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Museumsstreit

Dürers Pelz - ein Stück Beutekunst?

Von Andreas Kilb
 - 13:14

Eigentlich geht es um ein Bild. Das Germanische Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg möchte Albrecht Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ von 1500 in seiner Ausstellung „Der frühe Dürer“ zeigen, die am 24. Mai eröffnet wird. Aber die Alte Pinakothek, in der das Gemälde hängt, will das „Selbstbildnis“ nicht hergeben, weil es auf einer Liste mit 113 Werken steht, die nicht verliehen werden. Die Nürnberger Bitte, für ein Schwestermuseum - Pinakothek und GNM unterstehen derselben Kulturverwaltung - eine Ausnahme zu machen, fand in München kein Gehör. Darauf wandten sich die Nürnberger Museumsleute an den Bayerischen Landtag.

Jetzt geht es um Politik. Am vergangenen Donnerstag forderten sämtliche Fraktionen im Münchner Landtag die Pinakothek auf, das „Selbstbildnis“ auszuleihen. Am Freitag erklärte der Generaldirektor der bayerischen Staatsgemäldesammlungen, das Bild sei „konservatorisch höchst fragil“ und zudem bei einer Ausleihe im Jahr 1971 beschädigt (“mit einer geöffneten Fuge sowie dadurch entstandenen Farbverlusten“) aus Nürnberg zurückgekehrt. Der Kurator der Nürnberger Dürer-Schau entgegnete, in den Verhandlungen mit München sei von einer älteren Beschädigung nie die Rede gewesen; statt dessen hätte die Pinakothek stets nur auf ihre Sperrliste verwiesen.

Von wegen Transportfähigkeit

Am Freitagnachmittag meldete sich der Direktor der Dresdner Gemäldegalerie zu Wort: Im „Kompetenz- und Methodenstreit“ um Dürer müsse die Autonomie des Museums den Vorrang haben. Am Montag legten der Deutsche Museumsbund und die deutsche Sektion des Internationalen Museumsrates ICOM nach: „Politische Argumente“ beziehungsweise „Erwägungen“ dürften bei der Entscheidung über die Ausleihe keine Rolle spielen. Unter den kommentierenden Zeitungen schlug die „Neue Zürcher“ den schrillsten Ton an: Bei dem Streit gehe es „nicht um ein Bild“, sondern „um seit gut 200 Jahren nicht gelingende Völkerverständigung“ zwischen Franken und Bayern.

Wer kämpft da gegen wen: Museen gegen Museen? Kuratoren gegen Politiker? Franken gegen Bayern? Vielleicht trägt es zur Klärung der Sachlage bei, wenn man die technische Frage der Transportierbarkeit von Dürers Meisterwerk zunächst beiseite lässt und nach der Herkunft und Geschichte des Gemäldes fragt. Provenienzforschung ist ja gerade so etwas wie die heilige Kuh der deutschen Kunsthistoriker; Alte Meister dürfen ihr nicht gleichgültig sein. Und vielleicht lässt sich auf diese Weise auch erklären, warum gerade das „Selbstbildnis im Pelzrock“ für Nürnberg so wichtig ist.

Die Finanznot trieb den Handel an

Albrecht Dürer malte das Bild um 1500 - so jedenfalls verkündet es die Jahreszahl über seinem Monogramm, auch wenn einige Kunsthistoriker eine spätere Entstehungszeit annehmen, weil der Pelzmantel, den er trägt, laut Reichspolizeiordnung jenen Patriziern vorbehalten war, zu denen Dürer erst nach seiner Wahl in den Nürnberger Rat im Jahr 1509 gehörte. Später schenkte er das Porträt dem Rat, der es über einem Portal im Rathaus anbringen ließ. 1577 sah es dort der niederländische Kunsttheoretiker Karel van Mander, auch im achtzehnten Jahrhundert ist es im Ratsinventar belegt. Ende Juli oder Anfang August 1805 wurde das „Selbstbildnis im Pelzrock“ dann von dem Kunstsammler Georg Gustav Petz von Lichtenhof und dem Kupferstecher Abraham Wolfgang Küfner für nur sechshundert Gulden an die kurfürstlichen, später königlich bayerischen Gemäldesammlungen verkauft.

Wie kam es zu dem Handel? Für Nürnberg waren die Jahre um 1800 eine unruhige Zeit. Der Schatten Napoleons fiel auf Europa, schon im Sommer 1796 hatten französische Truppen die Stadt für kurze Zeit besetzt; auch Bayern und Preußen meldeten Gebietsansprüche an. Zur politischen trat die finanzielle Not: Der Dreißigjährige Krieg hatte die Stadt ruiniert, ihre Verschuldung erreichte griechische Höhen. Daher hatten die Nürnberger Stadtväter in aller Stille begonnen, ihr künstlerisches Tafelsilber in Gestalt von Dürers Gemälden an das reiche Bayern - und andere Guldenbringer - zu verkaufen. 1627 hatte der bayerische Kurfürst noch mit nackten Drohungen die Herausgabe der „Vier Apostel“ erzwingen müssen; seither waren immer mehr Dürer-Originale freiwillig nach München gegangen und durch Kopien ersetzt worden. Nur das „Selbstbildnis“, die Inkunabel der Künstlermetropole, hing immer noch im Nürnberger Rathaus.

