Hinterglasmalerei im Museum

Die Hebung gläserner Schätze

Von Brita Sachs
 - 21:48

Forscherträume werden wahr, wenn auf attraktivem, aber vermeintlich bis in letzte Winkel beackertem Gebiet tatsächlich noch eine Lücke auftritt. So war kaum zu erwarten, dass die Malerei des „Blauen Reiters“ Kunsthistorikern noch Brachen böte – bis das Museum im oberbayerischen Penzberg, das den Nachlass von Heinrich Campendonk bewahrt, sich dessen Hinterglasmalerei vorknöpfte. Unverhofft gewonnene, erstaunliche Erkenntnisse betrafen nicht nur Campendonks Oeuvre sondern auch die Bedeutung dieser Technik im deutschen Expressionismus und darüber hinaus. Anlass für das Forschungsprojekt hatte der bedenkliche Zustand von Campendonks Glasbildern gegeben.

Denn das Besondere dieser Malerei, ihre ungewöhnliche, durch Reflexion und Lichtbrechung vom Glas erzeugte Farbstrahlkraft bezahlt sie mit großer Fragilität, auf dem schön glatten, aber nicht saugenden Malgrund haftet die rückwärtig aufgebrachte Farbe schlecht. Auch weil es an spezialisierten Restauratoren fehlt, schlummern die meisten dieser Bilder vergessen in Museums-Depots; noch dazu haftet ihnen eine leicht abschätzige Bewertung als Exkurs ins Volkskunsthafte an.

Genau da kommt diese alte Technik ja auch her, gerade das Unakademische der Volkskunst inspirierte Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, die sich als ihre begeisterten Sammler zu Hause damit umgaben. Die bäuerlichen Hinterglaswerke mit ihrer flächigen, „unbekümmerten Formvereinfachung“, dem leuchtenden Kolorit in schwarzen Konturen trafen den Nerv der neuen Ausdruck suchenden Avantgarde. Münter nimmt Unterricht bei einem Murnauer Glasmaler. Sie ist es, die diese Technik an die Freunde weitergibt. Elisabeth Macke berichtet, wie man mit Ehepaar Marc und anderen „abends um den runden Tisch“ Glasbilder malend beisammensaß und Kandinsky schwärmte: „Ich kenne wirklich beinahe keine schönere Arbeit. Leider ist das Zeug so zerbrechlich“. Auch Campendonk, der 1911 zu der Künstlergruppe stößt, dürfte so manches zerbrochen sein.

Doch immerhin 73 Exemplare weist das Penzberger Team um Museumsdirektorin Gisela Geiger und Restauratorin Simone Bretz im kürzlich erschienenen Hinterglas-Werkkatalog des Künstlers nach, zugleich die erste Publikation zur Grundlagenforschung über moderne Hinterglasmalerei. Im Rahmen eines noch laufenden, wie schon das erste von der Volkswagenstiftung geförderten Folgeprojekts beweist das Penzberger Museum nun mit seiner Ausstellung „Tiefenlicht“, dass Hinterglasmalerei von der Klassischen Moderne bis heute alles andere ist als ein Randphänomen.

Campendonks Werke muten wie Märchenszenen an

Im Zentrum dieser vielstimmigen Schau steht Campendonk, der jüngste Blaue Reiter. Dass er seine erste Einzelausstellung 1923 im Krefelder Kaiser Wilhelm Museum ausschließlich Glasbildern widmet, beweist seine Wertschätzung der Technik, die er zeitlebens perfektionierte. Auch Erfolg hatte er damit; Abbildungen können das Strahlen nicht wiedergeben, das sein „Stillleben mit Fischglas, Spielkarten und Vase“ von 1927 aussendet, als sei es ein Leuchtkastenbild. Ein Großfoto zeigt, wie es einst mit seinem Pendant um einen Kakadu den eleganten Damensalon eines Duisburger Hotels schmückte. Das Werk weist drei Farbschichten auf, dazu Radierlinien unterschiedlicher Dichte plus gesprenkelte und gemalte Bronzen, die Fischhaut und Wasser glitzern lassen.

Man ahnt, wie viel Geduld und technischer Aufwand in den reifen Werken steckt; immer raffinierter, filigraner, stellenweise eher wie ein Druckgrafiker denn ein Maler vorgehend, strukturiert Campendonk seine wie Traum- oder Märchenszenen anmutenden Werke: Er schichtete, kratzte, strichelte stundenlang mit dem Radiermesser, betupft präzise umrissene Flächen mit kleinen Pünktchen, bis etwa jeder Stamm der vielen „Bäume“, ein Bild von 1946, seinen eigenen Rindencharakter aufweist. An einem Tisch mit Touchscreen kann man die Objekte digital auf die Rück-, also die eigentliche Malseite drehen, die ein ganz anderes, meistens viel „abstrakteres“ Bild bietet. Wer weiß, ob nicht solche Aspekte Kandinskys Weg zur Abstraktion beschleunigten?

