Rubens im Prado

Malerei im Rhythmus des Herzschlags

Von Paul Ingendaay
 - 20:50

Wie Shakespeare kann auch Peter Paul Rubens (1577 bis 1640) etwas Einschüchterndes haben. Überlebensgroß thront er weit oben in der Kunstgeschichte, der eine, dem man in Museen nicht entgeht. Zu den bedeutendsten Sammlern seiner Kunst gehörte Spaniens König Philipp IV., der bei Rubens umfangreiche Gemäldeserien für sein Jagdschloss Torre de la Parada in Auftrag gab. Jetzt haben sich der Prado und das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam zusammengetan, um eine weniger bekannte Facette des Künstlers zu beleuchten: seine Ölskizzen.

Fast fünfhundert solcher auf Holztafeln gemalter Studien sind erhalten, 73 davon sind in der Ausstellung zu sehen, die im Herbst nach Rotterdam weiterwandert. Natürlich wird der Koloss Rubens, von dem rund 1400 Ölbilder überliefert sind, dabei nicht kleiner; doch seine Malerei wendet sich ins Intime, Praktische und Pragmatische, und erst wenn man nach dem tiefen Blick ins Atelier des Künstlers (das zeitweise mehr als zwanzig Assistenten beschäftigte, darunter Van Dyck) wieder zum Nachdenken kommt, erkennt man, dass Rubens auch in diesem Bildgenre den Höhepunkt der europäischen Kunst verkörpert.

Vorstudien zu Gemälden wurden in Bleistift und Kohle angefertigt, bis Tintoretto, Caravaggio und Beccafumi im sechzehnten Jahrhundert auch Ölskizzen malten: Aus dem disegno wurde ein bozzetto. Rubens studierte diese Werke nicht nur, sondern sammelte, kopierte und überarbeitete sie: Mit Hilfe seiner Vorbilder entwickelte er die eigenen ästhetischen Vorstellungen. Dass er selbst immer häufiger gleich in Öl skizzierte und die Grenzen zum Auftragswerk verwischte, dürfte an der Überfülle seiner Einfälle und der Leichtigkeit seines Pinsels gelegen haben.

Ein Meister der Anatomie

Der Reiz der Ausstellung im Prado liegt in der Aura des Unfertigen, Spontanen, soeben erst Gemachten. Dabei variiert der Grad der Unabgeschlossenheit stark. Die Skizzen zur „Löwenjagd“ (das fertige Ölbild hängt in der Alten Pinakothek) sind nahezu monochrom, mit breiter, Streifen hinterlassender Pinselgrundierung, mit hellen Brauntönen und Akzenten von Weiß. Das erinnert eher an eine Goya-Radierung als an ein großformatiges Barockgemälde. Die Ölskizze zum monumentalen „Sieg und Tod des Konsuls Decius Mus in der Schlacht“ enthält noch einen Genius, der dem heldenhaft sterbenden Römer vom Himmel aus einen Lorbeerzweig reicht – so deutlich und fromm wollte es Rubens in der Endausführung dann doch nicht mehr haben.

Der Ruhm des Malers beruht auch auf seiner Meisterschaft im Anatomischen. Ebenmäßiger Schimmer liegt auf den Stirnen; fest, glänzend und perfekt sind die muskulösen Gliedmaßen modelliert. All das wirkt in der Ölskizze kantiger, impressionistischer, aber eben auch moderner. Bei der Studie zum Kreuzabnahme-Triptychon von Antwerpen (1611–1614) fällt auf, dass Rubens von der Planung bis zum fertigen Bild eine gewisse Idealisierung vornimmt. In der Skizze ist der Mund des Gekreuzigten nicht etwa halb geschlossen, sondern weit offen wie im erstickten Schrei. Dies ist, mit den Worten des Prado-Kurators Alejandro Vergara, nicht die maßvolle Erzählung des Ölbildes, sondern ein „Schlachtfeld“.

Skizzen dienten meistens dem Auftraggeber, der sich ein Bild von den Einfällen des Künstlers machen wollte, bevor er sich festlegte, oft aber auch den Mitarbeitern im Atelier, die große Flächen auszumalen hatten und genaue Instruktionen brauchten. Zu anderen Gelegenheiten scheint Rubens die Ölskizze nur für sich selbst gemalt zu haben. Fest steht jedenfalls: Er wusste, was er tat, und er war stolz darauf. Die Ölskizze einer detailreichen, farbintensiven „Beschneidung“ (um 1605) etwa existiert neben einer kleinen, in Planquadrate aufgeteilten Bleistiftskizze derselben Szene, die als Vorlage für die Auftragsarbeit für eine Jesuitenkirche in Genua diente.

Vielleicht hat Rubens die Ölskizze erst nach Abschluss des Auftrags und zur Erinnerung an ein von ihm selbst geschätztes Werk gemalt. Dafür spricht, dass er sich nie davon getrennt hat. Im Fall der Ölskizze „Der wunderbare Fischzug“ (um 1610) mit ihren erdigen Braun- und Blautönen und ihren muskelbepackten Fischern, deren Anatomie auf Rubens’ Studien der italienischen Jahre zurückgeht, gibt es überhaupt kein großes Ölbild dazu. Die Komposition der knapp 50 mal 40 Zentimeter großen Tafel lebt aber in einem Stich von Pieter Soutman fort, der um 1620 in Rubens’ Werkstatt arbeitete und dessen Urheberschaft mit der Formel „Rubens inv.“ am Bildrand attestiert. Nicht „gemalt“, also realisiert, sondern nur „erfunden“ (und skizziert) hat der Meister das Motiv.

Tochter als Inspiration

Am Ende eines wunderbaren Rundgangs durch religiöse und mythologische Massenszenen im Kammerformat, Vorlagen für Teppiche und Buchillustrationen schaut einen plötzlich ein kleines Mädchen an. Blondes, aus der Stirn gekämmtes Haar, rote Pausbacken, klare blaue Augen. Die 33 Zentimeter hohe Leinwand aus Liechtenstein (um 1616) gehört nicht zur Gattung der Ölskizzen, ist aber an den Rändern wie eine gemalt. Das Kleid des Mädchens ist kaum ausgeführt; der Kragen scheint in den Erdton des Hintergrunds abzufließen. Umso leuchtender schaut das kleine Gesicht uns an: Vermutlich hat Rubens hier seine Tochter Clara Serena im Alter von etwa fünf Jahren gemalt.

Das Frische der Malweise verrät den liebenden Blick des Vaters auf seine Tochter. Für uns erhöht das Wissen um den frühen Tod der Kleinen im Alter von zwölf Jahren einen Zauber, der sich wohl nur in solch schnellen, im Rhythmus des Herzschlags hingeworfenen Pinselstrichen entfalten konnte.

„Rubens als Skizzenmaler“. Madrid, Prado; bis zum 5. August. Vom 8. September 2018 bis 13. Januar 2019 im Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam. Der broschierte Katalog in englischer oder spanischer Sprache kostet 28 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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