Paul Cézanne

Die Erfindung der Extraktion

Von Stefan Trinks
 - 13:51

Auf drei Arten hat Cézanne die Welt der Kunst für immer verändert: durch seine konzessionslose Reduktion von Dingen auf ihre reine, zeitlose Grundform, Stichwort „Die Veräpfelung der Welt“. Zweitens durch die Aufhebung von scheinbar unverrückbaren Genregrenzen der Kunst nach dem Motto „Warum sollte das Bild eines Berges nicht auch ein Porträt dieser ohnehin belebten Materie sein können?“ Schließlich durch seine Verwandlungen von einer Form in eine andere auf ein und demselben Blatt oder Bild.

Dem Letzteren, den „Metamorphosen“, ist derzeit eine von Alexander Eiling klug kuratierte Ausstellung in der Karlsruher Kunsthalle gewidmet. Sie umfasst aber thematisch zugespitzt alle drei Punkte und war deshalb so in Deutschland noch nicht zu sehen. In neun Sälen wird nichts Geringeres gezeigt als die Verwandlung der Welt unter dem Pinsel eines Ausnahmekünstlers.

Cézanne wollte das Malen der Dinge verändern

Cézanne deshalb mit dem abgenutzten Titel eines „Vaters der Moderne“ zu behängen würde dessen eigenem Selbstverständnis nicht entsprechen. Er sah sich – den spärlichen Selbstzeugnissen zufolge – als jemand, der das Malen der Dinge sehr wohl verändern wollte, da ihm intuitiv klar war, dass sich die Wahrnehmung der Welt in seinem, dem neunzehnten Jahrhundert grundstürzend geändert hatte. Er erwartete ein aktives Auge, das die Welt im Sehen verändert. Bauen konnte er dabei auf die grundsätzliche Neigung des denkenden Auges, in alles Gesehene vertraute Muster und Motive hineinzusehen. Damit war Cézanne – wie die Ausstellung in seltener Klarheit zeigt – an keiner Stelle ein Theoretiker der Kunst, vielmehr ein Empiriker mit dem Pinsel.

Auf dem vielleicht wichtigsten Gemälde der Schau, „Liegender Akt mit Birnen (Leda II)“, füllt zwar unser Bildgedächtnis auf den ersten Blick die nackte Frau, über die sich rechts in barocker Tradition ein Ehrenvorhang öffnet, mit der Erinnerung an Darstellungen der Venus oder der Leda mit dem Schwan. Unvermittelt aber quillt von links oben die Stofffülle eines weißen Tischtuchs mit blassrotem Streifen in die Szene, auf dem zwei große Birnen drapiert sind. Cézanne aber gleicht nicht nur farblich die Früchte und die ausladende Haarpracht der Frau eng aneinander an; fast automatisch sucht das Auge nach weiteren Gemeinsamkeiten der so disparaten Bildelemente.

Das Tischtuch verwandelt sich

Viele Zeitgenossen Cézannes erkannten zudem, dass es sich bei der Liegenden um die populäre Werbefigur der Champagnermarke Nana handelte – der Maler übernahm ihre Körperhaltung und die zarten Reste von Verhüllung vollständig. Ihre ausgestreckte Hand mit der Champagnerflöte aber wird von dem gleichsam nach unten tropfenden Tischtuch überlagert.

Weil das Tuch jedoch so stark ausmodelliert ist, dass es eine eigene, dem Gesicht der Frau gegenüberstehende Kopfpartie bildet, holt Cézanne aus den Tiefen unseres Bildgedächtnisses doch wieder überzeitliche Götterbilder hervor, auf denen beispielsweise die lagernde Venus, Danaë oder Leda mit ausgestrecktem Arm in Erwartungshaltung gezeigt sind. Und plötzlich verwandelt sich das profane Tischtuch – eben weil es der Liegenden so auffällig entgegenkommt – teils in einen Schwan oder eine andere belebte, bildaktive Form, ohne dass den zwei Birnen auf ihm etwas von ihrer Störkraft genommen würde.

