FAZ plus ArtikelZwischen Luxus und Heilung

Was wollen die neuen Milden in der Kunst?

Von Niklas Maak
 - 17:26

Vor kurzem lud das Stedelijk-Museum die kanadische, in Berlin lebende Künstlerin Lauryn Youden dazu ein, in Amsterdam einen Performance-Abend zu veranstalten. Es sind keine Performances, wie man sie kennt: Bei Youdens Auftritten werden Kissen ausgelegt, auf denen die Besucher, die vorher darum gebeten wurden, bequeme Kleidung zu tragen, eine „bequeme Position“ einnehmen sollen. Das Licht ist schummerig oder wie die Künstlerin es nennt, „immersiv“, es wird Beifuß-Tee serviert, ein Kräutergebräu, zu dem die Künstlerin bemerkt, im Mittelalter habe man es getrunken, um böse Geister fernzuhalten. Die so ausgestatteten Zuhörer werden dann Zeugen einer von singenden Kristallen begleiteten meditativen Lesung, bei der es unter anderen darum geht, wie Monotheismus und Kapitalismus den Körper ruinieren; dieser analytische Teil sei aber nur Teil eines „Sound Bath“, das zum Teil Meditation, zum Teil eine „therapeutische Heilungszeremonie“ sei.

Kunst als Heilung: Das ist ein neuer Anspruch. Wenn es darum ging, die Bedeutung eines Werks der Gegenwartskunst zu bestimmen, unternahmen Kuratoren, Kritiker und andere Akteure der Kunstwelt teilweise erhebliche Anstrengungen, um einem Kunstwerk das Eingeständnis abzupressen, irgendwie „kritisch“ zu sein oder die Folgen von Ideologien sichtbar zu machen oder Gesellschaft kritisch infrage zu stellen oder irgendwelche Sehgewohnheiten zu brechen. Es war schlechterdings nicht vorstellbar, den Preis und die Bedeutung eines Werks über seine Schönheit oder Eleganz zu rechtfertigen; es musste der selbst oft eigenartig militärischen Sprache des kritischen Bewusstseins, bei der es um „brechen“, „aushebeln“ und andere rabiate Tätigkeiten geht, standhalten können.

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Quelle: F.A.Z.
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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