Louise Bourgeois in Berlin

Die Wiederkehr des Verdrängten im Sack

Von Rose-Maria Gropp
 - 10:08
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Louise Bourgeois gehört wahrhaftig zur Handvoll der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, ja bis zu ihrem Tod im Jahr 2010. Geboren 1911 in Paris, schuf sie ihre maßgeblichen Werke in New York. Sie war eine der ersten Künstlerinnen, die sich mit der Skulptur aus Materialien wie Marmor oder Bronze auseinandersetzten; sie schuf Installationen, drang damit in eine gesetzte Domäne der Männer ein. In ihren „cells“, den Zellen genannten raumgreifenden Behältnissen, versammelte sie Versatzstücke des Humanen und Animalischen zu beunruhigenden Szenarien: mysteriöse Torsi und vernähte Puppen, alte traurige Kleidchen und Strümpfe neben hinterhältig hybriden Schöpfungen. Berühmt machte Bourgeois die riesige stählerne Plastik einer Spinne, mit der im Jahr 2000 die Londoner Tate Modern eröffnete: „Maman“ genannt, hängt unter deren Leib ein schwerer Beutel. „Maman“ ist in kleineren bronzenen Abgüssen überall in den Museen der Welt unterwegs, mit ihrem von Eiern gefüllten Sack.

Jetzt ist im Schinkel Pavillon in Berlin eine im wahren Wortsinn intime Ausstellung mit Arbeiten von Louise Bourgeois zu sehen. Sie widmet sich ihren „sack forms“. Neben den harten ragenden Skulpturen und Stelen war das Weiche von Stoffen, von Geweben vielfältiger Art in ihrem Schaffen genauso präsent, als das andere Element: feine und grobe Gespinste uneindeutigen, ungehobenen Inhalts, vordergründig genuin mit Weiblichkeit verbunden. Immer richten sich die Konnotationen auf den Sexus, die Geschlechtlichkeit und ihre primären und sekundären Merkmale: von schlaff baumelnden Gehängen bis zu prall gefüllten Schwellungen, in Haut- und Erdtönen, immer der Vergänglichkeit angehörig.

Sämtliche im Pavillon gezeigten fünfzehn Werke, darunter sechs Gouachen auf Papier, sind in Louise Bourgeois’ letzten Lebensjahren entstanden, kondensieren im kleinen Format die unerhörte Energie dieser Künstlerin, die in früheren Jahrhunderten, so fällt es einem bei Betrachtung ihrer Werke immer wieder ein, als eine Hexe verbrannt worden wäre, aus schierer Angst vor ihren Erfindungen.

Kuratiert hat die packende Schau Nina Pohl, die den Schinkel Pavillon seit 2002 leitet und selbst Künstlerin ist. Mit Herzblut, sagt Nina Pohl, die plastische Metapher passt dafür. Denn Bourgeois’ Wucht kratzt die Haut auf, wie die Verletzungan einer scharfkantigen Masche ihrer „cells“. Es steht nur einer dieser vergitterten Käfige im lichten Oktogon des Pavillons. Sein Titel ist „Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre“, schwer zu übersetzen, vielleicht als: Kaninchenhäute, schrottige Lappen zum Verkauf. Darin hängen lange Fetzen aus Chiffon und anderem Stoff, wie ausgeleerte Säcke, ihr einstiges Inneres abhandengekommen; das Leben ausgehaucht, ließe sich sagen. Die Tür aus Maschendraht steht offen.

„The Empty House“ ist der Titel der Ausstellung. Im Faltblatt dazu gibt es ein frühes Notat von Bourgeois, die begnadete Schreiberin und Deuterin ihrer selbst war, aus dem Jahr 1958: „I have to control space because I cannot stand emptiness/ emptiness is a space the edge of which you do not know and you are not sure of –.“ Um diese bedrohliche Leere zu kontrollieren, erschafft sie ihr singuläres Œuvre.

Im Erdgeschoss steht eine kleine rosafarbene, wie nach einer argen Operation vernähte Frauengestalt in ihrer Vitrine: „Umbilical Cord“, Nabelschnur. Sie ist Torso einer lächelnden Venus so gut wie Gebärerin in Erwartung. Das transparente Gaze-Beutelchen unter den prallen Brüsten birgt eine embryonale Form. Doch die Figur hat keine Arme, um ihr Kindchen liebend zu umfangen. Im selben Jahr 2003 hat Bourgeois auch noch einmal eine „Spinne“ erfunden, ihr Körper ist ein kleiner Sack aus transparentem Stoff, in dem ein unbestimmter Inhalt ruht. Und vor den türkisfarbenen Kachelwänden des Parterres hängen sechs in fleischigen Tönen aquarellierte Blätter, Meditationen über Gebären und Nähren, Metamorphosen von Leben und Tod. Nina Pohl hat Louise Bourgeois bis auf ihren innersten Kern nachgespürt. Es ist ihr gelungen, in der Zurückgenommenheit und Reduktion dieser wenigen Arbeiten Bourgeois’ Kraft physisch erfahrbar zu machen. Die rauhe Unterkühltheit des Pavillons intensiviert die Empfindung.

Louise Bourgeois hat für sich als Künstlerin jeden denkbaren Raum ausgereizt, angefüllt mit ihrer dunkel sprühenden Phantasie. Nicht nur aufgeklärter Feminismus muss sie dafür preisen. Sie hat sich jedoch niemals vereinnahmen lassen. Noch die späten blutroten Aquarelle spielen offen mit jenen „sack forms“, die beiden Geschlechtern eignen. Dass sich Bourgeois selbst gern als phallische Frau inszeniert hat, spricht für ihr ironisches Kapital. Bis ins hohe Alter blieb sie eine Bildhauerin, in jeder Hinsicht – Zerhauerin von überkommenen Bildervorräten. Die kleine Schau zeigt das in großartiger Verdichtung.

Louise Bourgeois. The Empty House. Im Schinkel Pavillon, Berlin; bis zum 29. Juli. Kein Katalog, Faltblatt mit Abbildungen und Texten von Louise Bourgeois.

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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