„Iwan der Schreckliche“

Kunstzerstörung mit Wodka und Politik

Von Friedrich Schmidt, Moskau
 - 15:38

Der Zar kniet, seinen von ihm höchstselbst niedergeschlagenen Sohn in den Armen, die Augen von Entsetzen oder Wahnsinn geweitet: Das Gemälde „Iwan der Schreckliche und sein Sohn Iwan am 16. November 1581“ des russischen Malers Ilja Repin ist eines der Meisterwerke in der Moskauer Tretjakow-Galerie. Am Freitagabend wurde es schwer beschädigt: Laut dem Museum durchschlug ein Besucher das Schutzglas mit einem Eisenpfahl und zerriss so die Leinwand an drei Stellen im Bereich der Figur des Thronfolgers.

Auch der Rahmen sei beschädigt. Glücklicherweise seien die „wertvollsten“ Teile des Gemäldes, die Gesichter und Hände von Vater und Sohn, nicht versehrt. Das Bild werde restauriert. Der Angreifer wurde festgenommen, ein Strafverfahren ist eröffnet; nach Angaben des Gerichts beträgt der Schaden mehr als eine halbe Million Rubel, gut 6900 Euro. So weit die nüchternen Umstände des Vandalismus. Aber der Fall hat eine Vorgeschichte.

Repins Gemälde von 1885 gilt als Ausdruck von Auflehnung gegen Gewalt und Blutvergießen. Es war schon damals kontrovers, unterfiel nach seiner Präsentation der Zensur des Zaren – wenn auch nur für einige Monate. 1913 griff es ein altgläubiger Ikonenmaler namens Abram Balaschow mit einem Messer an, rief „Genug Tod, genug Blut!“ und stieß dreimal zu. Damals nahm Repin (1844 bis 1930) laut dem Museum selbst an der Restaurierung teil.

„Hundert Gramm“ Wodka

Balaschow wurde für psychisch gestört befunden, Ärzten übergeben und kam bald frei. Seinen mutmaßlichen Nachfolger führten russische Polizisten am Samstag in einem kurzen Video vor. Darin sagt der Mann mit Halbglatze in dunkler Jacke, er sei am Freitagabend gekommen, um das Bild anzusehen, und habe in der Museumskantine „hundert Gramm“ Wodka getrunken, was er sonst nicht tue.

Er sei sich der Schwere seines Vergehens bewusst. Nach Agenturberichten handelt sich um einen 37 Jahre alten obdachlosen Arbeitslosen aus der zentralrussischen Stadt Woronesch, der das Gemälde wegen der „Falschheit der historischen Fakten“ auf der Leinwand attackiert habe. Vor Gericht sagte der Mann, er habe „verärgert über den Inhalt des Bildes“ nach einem Pfahl der Absperrungen im Saal gegriffen.

Der Angreifer darf sich ganz auf Seiten des militant-revisionistischen Kreml-Zeitgeists fühlen. Iwan IV., Zar ab 1547, vergrößerte das Reich durch blutige Eroberungszüge. Unter seiner Herrschaft gab es eine systematische Repressionskampagne gegen wirkliche und vermeintliche Widersacher unter den Bojaren (Adeligen), die enteignet, verbannt und getötet wurden. Eine dazu gegründete Einheit, die Opritschniki, verbreitete im Auftrag des Zaren Angst und Schrecken.

Loyalitätsgeste in Richtung des „Zaren“

1581 soll Iwan seinen Sohn Iwan im Streit niedergeschlagen haben, was einige Tage später zu dessen Tod führte. Repin bezieht die Folgen in seiner Darstellung des vermutlich bedeutungsvollsten Falls häuslicher Gewalt der russischen Geschichte ein. Denn als der Zar drei Jahre später starb, kam der schwächliche Fjodor an die Macht, der 1598 kinderlos verschied. Es folgte die „Zeit der Wirren“, Hungersnöte, Unruhen, Krieg, bis 1613 die Dynastie der Romanows die Macht übernahm. Daher der Horror im Blick von Repins Zaren.

Der Filizid wurde immer wieder angezweifelt. Jetzt aber mit Plazet von ganz oben. Denn in den vergangenen Jahren geht der Trend zur Glorifizierung von Herrschern aus Zaren- und Sowjetzeiten, nach der Faustregel: je brutaler und mächtiger, desto besser. Letztlich ist diese Feier unbeschränkter Herrschaft eine Unterwerfungs- und Loyalitätsgeste in Richtung des „Zaren“ im Kreml, Wladimir Putin.

