Manhattans mobile Kulturhalle

Alle Räder drehen still, wenn das starke Haus es will

Von Ivo Goetz
 - 09:07
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In den Städten geht es heute nur noch um die Verdichtung des Raumes. Die ist zwar dringend nötig, denn der Wohnraum ist knapp, aber vor allem ist die Stadtverdichtung, wie sie heute betrieben wird, für die „Developer“, die Projektentwickler, die Investoren und die Immobilienvermarkter gut, die möglichst viele Quadratmeter überbauen, vermieten oder verkaufen wollen. Freiflächen, Grundstücke und Entwicklungsgebiete werden hart umkämpft, die Entscheidungen oft mit dem Taschenrechner getroffen und weniger mit dem Verständnis für Stadtentwicklung.

Die wenigen freien Grundstücke, die es noch in den großen Städten gibt, sind hauptsächlich Spielflächen für finanzielle Interessen, ihre Bedeutung für das Wohlbefinden der Stadtbewohner wird ignoriert. Wie kann der öffentliche Raum wieder demokratisiert, für die Nutzung durch die Bewohner einer Stadt gestaltet werden? Wie das geht, wollen die Architekten des New Yorker Architektur- und Design-Studios Diller Scofidio + Renfro zeigen, die mit dem Entwurf für den Stadtpark „High Line“ auf einer ehemaligen Manhattaner Hochbahntrasse bekannt wurden. Auf der beinahe drei Kilometer langen Trasse wurden nach ihrem Entwurf Kleinbiotope, Grasflächen und hügelige Buschlandschaften angelegt. Die stillgelegte Güterbahnstrecke, die sich durch West-Manhattan schlängelt, ist längst zur Touristenattraktion geworden – und zum öffentlichen Balkon vieler New Yorker.

Inspiriert von Hafenkränen

Vor kurzem wurde in Los Angeles das vom selben Büro entworfene Museum „The Broad“ eröffnet, das die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Broad Foundation zeigt. DS+R haben auch das Medical Center der Columbia University in New York entworfen, weitere Großprojekte entstehen in Russland und China. Ihr spektakulärstes Projekt aber wird in New York gebaut, in Verlängerung der High Line am Hudson Park im Westen Manhattans. Es ist ein fahrbares Gebäude, ein bewegliches Exoskelett aus Stahl, das mit einer transluzenten Polymerhaut umkleidet wird und das über dem immobilen „Muttergebäude“ geparkt werden kann. Das außergewöhnliche architektonische und städtebauliche Konzept für ein multifunktionales Kunstzentrum hat das New Yorker Großbüro in Zusammenarbeit mit der Rockwell Group entworfen, erste Entwurfsbilder kann man in der hervorragenden Publikation „space on demand“ des Berliner Architekturforums Aedes betrachten. Das Hauptgebäude, so der Plan, soll bei Bedarf durch die fahrbare Hülle erweitert werden; sie rollt in kaum mehr als fünf Minuten über einen öffentlichen Platz mitten in Manhattan. Wird es nicht mehr benötigt, fährt es in seine Lauerstellung zurück und gibt den Park wieder frei.

Elizabeth Diller, Gründerin von DS+R, sagt, sie seien für ihre Idee von Hafenkränen inspiriert worden, die auf breiten Fahrspuren Container bewegen, aber auch vom Entwurf des englischen Architekten Cedric Price für einen „fun palace“, der 1961 an der Themse entstehen sollte, aber nie gebaut wurde. Cedric Price’ „fun palace“ war ein Entwurf für ein Gebäude mit verschiebbaren Wänden und Ebenen – ein futuristisches Konzept für eine flexible Nutzung und Interaktion mit den Nutzern; eine Art Antigebäude, das alles mitmacht, sich immer neu zusammensetzen und demontieren lässt. Renzo Piano und Richard Rogers entwickelten die Ideen von Cedric Price in ihrem Entwurf für das Pariser Centre Pompidou weiter; das freilich nur so aussieht, als könne es sich bewegen und mit den Röhrenlungen atmen.

Der modernen Kunst mehr Entfaltung ermöglichen

Elizabeth Diller sieht die Aufgabe von „The Shed“, zu Deutsch „Wetterdach“ oder auch „Produktionshalle“ (so wird das 500 Millionen Dollar teure Projekt bezeichnet) darin, den sich immer weiter entwickelnden Darstellungs- und Spielformen der modernen Künste jede Art der Entfaltung zu ermöglichen, indem das Gebäude einfach alles mitmacht. Der ungefähr 3600 Tonnen schwere mobile Hallenteil, der auf Stahlrädern mit fast zwei Metern Durchmesser auf Schienen fährt, ist hoch belastbar und bringt die eigene Infrastruktur bereits mit: Kräne, Winden, Heizung, Belüftung, Stromversorgung – alles, was für man für Aufbau von Konzerten oder Ausstellungen benötigt.

Eine mehr als 1500 Quadratmeter große Fläche könnte so wetterunabhängig bespielt werden, ein Theater mit bis zu 1500 Sitzplätzen auf dieser Fläche unter dem Teleskopdach Platz finden. Der Konflikt zwischen öffentlichen Bauten und öffentlichen Freiflächen wäre damit auf eine unerwartete (und energieintensive) Weise gelöst. Und was ist das für eine Utopie: Mit den fahrbaren Hallendächern könnte man sogar weniger gelungene Gebäude sehr einfach verstecken.

Quelle: F.A.Z.
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