200 Jahre Städelschule

Ein fortlaufendes Experiment

Von Kolja Reichert
 - 20:40
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Herr Pirotte, was macht das Besondere der Städelschule aus?

Die Schule ist relativ klein. Es gibt etwa zweihundert Studenten, zehn Professoren und dreißig Mitarbeiter. Das erlaubt Konzentration. Außerdem gibt es keinen Deal mit den Studierenden. Das Studium der freien Kunst wird nicht mit einer Masterarbeit abgeschlossen, man erhält nur ein Zertifikat, ähnlich wie ein Diplom, das aber nicht mit einem internationalen Bachelor oder Master gleichzusetzen ist.

Das heißt, man muss hier einfach nur existieren?

Unser ehemaliger Professor Michael Krebber hat das einmal so formuliert. Wichtig ist, dass alle unsere Professoren anders vorgehen. Die Städelschule ist ein Ort, an dem all diese Dissense und Paradoxien nebeneinander bestehen können. Das ist schon ein Mikrokosmos der künstlerischen Realität. Man hat Zeit, sich zu überlegen, ob man Künstler sein will. Das ist eine Herausforderung. Einige unserer Absolventinnen und Absolventen haben letztendlich doch etwas ganz anderes gemacht.

Zum Beispiel?

Ein ehemaliger Student entwickelt jetzt in Berlin künstliche Intelligenz für Autos. Aber uns geht es schon darum, die Studierenden zu schützen, ohne ein Elfenbeinturm zu sein: Auch Journalisten und Galeristen kommen hin und wieder zu uns und wir verbieten nicht, dass die Studierenden am internationalen Ausstellungsbetrieb teilnehmen während sie noch an der Hochschule eingeschrieben sind. Die Städelschule ist eigentlich, wie unsere Pro-Rektorin Judith Hopf gesagt hat, ein „fortlaufendes Experiment“. Wir können kein Leitbild schreiben beziehungsweise haben – die Fakultät der Städelschule steht für Kunst, die versucht, Kategorien von Ästhetik und Sinn aufzulösen und zu verändern.

Das klingt ein bisschen wie Kafkas Schloss: Man weiß nicht, wo man hingehört, was die Regeln sind und was es überhaupt zu erreichen gilt. Wann weiß man denn als Student, dass man fertig ist?

Ich glaube, das können wir nicht für die Studierenden entscheiden. Sie arbeiten in Klassen mit ihren Professoren. Amy Sillman beispielsweise unterrichtet Malerei. Das Lesen und Besprechen von Fachtexten ist maßgeblicher Bestandteil ihres Unterrichts. Tobias Rehberger unternimmt gern Studienreisen mit seiner Klasse. Dabei wird die Gruppe mit Herausforderungen konfrontiert. Willem de Rooij diskutiert detailliert und präzise die Arbeiten seiner Studierenden. Dabei kann es sich zum Beispiel auch um ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert handeln. Wir möchten eine Fakultät sein, die so differenziert wie möglich arbeitet, um eine Umgebung zu schaffen, in der man einander ständig überrascht.

Nach allem, was man von Studierenden hört, ist die Städelschule einerseits das neoliberale Paradies und andererseits die neoliberale Hölle, in der jeder ohne soziales Netz seinen eigenen Status pflegen und im Gespräch bleiben muss.

Natürlich gibt es Gruppendruck. Diese Allianzen sind ein Symptom unserer Zeit. Es kommt vor, dass man denkt, eine Netzwerkstrategie sei der Weg, um in der Kunstwelt schnell etwas zu erreichen. Daran bin ich nicht so sehr interessiert. Als Kunsthistoriker glaube ich nicht, dass ein Netzwerk Wert kreiert. Ich kann dabei helfen, interessante Gespräche zu ermöglichen. Das ist aber noch kein Netzwerken. Die Kunstwelt ist durchaus in der Hochschule anwesend. Die Studenten können Tag und Nacht in der Hochschule ein- und ausgehen. Sie organisieren sich selbständig und laden Gäste ein. Sie haben selbst eine Klasse für freies Schreiben ins Leben gerufen. Dieses große Interesse am fiktionalen Schreiben ist vergleichbar mit einem vermehrten Interesse an performativer Kunst in den letzten Jahren.