Zwei Hauptwege verbreiten die Methode: August Macke – seinen kleinen „Hirten mit Tieren“ vor lichtem Grund schenkte er dem Freund Franz Marc – bringt sie 1910 seinen Freunden vom Kreis des „Rheinischen Expressionismus“ aus Bayern mit. Unter ihnen der experimentierfreudige Max Ernst, grattageartig schabt er blaue Wellenbänder in schwarzen Grund, und Carlo Mense, der Scheiben ausdrucks- und farbstark mit „Menschen am Fluss“ oder auch mit feurigen roten Rössern an der „Pferdeschwemme“ bemalt. Beide Arbeiten zeigt Herwarth Walden 1913 in seiner Berliner Galerie „Der Sturm“.

Ihn fasziniert Hinterglaskunst ebenso wie seine Frau Nell, die sie, angeregt durch einen Besuch bei Gabriele Münter, selbst oft und kreativ einsetzt; ihr ungegenständliches „Glasbild 42“ steigert schimmernde Reflexe durch Hinterlegung mit geprägtem Goldpapier. Die engagierten Avantgardeförderer Walden ermutigen ihre Künstlertruppe, auf Glas zu experimentieren, Arnold Topp ist dabei, und Walter Dexel entwickelt seinen Konstruktivismus auch auf diesem Träger. Arbeiten von vierzig Künstlern, berühmten und weniger bekannten, präsentieren große Vielfalt und Erfindungsgeist im Umgang mit der transparenten Malfläche bis in unsere Zeit, wo Thilo Westermann fast fotorealistisch anmutende Blütenarrangements in feinster Radiertechnik aus dunklem Grund sticht, während Gerhard Richter den Zufall einlädt, wenn er Lackfarben bunt ineinanderlaufen lässt und mit aufgedrückter Scheibe fixiert.

Drei weitere Museen der Region schlossen sich dem Thema an

Unter dem Motto „Das Blaue Land hinter Glas“ schlossen sich drei weitere Museen der Region dem Thema an. Das Schlossmuseum Murnau zeigt neben der Dauerpräsentation seiner umfangreichen Bestände traditioneller regionaler und internationaler Hinterglaskunst eine Sonderschau neuer konkreter Arbeiten von Gaby Terhuven, die zwei beidseitig bemalte Scheiben so hintereinanderstellt, dass ein dreidimensionaler Eindruck entsteht. Lothar-Günther Buchheim, der als einer der Ersten auf ländliche Hinterglasmalerei als Inspirationsquelle für die Blaue-Reiter-Künstler hingewiesen hat, sammelte solche Stücke des neunzehnten Jahrhunderts, zu sehen in seinem Museum in Bernried, das Buchheims „Zirkuswunderschweine“ und weitere seiner selbstgemalten Experimente hinter Glas dazuhängte.

Auf ihrem Ölbild „Mann im Sessel (Paul Klee)“ zeigt Gabriele Münter ihr Wohnzimmer. Atmosphärisch arrangierte volkstümliche Schnitzereien und eine grüne, über und über mit historischen Hinterglasbildern behängte Wand betonen den Stellenwert solcher Objekte im kreativen Umfeld der Malerin, das eine Installation im Franz Marc Museum in Kochel nachempfindet. Neben diesem Schlüsselwerk präsentiert man dort ein weiteres: Franz Marcs prachtvolle „Landschaft mit Tieren und Regenbogen“ von 1911. Aus Gouache, Silberfolien und Papier entstand in komplexem Aufbau die paradiesisch friedliche Szene auf hoher, schmaler Glasscheibe. Marc gab das Werk gleich in die erste Blaue-Reiter-Ausstellung bei Thannhauser in München, gekauft hat es Herwarth Walden, und Maria Marc griff später die Vor-Skizzen ihres Mannes auf für eine ihrer Stickereien.

Die Ausstellungen

Tiefenlicht – Malerei hinter Glas von August Macke bis Gerhard Richter. Museum Penzberg Sammlung Campendonk, Penzberg; bis 4. Februar.

Hinterglasmalerei zwischen Volkskunst und Avantgarde. Franz Marc Museum, Kochel am See; bis 18. Februar.

Gaby Terhuven: Lichtungen, Malerei auf Glas. Schlossmuseum, Murnau; bis 25. Februar.

Nonnenspiegel und Zirkusschweine. Buchheim Museum der Phantasie, Bernried; bis 18. Februar.

Ein Katalogheft zu allen vier Ausstellungen ist für 5 Euro in den beteiligten Museen erhältlich.

Quelle: F.A.Z.
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