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Parlamentarier-Biographien

Vom Schicksal grundiert

Von Andreas Platthaus
 - 15:24
Für den Deutschen Bundestag zeichnete Simon Schwartz im Auftrag des Kunstbeirats zwanzig Comicbiographien von Parlamentariern aus der Zeit zwischen 1848 und 1933. Ausschnitt aus dem Blatt zur Biographie von Hugo Haase. Bild: Simon Schwartz, F.A.Z.

Einige spektakuläre Aspekte des Bundestagsgebäudes im alten Berliner Reichstag bleiben Normalbürgern notgedrungen unbekannt. Vor allem die Kunst im Bau. Die eigene, bereits 1969 begründete Sammlung des deutschen Parlaments umfasst mittlerweile mehr als fünftausend Werke – aber nur die wenigsten sind aufgehängt oder -gestellt, und noch weniger sind es an öffentlich zugänglichen Stellen.

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Damit aber nicht genug, das Gebäude selbst ist ja ein historisches Monument, und auch da bleibt manches verborgen. Besucher etwa betreten den Bundestag durch den repräsentativen Westeingang. Hinter dem nur intern benutzten Nordeingang jedoch findet sich zum Beispiel auf einem Pfeiler eine rasch skizzierte Porträtzeichnung: Sie ist eines der von Norman Foster beim Um- und Ausbau des Reichstagsgebäudes sorgfältig erhaltenen Graffiti, die russische (und vereinzelt auch amerikanische) Soldaten nach der Eroberung Berlins im Mai 1945 dort anbrachten. Die Zeichnung zeigt in schönster karikaturesker Tradition einen einzelnen Mann, offenbar ein Freundschaftsporträt. Doch leider ist eine Glastrennwand zu einem Büro der Bundestagsverwaltung genau da so eingesetzt worden, dass diesseits der Metallmontierung nur noch Nase und Kinn des Mannes herausschauen, jenseits kann man durch die Scheibe sein überdimensioniertes Ohr erkennen, der Rest des Gesichts ist unsichtbar. Haben Cartoons, Karikaturen, Comics im Reichstagsgebäude immer noch nichts zu suchen? Schließlich wurde hier 1926 das sogenannte Schmutz-und-Schund-Gesetz verabschiedet.

Von wegen! Ein Stockwerk höher, auf der Westseite des Gebäudes liegt die Abgeordnetenlobby des Parlaments, ein großzügiger heller Raum mit direktem Blick auf den Platz der Republik und das Bundeskanzleramt. Dieser Bereich kann immerhin im Rahmen einer Führung besucht werden, und das lohnt sich. Denn nicht nur befindet sich dort die Gedenkstätte für die im „Dritten Reich“ ermordeten deutschen Parlamentarier – ihre Lebensläufe füllen drei große Bücher, die Klaus Mettig gestaltet hat; als Blickfang hängt darüber eine große Fotoarbeit von Katharina Sieverding. Derzeit gibt es noch mehr Erinnerung und Kunst in der Lobby. Auf drei Stellwänden ist das jüngste Resultat des seit 2016 bestehenden Auftragsprogramms des Bundestags für Künstler zu sehen: jeweils zwanzig Vorzeichnungen und fertige Seiten für den Comic „Das Parlament“ von Simon Schwartz.

Diese vierzig Blätter sind die erste Hälfte des letzten Kunstprojekts, das Norbert Lammert als Bundestagspräsident und somit Vorsitzender des Kunstbeirats noch selbst angestoßen und nun bei der Ausstellungseröffnung in der Lobby auch vorgestellt hat. Schwartz, geboren 1982 in der DDR, wurde 2009 mit „Drüben!“ bekannt, einem Comic, der von der Ausreise seiner Familie in den Westen erzählt. Seitdem hat sich Schwartz mit der historischen Graphic Novel „Packeis“ und der 2013 für die Wochenzeitung „Der Freitag“ entstandenen Biographien-Serie „Vita obscura“ in die Spitze der deutschen Comic-Zeichner vorgearbeitet. Nicht nur das: Für die Gedenkstätte Andreasstraße in seiner Heimatstadt Erfurt, die den Opfern der dort ehedem residierenden Stasi gewidmet ist, gestaltete er ein 280 Quadratmeter großes Wandbild mit Szenen des politischen Widerstands in der DDR. Und für das Erika-Fuchs-Haus in Schwarzenbach an der Saale entstand 2015 eine raumfüllende Comic-Biographie der Comic-Übersetzerin.

