Kunstsammlungen in der Krise

Was Trump und Pegida mit Museen zu tun haben

Von Kolja Reichert
 - 21:49

Frau Ackermann, Sie haben im November die Generaldirektion der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden übernommen, die gerade einen dramatischen Besucherschwund erleben: sechs Prozent 2015, zehn im vergangenen Jahr. Vor allem aus Westdeutschland kommen weniger Besucher. Was ist in Dresden los?

Der Rückgang ist erheblich, aber nicht dramatisch. Die Kunstsammlungen hatten auch schon 2009 einen Rückgang von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ich will den Rückgang nicht schönreden, andererseits sind 2,1 Millionen Besucher in einer Stadt mit gut 500.000 Einwohnern kein Grund, in Hysterie zu verfallen. Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig. Pegida könnte eine Rolle spielen, aber nur was deutsche Besucher angeht. Die Zahlen ausländischer Touristen sind nicht rückläufig, mit Ausnahme der russischsprachigen Gäste, die traditionell einen großen Anteil ausmachten. Seit der Ukraine-Krise ist die Zahl russischsprachiger Besucher eingebrochen, um 42 Prozent zu 2015 und noch einmal 24 Prozent zu 2016. Letztlich kann niemand mit Sicherheit sagen, welche Faktoren in genau welcher Stärke wirken. Wir müssen das Signal ernst nehmen, auch wenn wir die weltpolitischen Geschehnisse nicht verändern können. Für September planen wir einen internationalen Kongress zur Rolle gerade der enzyklopädischen Museen in diesen politisch komplexen Zeiten.

Das Metropolitan Museum hat sich von Expansionsplänen verabschiedet. Die Direktorin des Amsterdamer Stedelijk, Beatrix Ruf, stellt den Wachstumszwang in Frage. Kommt ein Museumsmodell der letzten Jahre an ein Ende?

Ja. Die starke, zu wenig hinterfragte Orientierung an Mechanismen der Wirtschaft, das Prinzip permanenter Steigerung und Quantifizierung, wie wir es in den letzten Jahren auch in der Wissenschaft erfahren haben: Viele Kollegen stellen sich gerade die Frage, ob wir uns nicht zu sehr vom eigenen Weg haben abbringen lassen. Selbst MoMA-Direktor Glenn Lowry, der immer stark auf Marke, Marketing und Wettbewerb setzte, hat – verstärkt durch den Ausgang der Trump-Wahl – zuletzt starke Selbstzweifel geäußert. Museen wachsen international wieder stärker zusammen und überprüfen ihren spezifischen Auftrag. Wir beginnen jetzt, eng mit der Nationalgalerie in Prag zusammenzuarbeiten und gemeinsam ein mitteleuropäisches Netzwerk auch für Länder aufzubauen, in denen es gerade politisch schwierig ist, wie in Polen.

Eine Art Exilprogramm für entlassene Kollegen?

Es geht darum, aufmerksam zu sein für unmittelbare oder auch subtilste Formen von Zensur, für Künstler, deren Werke abgehängt werden, für Institutionen, die finanziell ausgetrocknet werden, und für Kollegen, die von Entlassungen bedroht sind. Der Brasilianer Marcelo Rezende, der durch die neue Regierung als Direktor des Museums für Moderne Kunst in Salvador da Bahia entlassen wurde, fängt zum 1. April als einer der beiden Leiter des Archivs der Avantgarden an. Sein Ansatz der Demokratisierung und Enthierarchisierung des Museums in der Nachfolge Lina Bo Bardis war für mich Vorbild. Jetzt ist das Museum übrigens dem Tourismusministerium zugeordnet.

Vernetzung ist ja schön, aber davon kommen die Besucher noch nicht zurück. Das Albertinum erschien die letzten Jahre teils wie ein schlafender Riese, der selten über Dresden hinaus wirkte. Ihre Schwerpunkte lagen bisher bei klassischer Moderne und Gegenwart. Kommt mit Ihnen ein anderer Wind ins Haus?

Die Direktorin Hilke Wagner ist erst seit Ende 2014 im Amt und hat bereits einiges auf den Weg gebracht. Wir sind jetzt in intensiven Gesprächen, auch über die internationale Positionierung des Albertinums und zugleich die Einbindung eines lokalen Publikums, das zu großen Teilen durch einen ganz anderen Kunstbegriff in Bezug auf Moderne und Gegenwart geprägt ist. Das Team des Albertinums ist durch einige Neubesetzungen jetzt altersmäßig viel diverser. Wir planen eine neue Form der Sammlungspräsentation über das ganze Haus hinweg, in der wir von Fragestellungen unserer Zeit ausgehen, Bezüge zwischen den Sammlungen schaffen und starke Erzählungen rund um die Werke freisetzen. Wir haben ja fünfzehn Sammlungen, das ist im Grunde schon ein gelebtes Humboldt-Forum. Ein wichtiges Ziel ist es, die Generation der Fünfzehn- bis Dreißigjährigen verstärkt anzusprechen, das gelingt uns bisher zu wenig.

