Römermuseum in Nîmes

Begegnung mit den Urahnen im Fackelschein

Von Stefan Trinks
 - 21:45
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Archäologiemuseen können selbst für Liebhaber der Antike ermüdend sein. Oft reihen sich Legionen von tönernen Öllämpchen, rotglasierter Terra sigillata und verrosteter Kurzschwerter in schlecht beleuchteten Vitrinen hintereinander. Anders das vergangenes Wochenende eröffnete Musée de la Romanité in Nîmes: Fünftausend Architekturteile, Skulpturen, Mosaike, teils vollständig erhaltene Wandfresken und Objekte des Alltags aus zweieinhalb Jahrtausenden werden in den drei großen Themenwelten Frühgeschichte, Gallorömische Epoche und Mittelalter präsentiert. Die ausgestellten Stücke sind derart singulär und von so hoher Qualität, dass man kaum etwas Vergleichbares in einem anderen Haus sehen wird.

Die Objekte stehen auf drei kunstvoll ineinander verzahnten Museumsgeschossen, die nach außen mit 50.000 milchig weißen Glaspanelen verkleidet sind. Sie sollen dem Gebäude seiner Architektin Elizabeth de Portzamparc zufolge die Leichtigkeit einer römischen Toga verleihen. In Nîmes funktioniert die derzeit bis zum Überdruss verwendete Textilmetapher tatsächlich, ohne kitschig zu wirken. Fällt das Sonnenlicht in einem bestimmten Winkel durch die diaphanen Glasplättchen an der Gebäudeecke, wird sogar der tragende Stahlskelettkörper des Baus darunter kurz sichtbar. Mit den bewegten Faltenbahnen wirkt es, als würde das ganze Haus einen Schleiertanz aufführen, was sich im Innern mit der furiosen Doppelhelix-Treppe à la Guggenheim noch verstärkt. Auch lassen die „Falten“ immer wieder Durchblicke nach innen zu, da manche der Faltentäler verglast sind.

Günstiger als geplant

Obwohl diese Fensterzonen sparsam eingesetzt sind, bieten sie jeweils spektakuläre Ausblicke in den archäologischen Garten hinter dem Museum, vor allem aber auf das gegenüberliegende Amphitheater, eines der größten nach Rom, vollständig erhalten und noch stets für Großveranstaltungen von Stierkämpfen bis Rammstein-Konzerten genutzt. Nicht nur für Kinder sind an diesen archäologischen Fenster-Promenaden digitale Metallrahmen aufgestellt, die bei gradweiser Verstellung den Zustand beispielsweise der Amphitheaters um 1100, 1400 oder 1800 als Bild einblenden. Diese drei Jahrhundertschwellen markieren Zeitwenden für die Kolosseumskopie wie auch für Nîmes: Um 1100 kommt es zur ersten nach-antiken Blütezeit der reicher werdenden Tuch- und Handelsstadt, um 1400 wohnen nicht weniger als siebenhundert Einwohner im schützenden Rund der Arena mit eigener Burg und Kirche sowie der ersten Reihenhaussiedlung der Welt in den Kolonnaden; im Klassizismus kurz nach 1800 schließlich werden die Einbauten beseitigt und der antike Zustand wiederhergestellt.

Überhaupt zeigt sich an solch sorgfältig gestalteten Details wie diesen Aus- und Rückblicken, dass Architektin und Museumskuratorin über die Jahre hinweg eng kooperierten und den Bau von Beginn an gemeinsam mit seinen Objekten und dem Umfeld kontextualisierten. Und trotz seines stilvoll repräsentativen Gewands blieb der Bau mit 59,5 Millionen Euro eine halbe Million unter der veranschlagten Summe, was die protestantischen Stadtherren stolz mit Zaunpfahlwink in Richtung des in Bauzeit und Kosten gern barock ausschweifenden Paris betonen.

Den eigentlichen Auftakt des Geschichtsparcours bietet die Gallorömische Abteilung: Die Prunkstücke sind hier drei spektakuläre behelmte Büsten von Keltenkriegern aus dem örtlich anstehenden Weißkalkstein, die alte Bekannte sind: Bei der Ausstellung zum keltischen Fürsten von Glauberg waren sie die südfranzösischen Abgesandten. Köpfe spielten eine zentrale Rolle in der keltischen Kultur. Schädelreste und Kiefer von auf der Gallierstadtmauer aufgespießten und angebundenen Gegnern sind ausgestellt, aber auch ein düster-erratischer Monumentalfries mit starrenden Steinköpfen in selten guter Erhaltung. Diese Köpfe, die den Feind abschrecken und das Böse durch ihren Blick abhalten sollten, bildeten die Hauptanregung für mittelalterliche Konsolköpfe, die ebenso aus der Fassade der Nîmeser Kathedrale wie auch aus den verschwenderisch erzählenden Kapitellen in den Mittelaltersälen des Museums ragen.