Im Jahr 2013 forderten Nationalisten einer Gruppe namens „Heilige Rus“ mit gleichgesinnten Historikern den Kulturminister, Wladimir Medinskij, und die Tretjakow-Galerie auf, Repins Gemälde abzuhängen, da es die „patriotischen Gefühle russischer Menschen“ beleidige, die ihren Vorfahren dankbar seien, einen „großen, mächtigen Staat“ geschaffen zu haben, „das Russische Orthodoxe Zarenreich“.

„Putins Beichtvater“

Eigentlich rannten sie damit offene Türen ein: Medinskij selbst führt den Fall Iwans des Schrecklichen in einem seiner Bestseller zu „Mythen über Russland“ auf, mit denen der Westen Russland anschwärzen und kleinhalten wolle. Auch in einem Multimediapark namens „Meine Geschichte“, an welcher der einflussreiche, oft als „Putins Beichtvater“ bezeichnete Moskauer Bischof Tichon mitarbeitete, heißt es, die Überlieferung, Iwan habe seinen Sohn getötet, gehe auf ausländische Verleumdung zurück.

Der Bischof verteidigte vor kurzem im Gespräch mit dieser Zeitung (F.A.Z. vom 28. April) diese Darstellung: Der Thronfolger sei wohl einer Bleivergiftung erlegen; Iwans Terror sei nicht schlimmer gewesen als der anderer Herrscher seiner Zeit; das Schreckensbild sei zurückzuführen auf „Probleme mit unseren europäischen Partnern, die keine russische Konkurrenz dulden wollten“. Im Oktober 2016 wurde in der westrussischen Stadt Orjol ein erstes Iwan-der-Schreckliche-Denkmal enthüllt, das den Zaren in Bronze, zu Pferde und mit Kreuz in der Hand zeigt. Der damalige Gebietsgouverneur, Wadim Potomskij, behauptete dabei, der Thronfolger sei tatsächlich an einer Krankheit gestorben, die er sich bei einer Reise mit seinem Vater nach Sankt Petersburg zugezogen habe.

Putin hat „die ganze Welt gezwungen, Russland zu respektieren“

Die Stadt wurde aber erst 119 Jahre später gegründet (der Gouverneur sagte dann, er habe sich versprochen). Potomskij bezeichnete Kritiker des Denkmals als „Feinde“ und verglich – darum geht es schließlich – den Zaren mit Putin: Der große und machtvolle Präsident habe wie einst Iwan IV. „die ganze Welt gezwungen, Russland zu respektieren“. Ein weiteres Denkmal für Iwan den Schrecklichen erschien im vergangenen Jahr auf Betreiben Medinskijs an der Seite von Büsten Stalins und anderer Führer in einer „Allee der Herrscher“ in Moskau.

Auf der anderen Seite werden unliebsame, nämlich westlich anmutende Ausstellungen regelmäßig Opfer von Angriffen parapolizeilicher Kräfte, die sich „Kosaken“ oder „Offiziere Russlands“ nennen. Klagen, religiös-patriotische Gefühle seien beleidigt worden, rechtfertigen Gewalt und Schließungen. Die faktische Zensur ist weniger eindeutig als ein offizielles Verbot und erlaubt es den Mächtigen, sich zu distanzieren.

Zugleich ermutigt die von ihnen ständig verbreitete Mär von Russland als ewigem Opfer innerer und äußerer Feinde Übergriffe radikaler Kräfte. Im Gesuch der Nationalisten gegen Repins Gemälde von 2013 hieß es, der Maler sei von Gott bestraft worden, weil seine rechte Hand „verwelkt“ sei.

Talent „für die Zerstörung Russlands“

Nach der bolschewistischen Machtergreifung 1917 sei er im finnischen Exil in den Schoß der Orthodoxie zurückgekehrt, habe seine Fehler erkannt, deren schlimmster gewesen sei, sein Talent „für die Zerstörung Russlands“ verwendet zu haben. Heute, hieß es, wäre Repin „sicher demjenigen dankbar, der dieses verleumderische Bild zerstören würde“. Nach der Veröffentlichung dieses Appells hatte die Tretjakow-Galerie mitgeteilt, Repins Gemälde besonders bewachen zu lassen.

Davon war nun nichts mehr zu hören. Vielmehr wurde mitgeteilt, dass ein spezieller Schutz gegen Vandalenangriffe, der eigentlich vor dem Glas über der Leinwand sein sollte, nicht vorhanden war. Zudem gebe es keine Aufnahmen von Überwachungskameras.

Quelle: F.A.Z.
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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