Neue Sachlichkeit

Mit Alten Meistern in die neue Zeit

Von Andreas Beyer, Winterthur
 - 11:41
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Die von Schlachten und Verwüstungen verschonte neutrale Schweiz war im Kriegsjahr 1916 Gründungsort des Dadaismus, jener Bewegung also, die auf die Erschütterungen und Verwerfungen des Ersten Weltkriegs mit der Sinnentleerung und der Dekonstruktion der Künste antwortete. Zur gleichen Zeit entstand im durchaus vor erhebliche politische Spannungen und wirtschaftliche Belastungen gestellten helvetischen Réduit das Gemälde „Casa rossa“ des Basler Malers Niklaus Stoecklin: Eine alpine Seelandschaft im Tessin, die in ihrem Rückgriff auf die italienische Malerei der Renaissance mit ihrem kargen Realismus sowie auf die neuzeitliche Entdeckung der Landschaft durch den oderdeutschen Maler Konrad Witz, ihrerseits mit den aktuellen Malpraktiken, etwa dem Spätimpressionismus oder dem Expressionismus, brach und den künstlerischen und sozialen Wirren mit der Nüchternheit formaler Weltbetrachtung begegnete.

Stoecklins Gemälde von 1917 gilt als das früheste eines bald vielerorts in der Schweiz sich artikulierenden Stilhabitus, der später unter dem Rubrum „Neue Sachlichkeit“ firmieren sollte. Der Begriff geht zurück auf die legendäre, unter diesem Titel im Jahr 1925 in der Kunsthalle Mannheim durch Gustav Hartlaub ausgerichtete Ausstellung und hatte sich bald durchgesetzt zur Benennung der figurativen Kunst der Weimarer Republik. Damals in Mannheim mit dabei war, als einziger nichtdeutscher Künstler, Niklaus Stoecklin.

Diese Schweizer sind keine Weltfremdler

Tatsächlich aber ist die schweizerische Malpraxis von der des nördlichen Nachbarlands unterschieden und muss als genuine Erscheinung gelten. Hartlaub hatte die neue Malerei nach zwei Kategorien sortiert, nämlich nach jenen Künstlern, die in ihren Arbeiten die soziale Wirklichkeit veristisch anklagten, und jenen, die, gleichsam als Wiedergänger des Klassizismus, die Tradition der europäischen Malerei als Antidot zu einer unerträglich gewordenen Realität aufgriffen. Nie als organische Gruppe auftretend, sondern jeweils in ganz individueller Haltung, haben die Maler der schweizerischen Variante des neusachlichen Malens mehrheitlich ein kunstimmanentes Verhältnis zu ihren Arbeiten, ohne jedoch in den Verdacht zu geraten, Weltfremdler zu sein und die Gegenwart an eine verklärte Vergangenheit zu verraten.

Das seit Kurzem wieder zu neuer Blüte gelangende Museum Oskar Reinhart in Winterthur widmet diesem Kapitel der schweizerischen Kunstgeschichte jetzt die erste Retrospektive seit vielen Jahrzehnten. Sie erstreckt sich über verschiedene Säle im gesamten Haus und vermittelt so geschickt in die Bestände. Im Treppenhaus eröffnen Eduard Gublers Frauenbildnisse aus den frühen zwanziger Jahren die Schau. Es handelt sich um feinmalerische Neuinterpretationen der „Schönen Florentinerin“, wie sie Domenico Ghirlandaio oder Leonardo als Idealbild weiblicher Grazie in die Geschichte der Malerei eingeschrieben haben.

Sakrale Etüde eines Tintenfasses

So unverkennbar zeitgebunden Physiognomie und psychologische Auffassung der Figuren bleiben, so sehr glückt Gubler doch deren Einbindung in die überzeitliche Bildorganisation des Porträts. Eine solche Balance gelingt ihm auch in seinen Stillleben, einem bevorzugten Sujet aller hier vertretenen Maler, in denen Alltagsgegenstände in ihren simpelsten Manifestationen zurückgereicht werden in die lange Malgeschichte dieser Gattung. Grandios ist darin Fritz Paravicini, dessen „Tintenfass“ von 1931 zu einer nahezu sakralen Etüde von Farb- und Lichtbrechungen, Kanten, Flächen und Linien mutiert.

