Museum Augusteum in Oldenburg

Unerhörte Geheimnisse der Augenschule

Von Andreas Kilb
 - 21:16

An Oldenburg dachte Karl Jaspers mit sehr gemischten Gefühlen zurück. „Die Stimmung grauen Regens, trüber Scheiben, die Bilder von schlechtriechenden Schutthaufen, verwahrlosten Bauplätzen“ und das „armselig Nüchterne“ des kulturellen Lebens verschatteten die Erinnerung des Philosophen an die Stadt seiner Kindheit und Schulzeit. Nur ein Ort ragte aus der Ödnis heraus: das Augusteum mit der großherzoglichen Gemäldegalerie, ein Museumsbau, der „durch klassizistischen Stil eine ruhige Vornehmheit“ ausstrahle, ein „feierlicher Raum voll Schönheit, die wir nur wenig begriffen und die uns voll unerhörter Geheimnisse schien“.

Das Augusteum steht immer noch in Oldenburg, und es ist immer noch ruhig, vornehm und feierlich, auch wenn es von den Kunstwerken, die der Schüler Jaspers bestaunte und nicht ganz begriff, ein paar der schönsten verloren hat. Das geschah vor fast hundert Jahren, im Jahr 1924, als der letzte regierende Großherzog Friedrich August, den die junge Weimarer Republik zur Abdankung gezwungen hatte, die wertvollsten Stücke seiner Gemäldesammlung in Amsterdam versteigern ließ, darunter Werke von Rembrandt, Veronese, Pontormo, Perugino und Frans Hals. Zwei Drittel des Bestands blieben der Stadt immerhin erhalten, und einzelne der verkauften Bilder konnten seither aus Privatbesitz zurückerworben werden – nur eben nicht die Kronjuwelen, von denen viele heute die Ausstellungsräume des Amsterdamer Rijksmuseums zieren.

Ein enzyklopädisches Museumsprogramm

Die jüngere Geschichte des Augusteums beginnt also mit einer Verlusterfahrung, so wie die Geschichte der Oldenburger Kunstsammlungen überhaupt. Denn das dänische Königshaus, das die damalige Grafschaft Oldenburg bis 1774 in Personalunion regierte, hatte fast alle seine Kunstschätze nach Kopenhagen schaffen lassen, so dass Peter Friedrich Ludwig, der zweite Regent des neugeschaffenen Herzogtums, in seiner Residenzstadt eine Art Tabula rasa vorfand. Es traf sich deshalb gut, dass Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der „Goethe-Tischbein“, auf der Flucht vor der Französischen Revolution nach Oldenburg kam und dort ab 1808 sogar als Hofmaler wirkte. Tischbein hinterließ der Stadt nicht nur seinen frühromantischen Idyllen-Zyklus, dessen knapp vier Dutzend Schäferstücke und Götterszenen heute in einem eigenen Zimmer des Oldenburger Schlosses hängen, sondern auch seine aus 86 Barockgemälden bestehende Privatsammlung, die er als Direktor der Kunstakademie von Neapel begründet und durch kluge Ankäufe und Tauschgeschäfte ergänzt hatte.

Die Tischbein-Sammlung bildet bis heute den Kern der Gemäldegalerie im Augusteum; einige seiner besten Stücke, wie das „Amor und Psyche“-Tableau des nordischen Manieristen Bartholomäus Spranger, stammen aus ihrem Bestand. Nach dem Tod des Malers im Jahr 1829 aber wuchs die Kollektion bald um mehr als das Doppelte an, nicht zuletzt dank kunsthistorischer Berater wie Gustav Friedrich Waagen, die das Prestigedenken der Oldenburger Regenten in sachdienliche Bahnen lenkten. Waagen setzte in dem vom Wiener Kongress aufgewerteten Großherzogtum das enzyklopädische Museumsprogramm fort, das er als Direktor der Berliner Gemäldegalerie entwickelt hatte.

