Neues Nationalmuseum

Der amerikanische Traum lebt – jedenfalls unter Afroamerikanern

Von Kolja Reichert, Washington
 - 11:43

Als die Nationalhymne erklingt, gehen unter den Tausenden, die sich um das Washington Memorial versammelt haben, die Fäuste in die Luft: der „Black Power Salute“, wie ihn die Läufer Tommie Smith und John Carlos 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt auf dem Siegertreppchen entrichteten, um auf die unerfüllten Versprechen des amerikanischen Traums hinzuweisen. Für die heroische Geste schlug den Sportlern damals Verachtung entgegen. Nun steht die Schlüsselszene der Bürgerrechtsbewegung in Aluminium gegossen als Skulptur prominent in einem Juwel zeitgenössischer Architektur, das gegenüber an der American Mall bronzen schimmernd in den Himmel ragt: dem neuen Nationalmuseum für afroamerikanische Geschichte und Kultur. Von drinnen geht in einer Galerie von nachträglich geehrten schwarzen Kriegshelden der Blick auf das Lincoln Memorial, wo John Lewis aus Alabama beim Marsch auf Washington 1963 der jüngste Redner war. Nun sitzt Lewis hinter dem ersten schwarzen Präsidenten auf der Ehrentribüne als einer der Helden des Tages, denn dass es dieses Museum gibt, ist entscheidend dem Abgeordneten Georgias zu verdanken, der 2003 die Initiative für die Gründung in den Kongress einbrachte.

Mitten in einer Zeit, in der die Rassenspannungen in den Vereinigten Staaten einen neuen Höhepunkt erreicht haben, wird dem afroamerikanischen Erbe im Herzen der Hauptstadt per Staatsakt Ehre erwiesen, und die Bedeutung dieses Moments ist greifbar unter den Zehntausenden überwiegend schwarzen Gästen, die sich vor den Videoleinwänden versammelt haben. Reverend Calvin O. Butts III. von der abessinischen Kirche New York ruft in einer flammenden Rede den Anteil der Schwarzen am Aufbau des Landes auf, die Vizevorsitzende des Vorstands der Dachorganisation Smithsonian, Shirly Ann Jackson, erzählt von ihrem Aufstieg von der armen Schülerin einer segregierten Schule zur ersten afroamerikanischen Studentin des MIT, der Oberste Richter des Supreme Court John G. Roberts erinnert an die rassistischen Verfehlungen der eigenen Institution, und George W. Bush spricht in der vielleicht lässigsten Rede von der „afroamerikanischen Großartigkeit“. Black Pride für alle Rassen und Klassen: Es ist, als wohne man nicht der Einweihung eines Museums bei, sondern der Gründung einer Nation.

Vor hundert Jahren hatten sich schwarze Bürgerkriegsveteranen in Washington versammelt und die Idee für ein solches Museum formuliert. Noch als 2003 Präsident George W. Bush das Gesetz unterzeichnete, wehrten sich konservative Abgeordnete, die fürchteten, nun könne jede Minderheit ihr Museum fordern. 2004 eröffnete in Washington auch das Smithsonian National Museum of the American Indian, mit weit weniger öffentlicher Anteilnahme - was daran liegen mag, dass die Indianerorganisationen isoliert auf ihrem eigenen Erbe beharren. Dieses Museum aber verfolgt den Anspruch, den afroamerikanische Organisationen seit dem 19. Jahrhundert hatten: sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft zu verstehen.

Und so wird die Geschichte der Unterdrückung durchweg als gemeinsame Geschichte erzählt, beginnend beim Handel zwischen afrikanischen und europäischen Völkern im 15. Jahrhundert, als portugiesische Gelehrte noch zum Studium an die Universität von Timbuktu reisten. Die historische Ausstellung beginnt mit der Königin Nzinga von Ndongo und Matamba im heutigen Kongo, die es im 17. Jahrhundert durch geschicktes Ausspielen europäischer Interessen zu vierzig Jahren Herrschaft brachte und hier etwas vereinfacht als Freiheitskämpferin gegen die Portugiesen präsentiert wird. Mit Navigationsinstrumenten und Münzen wird der Ausbau des europäischen Einflusses in Afrika erzählt, in dessen Zug sich der Handel mit Menschen mit der Zeit als lukrativer erwies als der mit Waren, gerade durch den im 17. Jahrhundert wachsenden Bedarf an Arbeitskraft in den amerikanischen Kolonien. Erst im vergangenen Jahr geborgene Rumpfstücke und Eisengewichte der 1794 vor Südafrika gesunkenen „San José“ werden in abgedunkelten Wasserbassins inszeniert, die zusammen mit über Lautsprecher verlesenen Zeugenberichten Geisterbahnstimmung erzeugen.

