Picasso-Ausstellung in Paris

Des Satyrs neue Bilder

Von Helmut Mayer
 - 19:41

Zwei Frauenakte, der eine von ihnen, mit nach hinten gefallenem Kopf und geschlossenen Augen, gehalten vom anderen, der sich über ihn beugt, dazu eine dritte Frau, die am unteren Bildrand auftaucht, so dass nur ihr Profil zu sehen ist und ihre Hände, nach oben ausgestreckt, als wollten auch sie die hingesunkene Figur stützen. Ein Bild von Picasso, gemalt im November 1932 in seinem Pariser Atelier, das den Titel „Le Sauvetage“ trägt. Es ist nicht das einzige mit diesem Titel, noch im selben Monate entstehen einige andere. Sie führen vor Augen, dass das Bildmotiv offensichtlich aus einer im Sommer begonnenen Serie von Badenden am Strand hervorgeht, die Picasso bereits durch alle möglichen Transformationen ihrer Anatomien gejagt hatte, bis hin zu geometrisierenden Formen und Objektcollagen. Auch Schwimmerinnen sind dabei, die sich mit der am unteren Rand der abgebildeten „Rettung“ auftauchenden Figur zwanglos verknüpfen lassen.

Aber die hingesunkene Frau kam neu hinzu. Mit anekdotischer Ursache vielleicht? Hatte seine junge, in diesem Sommer an der Côte d’Azur urlaubende Geliebte Marie-Thérèse Walter den Anlass mit einer ihrer regelmäßigen briefliche Mitteilungen (die irgendwie an der Ehefrau Picassos vorbei ihren Adressaten fanden) gegeben? War sie doch ohnehin über das ganze Jahr 1932 hinweg der Gegenstand von Picassos Malerei, immer wieder von neuem von ihm beschworen und malerisch in Besitz genommen. In einer langen Reihe von Bildern, die mit einer züchtigen Lesenden beginnt, deren im Schoß liegendes Buch von evokativer Form freilich schon den erotischen Stachel erkennen lässt.

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Oder sollte man doch eher an das bildnerische Echo einer Kreuzabnahme denken, und dann wohl einer, die er in der Kathedrale von Strasbourg einige Wochen zuvor gesehen hatte? Denn nach Strasbourg und nicht nach Colmar war er damals von Basel aus gefahren. Selbst wenn er bald darauf eine Serie begann, die die Kreuzigung auf Grünewalds „Isenheimer Altar“ in Colmar aufnimmt und variiert bis hin zu den surreal anmutenden Knochenkompositionen, welche André Breton so hinrissen, dass er sie im folgenden Jahr gleich in der ersten Nummer der Zeitschrift „Minotaure“ unterbrachte.

In der gegenwärtig im Pariser Musée Picasso gezeigten Ausstellung kann man sich all diese Möglichkeiten vor Augen führen. Es ist eine Schau, die durch Picassos Jahr 1932 führt, mit einer großen Zahl der Bilder, die in diesem Jahr entstanden, und einer Vielzahl von Dokumenten zu Leben und Arbeit des Künstlers. Es ist auch nicht irgendein Jahr, das sich die Ausstellungsmacher herausgesucht haben. Picasso ist fünfzig geworden und die erste Retrospektive, die zuerst in der Pariser Galerie Georges Petit und dann im Zürcher Kunsthaus gezeigt wird, auch das Erscheinen des ersten Bandes des Catalogue raisonné markieren den Übergang vom Avantgardisten der ersten Reihe zum modernen Meister des zwanzigsten Jahrhunderts. Und weil er gesehen hat, wie es dem Freund und Konkurrenten Matisse erging, der für seine Retrospektive nur wenige neue Bilder aufbot, arbeitet er wie ein Besessener – was sich zu seiner erotischen Besessenheit bestens fügt.

„Als ob ein Satyr gerade eine Frau umgebracht hätte“, so kommentiert sein alter Galerist Daniel-Henry Kahnweiler den Furor des Malers, nachdem er in dessen Atelier eine der hingestreckten Nackten nach dem Bilde Marie-Thérèses gesehen hat, in einem Brief an seinen Schwiegersohn, den gerade durch Afrika ethnologisierenden Michel Leiris (dem Picasso ein solches Bild zueignet). Der Brief steht in der Ausstellung neben vielen anderen über und an Picasso, wozu noch Kritiken kommen, Dokumentationen der Retrospektiven, des Arbeitens in Paris genauso wie im 1930 erworbenen normannischen Château de Boisgeloup, der Begegnungen mit Bewunderern wie Händlern, bis zu den Einkäufen der Leinwände und Wäschelisten von Ehefrau Olga.

Geht man durch die Ausstellung, ist man im Bann der Bilder, weniger der Vitrinen. Weshalb der Erwerb des Katalogs lohnt, der die einen wie den Inhalt der anderen chronologisch anordnet. Da stößt man auch auf Objekte, die man vielleicht übersehen hatte. Wie etwa den Briefumschlag, auf den sich Picasso nach dem Besuch der fast gleichzeitig mit seiner Pariser Retrospektive eröffneten Schau anlässlich des 150. Geburtstags von Edouard Manet notierte: „Wenn ich das Frühstück im Grünen von Manet sehe, sage ich mir: Mühen für später.“ Auch eine Form der Gipfelbegegnung wie hingeworfen zur Beglückung zukünftiger Interpreten eines Klassikers. Und er hielt ja auch, selbst wenn es noch fast drei Jahrzehnte dauern sollte, wirklich Wort.

Picasso 1932. Musée Picasso, bis zum 11. Februar 2018. Anschließend vom 8. März bis zum 9. September in der Tate Modern in London. Der Katalog kostet 42 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Helmut Mayer
Redakteur im Feuilleton.
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