Chagall im Kunstmuseum Basel

Eine Kuh als Tischgenossin

Von Joseph Croitoru, Basel
 - 09:58
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Dass Marc Chagall seine erste große Retrospektive 1933 in der Basler Kunsthalle hatte, gehört zu den weniger bekannten Fakten über den weltberühmten Maler, dessen farbenfroh märchenhafte Bilder fast jedem vertraut sind. Josef Helfenstein, der seit September 2016 das Kunstmuseum Basel leitet, trieb, wie er im Gespräch bemerkt, schon länger der Gedanke um, dass das Museum dem russisch-jüdischen Künstler noch nie eine größere Einzelschau gewidmet hat – und dies obwohl das Haus mehrere seiner Spitzenwerke beherbergt. Mit der Ausstellung „Marc Chagall: Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919“ wird das Versäumnis nachgeholt.

Diese frühe Schaffensphase, als der Malerpoet in seiner Geburtsstadt Witebsk, in Paris und in St.Petersburg wirkte, ist trotz der Vielzahl der Chagall-Ausstellungen bis heute so noch nicht beleuchtet worden. Ein Motiv für die Fokussierung auf diese Periode lag auch darin, die Chagall-Bestände des Museums in die Schau einzubringen: In der rund zweihundert Gemälde umfassenden Sammlung „Im Obersteg“, die 2004 in das Haus einzog, befinden sich nämlich die als die „Großen Rabbiner“ bekannten drei Darstellungen alter Juden in „Grün“, „Rot“ und „Schwarz-Weiß“ von 1914 sowie ein kubistisch-orphistisch inspiriertes Selbstbildnis aus demselben Jahr.

In der Ausstellung im 2016 eröffneten Neubau des Kunstmuseums wurde diesen Bildern das vierte dieser Reihe, „Der Jude in Hellrot“ aus St.Petersburg, hinzugesellt. Sie korrespondieren mit den berühmten Rabbiner-Bildern von 1912 und 1923/26, von denen das spätere, einst als „entartet“ verfemt, von Georg Schmidt, dem ersten Direktor des Kunstmuseums, schon 1939 für das Haus erworben wurde.

Alle anderen sind ihm zu bürgerlich-urban

Wie schon die Rabbiner-Bilder zeigen, liegt eine der Stärken der Basler Schau mit rund 120 Werken des Künstlers in der Hängung. Diese bietet seltene, sich nicht zuletzt den zahlreichen Leihgaben aus Privatsammlungen verdankende Kombinationen, die Entstehungszusammenhänge nachvollziehbar machen. Sie helfen, sich dem in diesem Schaffensabschnitt bisweilen enigmatischen Werk des Malers zu nähern. So weisen die im ersten von insgesamt acht Räumen nebeneinander präsentierten beiden frühen Porträts von 1909 – ein Selbstbildnis mit Künstlermütze und ein Bildnis seiner Braut – den jungen Chagall als noch akademisch orientiert aus. Doch schon diese Gemälde lassen ahnen, dass akkurate Perspektive und Lichtregie nie zu Chagalls Favoriten gehören werden – dafür flächenhafte und vergröberte Formen, die später bei aller scheinbar naiven Akzentuierung ein Erkennungsmerkmal seiner Kunst bleiben werden.

Auch deshalb wird Chagalls Begegnung mit dem Fauvismus, Kubismus und Orphismus in Paris nur für kurze Zeit seinen Malstil beflügeln: Die Fauvisten scheinen ihm mit ihren grell leuchtenden Farben zu schrill zu sein, die Orphisten zu abstrakt, die Kubisten zu berechnend – und alle zu bürgerlich-urban. Entsprechend weist der Entwurf zu dem Gemälde „Das gelbe Zimmer“ noch ein breites Farbspektrum auf, während das fertige Bild im Vergleich zur Studie fast monochrom wirkt. Obendrein liegt eine Kuh auf der einen Seite des die Szenerie dominierenden schrägen Tischs – gleichsam als Tischgenossin der Bäuerin mit dem Chagall-typischen rotierten Kopf. Mit dieser eigensinnigen Bildformel die Eintrittskarte zum begehrten Pariser Herbstsalon 1911 zu erlangen blieb ein frommer Wunsch.