Alle Register der Theatralik sind hier gezogen, allerdings mit beeindruckendem Effekt. So beginnt der Rundgang im fast dreißig Meter unter der Erde liegenden Kellergeschoss, das man über einen Glasaufzug erreicht, der sich vorbei an Schlüsselzahlen afroamerikanischer Geschichte in die Tiefe senkt.

Bei aller Vereinfachung wird Geschichte als möglichst vielseitig und widersprüchlich gezeigt. Viel Raum erhält die Region Chesapeake, wo im 17. Jahrhundert englische und afrikanische Leibeigene gemeinsam arbeiteten, spielten, tranken, heirateten und Kinder zeugten. Afrikanische Tabakpfeifen hängen hier neben europäischen. Der Sklave Anthony Johnson wurde mit seiner Frau selbst zum Sklavenhalter und bekam erst postum seinen Besitz abgesprochen, und noch 1676 führte Nathaniel Bacon einen gemeinsamen Aufstand schwarzer und weißer Kolonisten gegen den Gouverneur von Virgina an; allerdings mit dem Ergebnis, dass Weiße neue Rechte erhielten und für Afrikaner die Sklaverei auf Lebenszeit eingeführt wurde. „So wurde Weißsein erfunden“, erklärt eine Texttafel - es sind diese Ausweise reflektiert-symmetrischer Geschichtsschreibung, welche die Perspektive weiten und dieses Museum, das mit klarer, verständlicher Stimme spricht, so wertvoll machen.

Entscheidenden Anteil an der Dramatisierung von Geschichte hat die Architektur. David Adjaye, 1966 als Sohn ghanaischer Eltern in Tansania geboren, aufgewachsen in Kairo, Saudi-Arabien und Großbritannien, ist durch seinen über zehn Jahre recherchierten Band über „African Metropolitan Architecture“ ausgewiesener Kenner sowohl traditioneller wie moderner afrikanischer Architektur und hat sich mit markanten Bauten, die das Monumental-Auftrumpfende mit Offenheit und durchmischter Nutzung verbinden, weltweit einen Namen gemacht. Erst 2012 hat er in Washington zwei Bibliotheken gebaut. Die Kubatur mit den drei nach außen geneigten Geschossverkleidungen ist von einer Skulptur des 1938 verstorbenen Yoruba-Bildhauers Olowe von Ise inspiriert, die schon 2015 Adjayes Retrospektiven im Haus der Kunst, dem Chicago Art Institute, begleitete. Hier steht sie wie eine Hausheilige in der Mitte einer 360-Grad-Projektion im Obergeschoss, die Triumphmomente afrikanischer Sport- und Musikgeschichte mit Zitaten postkolonialer Literatur überblendet. Beispielhaft verknüpft Adjaye Rationalität und Spiritualität. Die ornamental gefrästen Aluminiumpaneele der Fassade sind eine Hommage an die afroamerikanische Schmiedekunst des 19. Jahrhunderts, die auch mit eigenen Exponaten zu spätem Recht kommt.

Im Inneren wirft Adjaye den Gast erst tief unter die Erde, zwingt ihn durch enge Gänge vor hoch aufragende Wände aus rohem, dunklem Beton und führt ihn dann in stark ausgekosteter Symbolik über Rampen langsam nach oben, zum Licht - vorbei an einem Bahnwaggon mit nach Rassen getrennten Abteilen und einem Wachturm des berüchtigten Angola-Gefängnisses in Louisiana zu einem Trainingsflugzeug der Tuskegee-Piloten, der ersten schwarzen Einheit, die im Zweiten Weltkrieg für ihre Einsätze in Europa und Afrika ausgezeichnet wurde.