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Kaum jemand sonst könnte also geeigneter als Schwartz sein für die Idee, nun deutsche Parlamentarier in einzelnen Bildgeschichten zu würdigen. Beginnend mit dem Paulskirchenparlament von 1848 bis in die Gegenwart – Voraussetzung ist, dass die betreffenden Abgeordneten verstorben sind –, standen Tausende von gewählten Volksvertretern zur Auswahl, darunter auch die willfährigen Parlamentarier im „Dritten Reich“. Simon Schwartz schlug vierzig Personen vor, die vom Kunstbeirat bestätigt wurden. Ob auch Nationalsozialisten vertreten sein werden, wird man erst in einem halben Jahr erfahren, wenn die abschließende Hälfte des Projekts vorliegt. Die nun ausgestellten zwanzig Biographien umfassen nur Parlamentarier der Jahre 1848 bis 1933.

Aber da unter ihnen eine umstrittene Persönlichkeit wie Clara Zetkin Aufnahme fand, dürfte Schwartz auch bei der Fortsetzung nicht nur sakrosankte Persönlichkeiten auswählen. Wer hätte denn in der ersten Runde mit Rudolf Virchow gerechnet, den alle Welt als Pathologe, aber kaum mehr jemand als Politiker (und Bismarck-Gegner) kennt? Oder mit Marie Juchacz, der Gründerin der Arbeiterwohlfahrt? Wer kennt noch den Vormärzler Friedrich Siegmund Jucho oder den Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst?

Schwartz widmet jedem eine Comic-Seite, und er legt die Architektur seiner Episoden so an, dass schon durch die Gesamtoptik des Einzelblatts etwas über das Leben des Betreffenden ausgesagt wird. Dem Bildarrangement der Clara-Zetkin-Seite liegt ein Sowjetstern als Formprinzip zugrunde, Virchows Leben wird vor dem Hintergrund des Längsschnitts durch einen menschlichen Kopf erzählt, und im Zentrum der Seitenarchitektur für Marie Juchacz steht das biologische Piktogramm für Weiblichkeit. So gleicht keine Seite einer anderen, und jede setzt auch spezielle Akzente beim Schluss. Virchow etwa wird als Vordenker eines einigen Europas gewürdigt, und der Textkasten dazu liegt über dem Rückgrat des Längsschnitts. Bei Zetkin dagegen sieht man Stalin, der 1933 ihre Urne trägt. Und ganz besonders passend: Bei Marie-Elisabeth Lüders zeigt das Schlussbild die Außenansicht des dem Bundestag am anderen Spreeufer gegenüberliegenden Parlamentsgebäudes, das nach ihr benannt wurde. Aber das es so heißt, verschweigt der Comic – Mit- und Nachdenken des Lesers ist erwünscht.

Die Bildergeschichten von Simon Schwartz sind nur eines von mehreren Kunstprojekten, die jährlich (bei einem Gesamtetat von 100.000 Euro) durch den Kunstbeirat des Bundestags in Auftrag gegeben werden. Dieses aber ist inhaltlich so eng mit dem Parlament verknüpft wie keines sonst, kein Schmutz und Schund, sondern große Bild-Erzählkunst. Es ist ein wichtiges ästhetisches Erbe Norbert Lammerts, der nach der Wahl vom kommenden Sonntag sein Abgeordnetenmandat, die Bundestagspräsidentschaft und damit auch den Vorsitz im Kunstbeirat abgeben wird.

Simon Schwartz – Das Parlament. In der Abgeordnetenlobby des Deutschen Bundestags (nur mit Führung zugänglich); bis zum 30. November. Nach Fertigstellung der zweiten Hälfte des Projekts im kommenden Jahr werden die dann vierzig Seiten als Buch erscheinen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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