Trotz des fast einzigartig reichen gallischen Museumsbestands wird die verlockende Asterix-und-Obelix-Karte nicht ausgespielt. Nur an einer Stelle wird in der Inschriften-Abteilung, der zweitgrößten Frankreichs nach dem Louvre, auf die markante „-torix“-Endung auf dem Grabstein eines Gallorömers hingewiesen, ohne dass die Museumsdidaktik auch nur eine Sekunde ins Anbiedernde abgleitet. Die gesamte mediale Präsentation überzeugt. Eine Anhäufung Dutzender von lateinischen Inschriften könnte in Sekundenschnelle alle Museumsbesucher vertreiben.

Nicht so in Nîmes: Die Grabstelen sind wie auf einem antiken Friedhof arrangiert. Mit einem Wimpernschlag werden die Besucher auf eine nächtliche Nekropole vor zweitausend Jahren versetzt. Abwechselnd werden mittels Videobeamer kleine Filme auf die Grabsteine projiziert, die beispielsweise Opferszenen der jeweils in der Inschrift genannten Angehörigen bei Vollmond und unter Zypressen zeigen, den immergrünen Totenbäumen der Antike. Diese Kurzfilme könnten auch vor zweihundert Jahren von den französischen Schwarzromantikern Géricault oder Delacroix animiert worden sein, besitzen aber gerade durch diese Überzeichnung als „Projektionen“ eine große suggestive Kraft: Die Einwohner von Nîmes stehen wie gebannt vor diesen Hologrammen ihrer Urahnen im Friedhofsfackelschein.

Eine ähnlich suggestive Präsentation ist mit der „Verpflanzung“ des Quellheiligtums der Stadt in das Museum gelungen. Neben der Maison Carrée, dem einzig vollständig erhaltenen Forumstempel der Antike und Vorbild für so manche Architektur in Washington nach dem Nîmes-Besuch des dritten amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson, ist der Quelltempel das imposanteste römische Relikt der Stadt. Die Quelle ist im Wortsinn der Ursprung von Nîmes. Die Gallier siedelten sich in der ersten Stadtphase um sie herum an und verehrten sie als heilig. Kaiser Augustus überformte geschickt diesen Kult des Nemausus, der der Stadt den Namen gab, indem er den gallischen Quellgott eingemeindete und einen römischen Tempel errichten ließ. Dieser wurde unter Hadrian im zweiten Jahrhundert gewaltig vergrößert. Der teils erhaltene Dreiecksgiebel und zwei der über zehn Meter hohen Säulen dieser hadrianischen Überwältigungsarchitektur stehen nun in einer riesigen Halle inmitten des Museums. Bei dieser Tempelportikusanlage wie bei der Maison Carrée draußen im Stadtraum gilt, dass den Einwohnern von Nîmes alles daran gelegen war, ein zweites Rom zu errichten: Weil in der Provinz keine Tempel aus Marmor errichtet werden durften, wählten sie einen Kalkstein, der in poliertem Zustand marmorn schimmert und der gesamten Stadt bis heute ein klassisch antikes Flair verleiht.

Insgesamt erscheint es wagemutig, dass französische Lokalpolitiker in Zeiten von Brexit und Nationalismen viel Geld in die Hand nehmen, um ein ambitioniertes Museum einem ursprünglichen Besatzer-Slogan zu widmen: der „Romanitas“. Nîmes schafft es sogar, die abgenutzte Rede einer „Zeitreise in die Antike“ auf den Kopf zu stellen: Für die Antike muss man in dieser Stadt gerade nicht in dunkle Keller hinabsteigen oder die Vergangenheit bröckchenweise rekonstruieren. Vielmehr bewegt sich der Besucher größtenteils noch auf dem Bodenniveau der Römer, tritt aus dem Musée de la Romanité heraus fast ebenerdig in das nahe Amphitheater ein. Die Stadt lebt mit ihrem antiken Erbe, und zwar so sehr, dass einer der interessantesten Katasterpläne im Museum die Monumente des Altertums in Blau verzeichnet, in Rot hingegen die direkten Antikenzitate sowie unübersehbare Stilreferenzen – die pompeianisch-rot markierten neoklassizistischen Häuser färben fast die Hälfte des Stadtplans ein.

Und so läuft man nächtens durch Gassen, die vor zweitausend Jahren auch nicht viel anders ausgehen haben mögen, mit dem Unterschied, dass dionysisch pulsierendes Wuseln nun aus Internet-Cafés auf die Straßen quillt und für das Weiterleben einer antiken Idee von attraktiver Stadt sorgt.

Quelle: F.A.Z.
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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