Von 1912 an wird Chagall jedoch in Paris im Salon des Indépendants, in Moskau und in Herwarth Waldens Berliner Galerie „Der Sturm“ ausgestellt – vermutlich auch, weil er Konzessionen an den Publikumsgeschmack gemacht hat, etwa durch Anlehnung an Robert Delaunays orphistische Radialkompositionen wie in dem bekannten Ölgemälde „Ich und das Dorf“. Einnahmen aus Bilderverkäufen fließen jedoch spärlich, und bis heute ist im Grunde die Frage ungeklärt, welche Adressaten der Maler für seine in diesen Jahren doch sehr unterschiedlichen Bildwelten im Blick hat. Als jüdisch sind jedenfalls die wenigsten Sujets der Werke aus der Frühzeit mit den dörflich-bäuerlichen Motiven identifizierbar. Dass Chagall also bereits in dieser Phase zu jener häufig – auch in Basel – bemühten Synthese zwischen Moderne und Chassidismus gefunden hat, darf zumindest angezweifelt werden: Um den Hals des großen Männerkopfs im für diese Wende als exemplarisch geltenden „Ich und das Dorf“ liegt denn auch eine Perlenkette mit Kreuz. Kaum zufällig ist auf diesem Bild wie auch auf anderen aus diesen Jahren – so auf dem ebenfalls 1911 datierten Gemälde „Russland, den Eseln und den anderen“ – eine Kirche, aber keine Synagoge dargestellt.

Erst der längere, 1914 durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aufgezwungene Aufenthalt in Russland, wo Chagall hauptsächlich in Witebsk lebt, lässt eine eingehendere Beschäftigung mit dem jüdischen Umfeld erkennen. Als Zeichner hält der Künstler jetzt zwar, wie seltene Blätter aus seinem Nachlass in der Schau bezeugen, religiöse Bräuche und Feierlichkeiten fest. In holzschnittartigen Tinten- und Tuschezeichnungen widmet er sich in fast schon expressionistischer Manier – und dies jenseits ethnischer Grenzen – den Schicksalen verwundeter Soldaten und der vom Krieg betroffenen Menschen in der Frontstadt Witebsk.

Sehnsucht nach der Pariser Zeit

Der Maler Chagall wiederum kreiert zwar in diesen russischen Jahren seine beeindruckenden Ikonen der im Katalog ausführlich beleuchteten ostjüdischen Symbolfigur des „Luftmenschen“ – am prägnantesten in dem Gemälde „Über Witebsk“ (1914) mit dem schwebenden Sackträger; oder er malt genrehafte Szenen wie die eines traditionellen Purimfestes. Ansonsten aber begegnen in den Gemälden jüdische Sujets eher selten, es dominieren Porträts von Angehörigen, Interieurs, Fensterausblicke und Straßenbilder – häufig mit formellen und farblichen Reminiszenzen an Henri Matisse, aus denen eine spürbare Sehnsucht nach der aufregenden Pariser Zeit spricht.

Dass Chagall seine Umgebung zu beschönigen trachtet, macht der Vergleich mit den gezeigten Fotografien deutlich, die der mit ihm bekannte Solomon Judowin etwa zur gleichen Zeit im Rahmen der russisch-jüdischen, von dem Schriftsteller Semjon Akimowitsch An-Ski geleiteten ethnologischen Expedition in Witebsk machte. Diese Gegenüberstellung ist ein weiteres Verdienst der Basler Schau, zumal damit der mitunter eklatante Unterschied zwischen fotografischer Dokumentation und Bildimagination veranschaulicht wird: Die bei Judowin immer wieder ins Auge springenden bröckelnden Mauern der ärmlichen Häuser in Witebsk sind bei Chagall nirgends zu finden.

Die damals in manchen jüdischen Kreisen zur Mode gewordene Idealisierung des Ostjuden wird im Katalog ebenso thematisiert wie Chagalls Verhältnis zur russischen Revolution, welcher der Maler in Witebsk von 1917 bis 1920 als Kunstkommissar dient. In das ersehnte Paris kehrt er nach Zwischenstationen in Moskau und Berlin erst 1923 zurück – als geschätzter Künstler, der bald auch zu Weltruhm gelangen wird.

Marc Chagall: Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919. Kunstmuseum Basel, bis zum 21. Januar 2018. Der Katalog kostet 38 Franken.

Quelle: F.A.Z.
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