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Marina Abramović

Martyrium und Marke

Von Kolja Reichert
 - 11:23
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Nachdem 2004 ihre Freundin Susan Sontag gestorben war, rief Marina Abramović ihren Anwalt an und erklärte ihm, wie sie sich ihre eigene Beisetzung vorstelle: Drei Gräber sollen ausgehoben und gepflegt werden, eins in Belgrad, wo sie als Tochter zweier Partisanenhelden eine unglückliche Kindheit und Jugend verbrachte, eins in Amsterdam, wo die Schicksalsbeziehung mit Lebensmensch Ulay ihren Ausgang nahm, und eins in New York, wo sie seit Ende der Neunziger Jahre lebt. Die Gäste sollen giftgrün, rot und violett gekleidet erscheinen, ihre Witze sollen erzählt werden und ihre „Ersatztochter“, die Sängerin Anohni, solle „My Way“ im Stil von Nina Simone singen. Niemand solle erfahren, in welchem der drei Gräber ihr Leichnam liegt. So beschreibt es Abramović in ihrer eben erschienen Autobiografie „Durch Mauern gehen“.

Es passt zu dieser Künstlerin, dass sie ihre Beisetzung als weihevolle Performance plant und die Gestaltungshoheit auch über ihr Gedenken in Anspruch nimmt. Zuvor hatte schon Robert Wilson im Theaterstück „Life and Death of Marina Abramović“ unter Mitwirkung von Ahnoni und Willem Dafoe opulent ihr Ende fantasiert. Larger than Life – drunter geht es bei der Performancekünstlerin nicht, der es gelungen ist, als Person stellvertretend für eine ganze Kunstgattung zu stehen; auch wenn sie auf der Vorarbeit von Valie Export, Bruce Nauman, Vito Acconci oder Joseph Beuys aufbaute (deren Werke sie später im Einverständnis reinszenierte).

Lebensgefahr durch Existenz

Mit Performances wie „Rhythm 5“, für die sie in einem Stern aus brennenden Sägespänen lag, oder später „Thomas Lips“, für die sie sich einen Stern in den Bauch ritzte, sich auspeitschte und eine halbe Stunde lang auf einem Kreuz aus Eisblöcken lag, wurde sie ab 1972 europaweit bekannt. Nicht nur sich selbst, auch ihr Publikum provozierte sie zu Grenzüberschreitungen.

Abramović Erinnerungen an die Nomadenjahre mit dem deutschen Künstler Ulay, während derer die beiden als gefragtes Dreamteam in einem Citroën-Lieferwagen durch Europa reisten, sind mitreißend zu lesen. Die meist von Ulay konzipierten „Relation Works“, für die sie wieder und wieder ihre Körper gegeneinander klatschen ließen oder sich, einer den Pfeil, einer den Bogen haltend, nach hinten Richtung Lebensgefährdung lehnten (wobei Mikrofone ihren Puls verstärkten), sind unübertreffliche Erkundungen der Verhältnisse von Körper, Raum, Existenz und Institution. Nach jahrelangem Streit entschied kürzlich ein Gericht, dass Abramović für die Verwertung der gemeinsamen Arbeiten 300.000 an Ulay zahlen muss.

Nach der Trennung 1988 experimentierte Abramović mit „Transitorischen Objekten“ aus Kristall und begann damit, Performance an andere zu delegieren. Hatte sie früher das Theater abgelehnt, so begab sie sich in den Neunzigern, etwa mit „Cleaning the Mirror 2“, für die sie unter einem Plastikskelett atmete und dieses anschließend putzte, mitten hinein, und verwertete ihre Inszenierungen auch in großformatigen, kitschigen Fotografien. Mit der Performance „The Artist is Present“ 2010 im New Yorker MoMA, für die elf Wochen lang über 700.000 Menschen Schlange standen, um ihr in die Augen zu sehen, wurde Marina Abramović zur Celebrity. Beruhte ihre Arbeit früher auf Kopräsenz und hatte den Körper zum Medium, so bildet Abramović Gegenüber inzwischen die Kamera, und ihr Medium ist die eigene Persona.

Als der Rapper Jay-Z 2013 „The Artist is Present“ für einen Videodreh adaptierte, autorisierte Abramović das durch einen Gastauftritt. Teil eines Deals, wie sie dem Autor dieser Zeilen später erklärte: Jay-Z spendete dafür für das Marina Abramović Institute, das Rem Koolhaas und Shohei Shigematsu am Hudson River bauen. Aus dem Martyrium wurde die Markenpflege. Heute wird Marina Abramović siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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