Es ist ein hochemotionalisiertes Museum, was sich besonders in einem Gedenkraum zeigt, in dem der Sarg des Jugendlichen Emmett Till ausgestellt ist, dessen Ermordung im Alter von 14 Jahren 1955 in Mississippi den Anstoß für die Bürgerrechtsbewegung gab.

Als Vorlage für das Haus dient offenbar nicht nur das Format des Nationalmuseums - sondern auch das des schwarzen Community Centers. Im Café genießt man Southern Style Buttermilk Chicken unter einer Tapete, von der aus einen die Studenten anblicken, die sich am 1. Februar 1960 zum Sit-in an der Mittagstheke des Woolworth’s in Greensboro niederließen. Die Theke selbst steht nebenan im Museum for American History. Hier ist zumindest ein Stuhl zu sehen.

Der Ton ist (wie es für Museen üblich ist) der der Heldenerzählung. In den Obergeschossen werden Schlüsselfiguren aus Militär, Sport und Wissenschaft präsentiert: Schriften des Anthropologen W. Montague Cobb, der 1935 mit einer Untersuchung des schwarzen Athleten Jesse Owens bewies, dass es keine physischen Unterschiede zwischen den Rassen gibt, und sich gegen Diskriminierung Schwarzer im Gesundheitswesen einsetzte. Oder der Anzug des Neurochirurgen Ben Carson, der 1984 als erster Afroamerikaner eine Klinikabteilung leitete. Oder Mary McLeod, die 1935 den National Council of Negro Woman gründete. Eine Setzmaschine aus der Redaktion des „Defender“ erinnert an den großen Einfluss der Chicagoer Zeitung, die seit der Zeit der Rassentrennung das zentrale Organ für Schwarze im ganzen Land war.

Auch afroamerikanische Kunst wird gezeigt, leider mit einem Hang zu Handwerk und Folklore. Konzeptuellere Positionen wie David Hammons, William Pope. L oder Kara Walker fehlen. Den breitesten Raum nimmt das Showgeschäft ein: Es gibt das Klavier des „Father of Gospel“ Thomas A. Dorsay. Die selbstgebaute rechteckige Gitarre von Bo Diddley. Den Cadillac von Chuck Berry. Eine Boombox von der ersten Tour der Hiphop-Pioniere Public Enemy, die auch zur Eröffnung spielten. Und einen Nachbau des aus bunten Lampen leuchtenden „Mothership“ aus den Bühnenshows von P-Funk.

Auch das Museum hat sich niedergelassen wie ein Mutterschiff. 37 000 Exponate wurden unter dem Gründungsdirektor Lonnie Bunch in den letzten Jahren zusammengetragen, rund 3700 werden nun gezeigt. 540 Millionen Dollar hat das Museum gekostet, wovon die eine Hälfte aus Bundesmitteln, die andere aus privaten Mitteln stammt. Oprah Winfrey spendete allein 21 Millionen Dollar, dafür trägt der Theatersaal ihren Namen.

Auf einer Versammlung der schwarzen Kongressabgeordneten sprach Barack Obama neulich davon, wie sehr ihn der Besuch im Museum gerührt habe, und nutzte den Anlass, um Schwarze an die Wahlurne zu rufen, wofür er einige Kritik erntete. Vielleicht hielt er auch deshalb zur Eröffnung eine der defensivsten Reden seiner Amtszeit, während deren er seltsam abwesend wirkte. Er hoffe, sagte Obama, das Museum „hilft weißen Besuchern, die Wut auf den Straßen von Ferguson zu verstehen“.

Es wird mehr erreichen als das. Der Nationalstaat ist ohne das Museum schwer denkbar. Demokratische Gesellschaften haben sich immer auch vor Exponaten versammelt, das erklärt die Bedeutung dieses Hauses. In ihm sollten sich tatsächlich alle Amerikaner wiederfinden können. Denn an diesem Samstag wurde auch klar: Im derzeitigen Auseinanderbrechen der Gesellschaft ist der Glaube an und das Einstehen für die Emanzipationsversprechen des amerikanischen Traums mit all seiner integrativen Kraft nirgends so lebendig wie unter Afroamerikanern.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reichert, Kolja
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton.
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