Die von Andrea Lutz und David Schmidhauser eingerichtete Ausstellung unternimmt den Versuch, die gesamte Schweiz in den Blick zu nehmen. Der Einbezug der Westschweiz führt allerdings vor, wie heterogen sich diese Epoche darstellt. Zumal die Romandie unter viel stärkerem Einfluss der Metropole Paris blieb. Théophile Roberts „Danaiden“ von 1928 oder andere seiner Frauenfiguren korrespondieren mit Picassos klassischer Periode oder bilden Echos zu Cézanne; eine Landschaft von 1921 verrät schon im Titel „Paysage cubiste“ ihre Quelle. Dennoch hat mit François Barraud auch hier ein wirklicher Individualist einen beeindruckenden Auftritt. Die durchweg melancholische Grundstimmung seiner Porträts oder Gruppenbilder, Stillleben und Selbstbildnisse bedient sich eher Vorbildern der niederländischen Tradition und schafft, zumal in den Frauenakten „La nudiste“ (1932) oder „La luronne“ (1930), Interieurs von starker atmosphärischer Diesseitigkeit.

Zukunftsgläubige Hoffnungsbilder aus Kriegsjahren

Als einer der Höhepunkte der Schau präsentiert sich der weitläufige Saal, der den Zeichnungen vorbehalten ist. Dort entfaltet der vom expressionistischen Habitus und von den deutschen Veristen nicht immer verlässlich zu scheidende Johannes Robert Schürch in einer ganzen Serie düster lavierter Tuschfederzeichnungen und in anderen Techniken das ganze Panorama neusachlicher Sozialkritik, von der Kneipen- oder der Bordellszene über die Dirne zum Kriegsversehrten und Bettler. Ihm gegenüber finden sich in aufschlussreichem Dialog die stupenden Graphit- und Bleistiftzeichnungen Eugen Zellers – in akribisch komponierten, in ihrem Feinstrich bis an malerische Wirkung reichenden Blättern schildert er Genreszenen oder Stadtlandschaften und kündigt doch zugleich, wie etwa in „L’esprit nouveau“ von 1928, eine Wendung zum Surrealen an, die der konkreten Sachlichkeit zurückhilft in die zeitgenössische Wirklichkeit der Kunst.

Der prospektive, nicht eskapistische Gestus der schweizerischen Neuen Sachlichkeit manifestiert sich monumental in Niklaus Stoecklins großformatigem Gemälde „Die neue Zeit“ von 1940. In diesem Auftragswerk für das Pharmaunternehmen Sandoz arrangiert Stoecklin den Prozess der Arzneiproduktion von den Heilpflanzen über die Destillationsapparaturen bis hin zu den fertigen Medikamenten bildparallel vor einem aufhellenden Nachthimmel als wissenschaftliche Versuchsanordnung. Ein zukunftsgläubiges Hoffnungsbild, wieder in einem Kriegsjahr entstanden. Und mit allen Ingredienzien der Malereigeschichte.

Die in der Winterthurer Ausstellung in einer eigenen Sektion versammelten, von Stoecklin und Otto Baumberger entworfenen kommerziellen Werbeplakate sind ein weiterer anschaulicher Beleg dieses hier ganz lebenspraktischen Wirklichkeitssinns der Schweizer Kunst.

Neu. Sachlich. Schweiz. Malerei der Neuen Sachlichkeit in der Schweiz. Winterthur, Museum Oskar Reinhart; bis zum 14. Januar 2018. Der exquisit bebilderte Katalog, erschienen bei Scheidegger & Spiess, kostet 39 Schweizer Franken.

Quelle: F.A.Z.
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