der ausschließlich zuvor unveröffentlichte Schwarzweißzeichnungen enthält, ist beim Christoph Merian Verlag erschienen und kostet 28 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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