Jahrzehnte im Schatten

Diese Konzeption, bei der die Einzelwerke wie Puzzlestücke in ein Gesamtbild eingesetzt werden, ist dem Augusteum trotz aller Versteigerungsverluste erhalten geblieben. Zwar besitzt es keinen Rembrandt mehr, aber dafür einen „Hieronymus“ von Van Dyck; keinen Rubens, aber einen „Heiligen Dominikus“ von Jacob Jordaens. Die Spätgotik ist durch Quentin Massys und die Cranach-Werkstatt vertreten, die Renaissance durch Jan Scorel, Joos van Cleve und Garofalo, der südliche Barock durch Padovanino, Sassoferrato und eine wandfüllende „Beweinung Christi“ des Spaniers Jusepe de Ribera. Auch die Zwischenglieder der Sammlung haben fast durchweg hohe Qualität: ein Frühstücksstillleben von Gerrit Heda, eine Flusslandschaft im Mondlicht von Aert van der Neer, eine Bauernhochzeit von Johann Liss, eine italienische Flusslandschaft des Poussin-Schülers Gaspard Dughet.

Dennoch hat das 1867 im Neorenaissance-Stil errichtete Augusteum über Jahrzehnte im Schatten der großen norddeutschen Museen gestanden, der Gemäldesammlungen von Bremen und Braunschweig, Hamburg und Hannover. Das war auch die Folge einer Mangelwirtschaft, mit der sämtliche Oldenburger Museumsdirektoren seit den zwanziger Jahren leben mussten und die den Renovierungsbedarf des von Karl Jaspers bewunderten Gebäudes immer dringlicher werden ließ. Unter Rainer Stamm, der das Haus seit 2010 leitet, kam dann ein umfassendes Sanierungsprogramm in Gang.

Abstrakte Wahrheit, in Figuren gekleidet

Zwei Jahre lang wurde das Augusteum mit EU-, Bundes- und Landesmitteln von Grund auf erneuert. Neben dem Einbau einer Klimaanlage und der Restaurierung des Treppenhauses mit dem Deckengemälde des Wiener Akademiemalers Christian Griepenkerl wurden auch der ursprüngliche Holzfußboden der Galerieräume im Erdgeschoss freigelegt und die Wände farblich neu gestaltet. Der große Saal im Obergeschoss, in dem die Gemäldesammlung bis zum Aderlass von 1924 mit Zwischenwänden in dichter Petersburger Hängung untergebracht war, dient jetzt als Sonderausstellungsfläche. Bis Ende nächsten Jahres soll zudem ein neuer Bestandskatalog erstellt und eine Datenbank freigeschaltet werden, in der auch die verlorenen Werke erfasst sind.

Seit Anfang Dezember ist das Augusteum wieder für das Publikum geöffnet. Wenn man durch seine in abgetönten Grundfarben gestrichenen, durch Glastüren vor Zugluft geschützten Säle läuft, begreift man, dass es hier nicht um die übliche Schnitzeljagd nach Meisterwerken geht. Es geht um eine Schule des Sehens, in der das Auge durch die verschiedenen Stufen der abendländischen Malerei zwischen dem Ende des Mittelalters und dem Anbruch der Moderne geführt wird. Die vier Evangelisten etwa, die in der Sieneser Werkstatt des Taddeo di Bartolo um 1410 auf Goldgrund gemalt wurden, haben mit der kurz nach 1800 entstandenen Kriegs- und Friedensallegorie des französischen Revolutionsmalers Charles Meynier auf den ersten Blick wenig gemein. Aber auch bei Taddeo geht es darum, eine abstrakte Wahrheit in Figuren zu kleiden, so wie Meynier umgekehrt in seinen nackten und geflügelten Gestalten ein durchaus missionarisch gefärbtes Zeitgefühl verbirgt. Die „unerhörten Geheimnisse“, die Karl Jaspers in seiner Oldenburger Schulzeit bestaunte, wirken also fort. Im neueingerichteten Augusteum kann man ihnen auf den Grund gehen.

Augusteum Oldenburg. Täglich außer Montag geöffnet von 10 bis 18 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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