Das letzte Werk ist verloren

Kurz vor 1800 nun gab der Rat eine Kopie des Bildes in Auftrag - bei ebenjenem Abraham Küfner, der später als Verkäufer firmierte. Dahinter stand nicht, wie sonst, die Absicht, ein Duplikat herzustellen, um das Original zu Geld zu machen; vielmehr ging es offenbar darum, das Werk vor seinen Liebhabern zu schützen. Denn als im Jahr 1801 abermals die Franzosen vor der Tür standen und das „Selbstbildnis im Pelzrock“ für den Louvre forderten, bekamen sie die Kopie. Aber das echte Bild kehrte dennoch nicht wieder ins Rathaus zurück. Denn inzwischen war die einst so stolze Freie Reichsstadt zur Figur auf dem Schachbrett der europäischen Staaten geworden.

Im Reichsdeputationshauptschluss von 1803, der vor allem die Verteilung des säkularisierten Kirchenbesitzes regelte, war ihr Umland stillschweigend den bayerischen und preußischen Anrainern überlassen worden. Mit der Rheinbundakte vom Juli 1806 schließlich kommt das wehrlose Nürnberg in den Besitz des neu geschaffenen Königreichs Bayern. Proteste des Rats bleiben folgenlos.

In diesem Tohuwabohu der Mächte hat die Stadt ihr letztes großes Dürer-Werk für immer verloren. Der Kopist Küfner nämlich gab das „Selbstbildnis im Pelzrock“ nicht wieder an den Rat zurück. Statt dessen suchte er sich in dem Gerichtskonsulenten Petz einen Mann mit Verbindungen zum Münchner Hof, der den Verkauf einfädeln konnte. Von den sechshundert Gulden, die ordentlich quittiert wurden, hat der Nürnberger Rat nie einen Heller gesehen. Als das Gemälde übergeben wurde, war das Ende der Freien Reichsstadt längst beschlossen, an ihren Zufahrtsstraßen patrouillierte französische Infanterie. Nach heutigen Begriffen handelt es sich bei dem „Selbstbildnis“ um Beutekunst.

Kein Bild und keine Besucher

In Bayern gab es damals durchaus ein Bewusstsein für das Unrecht, das der Stadt Nürnberg zugefügt worden war. Johann Georg von Dillis, der Kunstberater Ludwigs I. und Initiator der Alten Pinakothek, weilte damals gerade in Italien; in einem Brief an den Königs erklärte er salvatorisch, „ein Privatmann“ habe in seiner Abwesenheit das Bild erworben und ins Schloss Schleißheim gebracht. Wie jedes schlechte Gewissen löste sich auch dieses irgendwann in den Fluten der Geschichte auf. Heute verfügt die Pinakothek über Dürers Werk, als hätte sie es schon immer besessen.

Es ist wahr, dass der internationale Museumsbetrieb mit seinen immer prächtigeren, immer schriller beworbenen Event-Ausstellungen ein Karussell der Ausleihen in Gang gesetzt hat, gegen das sich die großen Sammlungen mit Sperrlisten zur Wehr setzen. Und es stimmt auch, dass Kuratoren nicht von Politikern gesagt bekommen dürfen, ob ihre Bestände transportfähig sind oder nicht. Aber darum geht es bei der Querele zwischen München und Nürnberg nicht. Hier geht es darum, ob ein Bild für ein paar Monate in die Stadt zurückkehren darf, in die es eigentlich gehört. Wäre das „Selbstbildnis im Pelzrock“ in keiner Weise transportabel, hätte die Pinakothek nie mit dem Germanischen Nationalmuseum darüber verhandeln dürfen. Da sie es dennoch getan, die Ausleihe dann aber abgelehnt hat, darf man ein anderes, ebenso legitimes Hauptinteresse bei ihr vermuten: Sie fürchtet einen Rückgang ihrer Besucherzahlen.

Von Kulturpolitik und Gerechtigkeit

Diese Befürchtung aber darf die Politik verwerfen. Die Zusammenführung von Albrecht Dürers Frühwerk am Ort seiner Entstehung ist allemal höher zu bewerten als der Kassenstand der Münchner Staatsgemäldesammlungen. Dass die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister Dürers „Sieben Schmerzen Mariae“ nicht nach Nürnberg ausleiht - und damit einen konservatorischen Radikalismus beweist, den sie bei der Entleihung der hochempfindlichen raffaelschen „Madonna von Foligno“ aus dem Vatikan für ihre Ausstellung „Himmlischer Glanz“ im vergangenen Jahr ebenso radikal ignoriert hat -, steht auf einem anderen Blatt. In Dresden hat die bayerische Landesregierung nichts zu melden, dem Kulturföderalismus sei Dank.

Es gibt eine Wahrheit der Museen, und es gibt eine Wahrheit der Geschichte. Dort, wo sich beide kreuzen, stehen die großen Werke der Kunst. Die Kuratoren müssen für ihre bestmögliche Erhaltung sorgen. Kulturpolitik dagegen muss dafür sorgen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ war Jahrhunderte lang in Nürnberg zu Hause. Deshalb ist es gerecht, dass es dorthin zurückkehrt. Wenigstens für kurze Zeit.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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