Martin Kippenberger hat beschrieben, wie er anfing, mit Studenten Galerien zu besuchen und ihnen den Markt zu erklären. Was als subversive Strategie zur Demystifizierung des Kunstwerks gedacht war, führte dann zur marktnahen Karriereschmiede Städelschule.

Das war nicht nur Kippenberger, sondern ein Phänomen der achtziger Jahre in Europa und Amerika. Mit diesem spezifischen Verständnis der Kunstwelt werden wir noch immer assoziiert, obwohl jeder Professor, jede Professorin ihre eigenen Standpunkte haben. Es war Tobias Rehberger, der Kippenberger als Student herholte, während Thomas Bayrle ein Sabbatical einlegte. Ich denke, dass sich inzwischen vieles verändert hat. Tobias Rehberger selbst und zum Beispiel auch Haegue Yang arbeiten ganz anders.

Haegue Yang ist die erste Professorin, die unter Ihrer Leitung berufen wurde. Für welchen Kunstbegriff steht sie?

Sie gehört zu einer Künstlergeneration, die in den neunziger Jahren sozialisiert wurde. Haegue Yang ist Koreanerin und arbeitet auch in Deutschland. Sie geht von einer Welt aus, die physisch kleiner, aber psychologisch komplexer geworden ist.

Was ist Ihr Kunstbegriff?

Ich glaube, heutzutage gibt es sehr viel Angst vor Bildern. Nicht vor Gemälden, sondern vor der Idee eines Bildes. Ich beobachte auf der Documenta und in anderen Ausstellungen oft eine Angst vor Bildern, die uneindeutig sind. Man sollte jedoch nicht vermeiden, solche Bilder zu zeigen. Ich komme aus einer Auseinandersetzung mit den Alten Meistern und bin immer auf der Suche nach Bildern, die man nicht sofort konsumieren kann, auch wenn das in der digitalen Informationskultur kaum noch möglich ist.

Wo sehen Sie die Städelschule in fünf Jahren?

Wir haben etwa siebzig Prozent Studierende, die nicht aus Deutschland kommen. An diesen kulturellen Hintergründen sollten wir interessiert sein. Wir arbeiten auf Initiative von Tobias Rehberger mit einer Schule in Südkorea zusammen, und Willem de Rooij hat eine Kooperation mit einer Kunstuniversität in Ghana aufgebaut. Wir müssen unsere Perspektiven teilen, sodass es möglich wird, in einer erweiterten Kunstwelt zu arbeiten. Wir sind noch immer sehr zögerlich in unserer Auseinandersetzung mit Paradigmen, die die westlichen Vorstellungen durchdringen könnten.

Wie viel Mitspracherecht haben die Studierenden tatsächlich?

Sie wählen studentische Vertreter für die verschiedenen Gremien der Hochschule. Und sie haben Stimmrecht im Kuratorium der Städelschule. Außerdem haben sie laut Satzung einen Stimmanteil bei der Berufung der Professoren.

Sie betreiben nun die Übernahme der Trägerschaft von der Stadt durch das Land Hessen. Was versprechen Sie sich davon?

Vor allem langfristige strukturelle Planungssicherheit. Unter Trägerschaft der Stadt stand die Finanzierung immer nur von einem Jahr zum nächsten. Unter Trägerschaft des Landes bekommen wir eine leichte strukturelle Budgeterhöhung, die Inflation wird ausgeglichen, und wir bekommen einmalige Investitionsmittel. Die Stadt finanziert aber weiter den Portikus und zahlt die Renten der Beamten.

Um die Autonomie der Schule zu erhalten, soll im September sogar das Hochschulgesetz geändert werden. Wie überzeugt man Politiker davon?

Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die sich zivilisiert nennen will, mentale Räume braucht, die sie zahlt, aber nicht kontrolliert. Räume, in denen die Gesellschaft ihre eigenen Werte hinterfragt. Man muss Abstand nehmen können von Regeln und Zielvereinbarungen. Das versuchen wir zu verhandeln.

Das Gespräch führte Kolja Reichert.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reichert, Kolja
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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