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Zum Tod von Albert Speer jr.

Ein Baumeister für die Demokratie

Von Niklas Maak
 - 17:58
Albert Speer jr. im August 1999 vor der Stadt, deren Gesicht er prägte Bild: Torsten Silz, F.A.Z.

Selten dürfte es so eine Last gewesen sein, den Namen seines Vaters zu tragen, wie in seinem Fall. Wenn es in der Biographie des 1934 geborenen Architekten heißt, er sei „das älteste von sechs Kindern und lebte bis zu seinem elften Lebensjahr“, also bis 1945, „in der Nähe von Berchtesgaden“, dann wird spätestens, wenn man seinen Namen hört, klar, um welche Nähe es bei diesem Wohnsitz auch ging: Albert Speer junior, geboren in Berlin, Sohn des Architekten, Hitler-Vertrauten, Reichsrüstungsministers und Mitplaners des Holocaust Albert Speer, wuchs am Obersalzberg in direkter Nähe zu Hitlers Berghof auf.

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Die meisten mit einer derartigen Biographie Geschlagenen würden vermutlich nicht die gleiche Berufswahl wie der Vater treffen. Albert Speer jr. jedoch begann, nach einer Schreinerlehre, 1955 an der Technischen Universität München Architektur zu studieren und eröffnete 1964 sein eigenes Büro. Dass er an Wettbewerben zunächst oft anonym teilnahm, verwundert nicht. Doch anders als sein auf den Namen Adolf getaufter Bruder ließ er seinen Namen nicht ändern und blieb bei seinem Beruf.

Einen Charakter aus Kultur, Geschichte, Landschaft und Klima

Von Fortführung familiärer Tradition kann dennoch nicht die Rede sein. Vor allem als Stadtplaner entwarf Speer jr. Orte, die das genaue Gegenteil dessen sind, was sein Vater mit seinen Monumentalkulissen für die NS-Diktatur im Sinn hatte. Die Parks, Stadtviertel und auch Gebäude, die Speer jr. plante, sind groß, aber nicht düster-monumental, sie sind einladend und heiter, eine Ermutigung des Individuums statt seine Einebnung als Teil eines erschlagenden Massenornaments. Das Berliner Gleisdreieck, das er in einen beliebten urbanen Park verwandelte, ist eines der jüngeren Beispiele für diese stadtplanerische Umkehr im Umgang mit großen Freiflächen. Speer jr. war, anders als seine jüngere Schwester, nicht für die Grünen aktiv, entwickelte aber als einer der ersten und später einflussreichsten deutschen Stadtplaner seiner Generation die Idee einer „grünen Stadt“ und setzte sich für eine umweltgerechte Stadtplanung ein, die den Flächenverbrauch minimiert. Energieeffizientes, nachhaltiges Bauen beschränkte sich bei ihm nicht auf Fassadendämmung, sondern war das Ergebnis dichter urbaner Räume, kurzer Wege von der Arbeit zum Wohnort – und von Grünflächen, die jene Ruhe und Erholung versprechen, die er sonst im Vorstadtbrei oder als Berufspendler auf dem Land suchen würde.

„Man baut viel zu dicht und zu hoch“, sagte er einmal in einem Interview: „Dubais neugebaute Wohnviertel sind die Slums des einundzwanzigsten Jahrhunderts.“ Sein Büro gehört zu den wenigen international renommierten deutschen Büros für Architektur und Stadtplanung. 1994 wurde er mit einer Entwicklungsstruktur für einen Stadtteil im chinesischen Tianin beauftragt, dann kam eine ganze Stadt für mehr als fünfzigtausend Menschen dazu, die „Anting New Town“ bei Schanghai, die deutsche Bau- und Dämmstandards nach China exportierte, später noch größere Planungen – und auch hier vermied er es trotz Ermutigung durch die kommunistischen Autoritäten, die erschlagende Monumentalachsen als durchaus begehrenswert empfanden, dass die Großform unmenschlich erscheint.

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Dazu gehörte es für ihn, dass Städte nicht nach international anwendbarem Nachhaltigkeitsrezept als wohlgedämmte standardisierte Kartonversammlung auf die grüne Wiese gedonnert werden, sondern, wie er es formulierte, „wieder einen eigenständigen Charakter erhalten, der aus Kultur, Geschichte, Landschaft und Klima entwickelt wird“. Auch Frankfurt am Main, Wahlheimat des Architekten und Standort seines Büros AS&P – Albert Speer & Partner, verdankt dem Planer zahlreiche Entwicklungen und Anstöße: Speer jr. beriet die Frankfurter Messe, hatte seine Hände bei der Gestaltung von Museumsufer und Holbeinsteg im Spiel, plante Teile des Flughafens und der Skyline und entwickelte auch das umstrittene Europaviertel mit.

Nicht hoch genug eingeschätzt

Dass Speer nicht nur für Demokratien plante, sondern auch für Länder wie Saudi-Arabien und Algerien, wurde gerade ihm immer wieder vorgehalten. Verbunden mit diesem Engagement war für ihn die Hoffnung, dass Architektur nicht nur zur Stabilisierung des autokratischen Systems durch Symbolbauten beiträgt, sondern auch zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung eines Landes. Sie sollte dabei helfen, einen langsamen Wandel in Richtung Demokratie voranzutreiben und einen Kollaps wie in Syrien zu verhindern, der nachweislich auch die Folge eines fehlenden Entwicklungsplans für die ärmsten Regionen des Landes war, in denen schließlich der „Islamische Staat“ Planung und Verwaltung übernahm.

Albert Speer jr. verantwortete unter anderem den Masterplan für die Expo 2000 in Hannover, die Bebauung des Baseler Platzes in Frankfurt am Main, die Entwicklung der Luxemburger Porte de Hollerich, den Masterplan für die Innovation City Ruhr und Planungen für die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main. 2003 erhielt er die Goetheplakette der Stadt. „Albert Speers Einfluss auf die städtebauliche Entwicklung Frankfurts kann nicht hoch genug eingeschätzt werden“, hieß es in der Begründung. Am vergangenen Freitag ist Albert Speer jr. im Alter von 83 Jahren an den Folgen eines Sturzes gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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