Bilder haben keine Hierarchie

Hilfreich ist dabei für den Künstler, der gegenüber Frauen gehemmt war und nie ein nacktes Modell nach dem Leben hätte malen können, dass in dem als Vorlage verwendeten „Pin-up“ aus der Champagnerwerbung alle Merkmale bereits überzeichnet waren. Die Frau ist wie seine Birnen und Äpfel zum reinen Bild kondensiert. Cézanne stiftet unausgesetzt Wahlverwandtschaften auf seinen Bildern, die seiner eigenen fragmentierten Zeit zu entsprechen scheinen. Er „vergesellschaftet“ – wie die Ausstellung betont – Dinge und Motive, die per se nicht zusammengehören, für ihn aber vereinbar sind. Indem Cézanne derart offensichtlich Äpfel und Birnen vergleicht, eine Champagnerwerbungsdame zur mythologischen Figur werden lässt und umgekehrt, vermeidet er zugleich einen Skandal wie um Manets Olympia, erkennbar eine Pariser Prostituierte in provozierender Götterpose.

Cézanne schafft so eine subversive und freie Égalité der Motive – auf seinen in Karlsruhe zu sehenden Bildern liegt hierarchielos die Champagnerreklame-Göttin neben Birnen, ein Krautkopf neben einer delikaten Badenden, ein Bierglas neben dem gekippten Porträt seines Sohnes. Wenige Jahre nach Cézannes Tod 1906 begründete Aby Warburg eine für die Moderne so wichtige egalitäre, weil „High and Low“ verschleifende Bild-Geschichte: Auf den Tafeln seines „Mnemosyne-Atlas“ ordnet er ohne Scheu neben Werken der Hochkunst von Renaissance-Heroen wie Raffael Reklamebilder für Mundwasser an. Ohne das künstlerische Vor-Denken ist dieses Verfahren kaum denkbar.

Textilgebirge zeigt sein Gesicht

Schon die gleich zu Beginn der Ausstellung zu sehende aquarellierte Bleistiftzeichnung „Jacke auf einem Stuhl“ bringt Cézannes Idee der „Metamorphosen“ auf eine prägnante Formel: Die farblich wenig gegliederte Jacke, deren Kragen in der Stoffmasse kaum zu unterscheiden ist, gipfelt auf einem Stuhl zu einem Textilgebirge auf. Cézanne drapiert die Falten so, dass sie – vertieft man sich nur in die aufgetürmte Jacke – zugleich Täler und Mulden eines Felsmassivs sein können.

Der leicht in die Schräge ziehende Gipfel dieses Stoffbergs aber gleicht frappierend der charakteristischen Silhouette des Mont Sainte-Victoire, den Cézanne parallel zu der Zeichnung fast manisch in Serie gemalt hat. Wie der Künstler diesem Berg, dessen er sich bei seinen wiederholten Besuchen gleichsam immer von neuem in langen Porträtsitzungen vergewissert, ein Gesicht verleiht, kann man auch in das Stoffgebirge des Stuhls ein zerknautschtes Gesicht hineinsehen.

Alte Ideen mit neuen Blickwinkeln

Nun sind derartige Verlebendigungen nichts Neues in der Kunst, sondern das uralte Spiel der Künstlerphantasie. Theorie und Praxis dieses Hineinsehens von Formen in Zufallsstrukturen stammen aus der Antike. Und schon Dürer hat wie Cézanne in die Laken seines ungemachten Bettes Gesichter eingemalt. Die gewollten Doppeldeutigkeiten aber, die Cézanne uns hier im Sinne eines „offenen Kunstwerks“ – wie Umberto Eco dies genannt hat – zur freien Assoziation anbietet, gehen einen entscheidenden Schritt weiter: In der surreal anmutenden Neukombination eines Stoff-Bergs auf einem Stuhl, der sich dem durch eine Schräge angedeuteten Raum entgegenstemmt, ertüchtigt er das Medium Bild für eine Zukunft, die nicht mehr logisch stringent erzählen muss.

Diesem „Verschleifen von Genregrenzen“ in Cézannes „Metamorphosen“, dem „Stillstellen/Verlebendigen“ oder auch dem „Auflösen“ fester Konturen sind die Ausstellungssäle gewidmet. In seinen langwierigen Extraktionen von Formen wie Äpfeln nimmt Cézanne gleichsam den Röntgenblick vorweg. Die thematischen Vertiefungen der Schau machen in der Zusammenschau jedenfalls eines unabweisbar deutlich: Nach Cézanne war der Blick auf Bilder wie auch auf die Welt ein anderer.

Cézanne. Metamorphosen. Staatliche Kunsthalle, Karlsruhe; bis 11. Februar 2018. Der Katalog kostet in der Ausstellung 35, im Buchhandel 49,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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