In Frankfurt gelingt es Schirn und Städel besonders gut, wissenschaftliche Arbeit mit attraktiven Ereignissen zu verknüpfen. Ist das Frankfurter Modell, wie es Max Hollein geprägt hat, für Sie ein Vorbild?

Ich bin ein großer Bewunderer von Holleins Fähigkeit, Marketing und Vermittlung von Anfang an mitzudenken und Fragestellungen vom Interesse des Publikums her zu entwickeln. Das passiert in Dresden noch zu wenig, hier geht man zu sehr von der eigenen Forschungsperspektive aus. In anderen Punkten bin ich auch kritisch, etwa bei der Digitalisierung. Zu behaupten, man könne die Kunstgeschichte mit einem Online-Kurs aus der eigenen Sammlung heraus erzählen, das geht mir zu sehr in Richtung Marketing.

Was haben Sie gegen Marketing?

Gar nichts, wir betreiben ja ein qualifiziertes Marketing. Das muss übrigens in Dresden sehr stark auch die Dauerausstellungen unserer 14 Museen erfassen, wir können uns nicht ausschließlich auf Sonderausstellungen fokussieren. Wir sind da eher mit den Museumsverbünden in Berlin und München vergleichbar. Gleichwohl spielt auch das Ausstellungsprogramm eine wichtige Rolle. Da würde ich insofern mit Blick auf Frankfurt sagen: Lieber etwas weniger machen, und das dafür stärker ausstatten, um wirklich Anreize zu schaffen, den langen Weg nach Dresden zu unternehmen. Eine weitere wichtige Frage wird sein, wie wir uns zum Bedürfnis vieler Menschen hier im Osten stellen, noch mal einen neuen Blick auf die DDR-Vergangenheit zu werfen. Etwa mit Themen wie Luxusgüter in der DDR: Welche Rolle spielte Meissen? Oder die Frage von Ausländern, speziell Afrikanern, die 1989 ausgewiesen wurden. Oder der Realismus: die Tendenzen in Tschechien, Polen und der DDR zu vergleichen und in Zusammenhang mit der Vormoderne zu bringen.

Mit dem Abzug seiner Leihgaben aus Protest gegen das neue Kulturgutschutzgesetz hat Georg Baselitz das Albertinum vor zwei Jahren behandelt wie sein privates Ausstellungshaus. Haben sich die Museen, speziell Dresden, mit ihrem Anspruch auf Wachstum zu sehr vor mächtigen Künstlern, Sammlern und Galerien verneigt?

Da bin ich eher eine Hardlinerin. Es wird ein Anliegen von mir sein, Grenzen zu wahren. In Düsseldorf war ich extrem streng und habe so gut wie keine Leihgaben angenommen. Hier ist die Situation anders. Ich möchte das starke emotionale Bekenntnis, das viele Künstler und Sammler aus persönlichen oder kulturhistorischen Gründen Dresden gegenüber ablegen, wertschätzen, aber unter den Bedingungen von Transparenz und der Wahrung der Autonomie des Museums.

Wie sehen Sie vor dem Hintergrund der Stimmung in Dresden die Rolle des Museums in der Zivilgesellschaft?

Museen sind neutrale Räume, die sinnlich aufgeladen sind, vergleichbar mit der Kirche. Sie verändern die Gegenstände und die Menschen, die in sie hineingehen. Außerdem verhindern Kunstwerke selbst jede vereinfachte Darstellung von Geschichte. Und anders als andere Institutionen, gegenüber denen es zu einem extremen Vertrauensschwund gekommen ist, genießen Museen Vertrauen. Ein Beispiel, das mich beeindruckt hat: Bei einer Bürgerdiskussion anlässlich der Aufstellung der Bus-Skulptur von Manaf Halbouni vor der Frauenkirche sagte ein Kritiker zu mir: Schauen Sie sich doch dagegen mal das Kriegstriptychon von Otto Dix im Albertinum an! Ich erwiderte: Da haben Sie sich ja das radikalste Werk des zwanzigsten Jahrhunderts ausgesucht! Egal, mit wem ich hier spreche: Die Hochkultur und der Respekt vor dem Museum verbinden alle.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reichert, Kolja
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton.
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