Documenta-Geschäftsführerin

Jeder Cent ist nachvollziehbar

Von Kolja Reichert
 - 09:06

Frau Kulenkampff, der Documenta fehlen 5,4 Millionen Euro. Bis Mitte 2018 wurden, um die Insolvenz abzuwenden, Bürgschaften von Stadt und Land über acht Millionen Euro bewilligt. Wo ist das Geld hingegangen?

Der Fehlbetrag hat sich zuerst im Juni 2017 herausgestellt. Eine der Ursachen ist, dass wir in Kassel zum ersten Mal in der Geschichte der Documenta ein Sicherheitskonzept erstellt haben. Das war ein langer Prozess, der im Herbst 2016 anfing. Die Polizei hat uns viele Auflagen gemacht, die einfach zusätzliches Geld kosteten. Dieses Sicherheitskonzept ist einen Tag vor der Pressekonferenz in Kassel unterschrieben worden. Die Kosten konnten wir erst im Nachhinein verlässlich mit rund 400 000 Euro berechnen. Wir reden von einer Ausstellung mit großen Dimensionen, daher sind Mehrkosten im Verhältnis relativ hoch.

Wurde der Aufsichtsrat über diese Mehrkosten informiert?

Wir haben dem ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden am 12. Juni einen möglichen Fehlbetrag von zwei Millionen mitgeteilt. Wir hatten noch eine Million aus den Vorjahren auf dem Documenta-Konto, für deren Nutzung für die documenta 14 die Gesellschafter zustimmen müssten. Zu dem Zeitpunkt lagen wir zwanzig Prozent über den Besucherzahlen der Documenta von 2012. Vor diesem Hintergrund waren wir mit dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden, Oberbürgermeister Bertram Hilgen, einig, dass wir das hinkriegen. Jede Documenta hat mit Defiziten gearbeitet und gehofft, dass diese am Ende durch die Besucherzahlen ausgeglichen werden. Das ist immer eine Wette auf die Zukunft. Die Besucherzahlen sind bis zur Hälfte der Laufzeit der documenta 14 extrem gestiegen und lagen zur Halbzeit 17 Prozent über den Besucherzahlen von 2012. Wenn das so weiter gegangen wäre, wären wir – wie jede documenta vorher – mit den Finanzen hingekommen. Aber die maximalen Kapazitäten dieser Stadt und dieser Ausstellung sind bei 900 000 Besuchern erreicht.

Sie haben also den Aufsichtsrat informiert?

Wir haben den jeweiligen Aufsichtsratsvorsitzenden informiert. Am 19. Juli haben wir Herrn Hilgens Nachfolger, Herrn Geselle, über diese Situation unterrichtet. Es gehören dazu auch erhöhte Energie- und Klimatisierungskosten in Athen, die so nicht absehbar waren. Ob das dann die 400 000 Euro werden, die wir hierfür eingeplant haben, wissen wir nicht.

Jetzt sind wir bei 800 000 Euro. Da fehlen noch 4,6 Millionen.

Zum Sicherheitskonzept kam noch Personal. Wir haben auch andere Kosten recht hoch eingeplant, zum Beispiel den Abbau des Parthenons. Wir wissen nicht, wie der Rasen darunter aussieht, und wir sind in der Verpflichtung, ihn wieder herzustellen. Es kann sein, dass das 50 000 Euro kostet. Es kann aber auch sein, dass es 100 000 Euro kostet.

50 000 Euro haben Sie veranschlagt?

Wir haben 100 000 Euro eingerechnet. Dann haben wir deutlich erhöhte Reisekosten, aufgrund des über neun Monate andauernden Public Programs, an dem 200 Teilnehmer aus aller Welt mitgewirkt haben. Reisekosten hängen davon ab, was gerade Flüge kosten, und Hotelzimmer hier in Kassel wurden plötzlich auch deutlich teurer, als das bei vorangegangen Documenta-Ausstellungen der Fall war. In Athen mussten wir auch Sicherheitspersonal erhöhen, weil es tatsächlich Übergriffe auf die Ausstellung gab. Und wir mussten Aufsichten nochmal einen extra Bonus zahlen. Es gibt bei der Documenta immer Leute, die sagen, wenn du das jetzt nicht machst, dann streike ich.

Was hat die Lösung gekostet?

Ungefähr 400 000 Euro. Dann gab es erhöhte Transportkosten. Relativ spät hat sich herausgestellt, dass vieles durch andere Verpackungs- und Sicherheitsvorschriften dazu kam. Der Hintransport ist oft eilig, hier können Kosten durch Zusammenlegen mehrerer Transporte aus Zeitgründen kaum eingespart werden. Der Rücktransport ist ja noch nicht passiert, aber wir rechnen damit, dass wir insgesamt ungefähr 500 000 Euro über dem liegen, was geplant war. Im Lauf der Zeit ist auch die Mehrwertsteuer in Griechenland auf 24 Prozent gestiegen. Natürlich schlägt sich das nieder.

Das klingt alles recht anschaulich. Warum hat der Aufsichtsrat dann die Wirtschaftsprüfungsagentur PWC eingesetzt?

Er wollte sichergehen. Wir haben ja dauerhaft einen unabhängigen Wirtschaftsprüfer, die Documenta wird immer geprüft, auch vom Landesrechnungshof, hier gibt es überhaupt nichts, was nicht geprüft wird, das ist eine gGmbH, die teilweise mit öffentlichen Geldern arbeitet. Unser Prokurist Frank Petri macht das seit 35 Jahren auf die immer gleiche, extrem akkurate Art und Weise. Da kann gar kein Cent rausgehen, ohne dass man weiß wohin.

Es ist die Rede von Bargeldtransporten nach Athen.

Ja, das haben wir gemacht. Man braucht, um so eine Documenta umzusetzen, eine Bargeldkasse. Wir sind ja in Athen durch schwierige politische Zeiten gegangen, wir haben angefangen vor Syriza, vor Tsipras, vor Varoufakis, vor der Finanzkrise, vor der Capital Control, die bedeutet, dass man nur 430 Euro in der Woche abheben kann. Also haben wir – und das ist völlig legal – Bargeld nach Athen mitgenommen und in einen Safe gelegt. Diese Bargeldkasse ist genauso nachweisbar abgerechnet worden wie alles andere auch.

Können Sie ausschließen, dass in Athen Schmiergelder bezahlt wurden?

Ja.

Können Sie ausschließen, dass Schwarzarbeit vorkam?

Ja.

Das heißt, in der Schätzung von 5,4 Millionen Euro ist jeder Cent nachvollziehbar?

Absolut.

Und sobald die Abrechnungen in Athen erfolgt sind, können Sie, PWC hin oder her, belastbare Rechnungsbücher vorlegen?

Absolut. Die Wirtschaftsprüfer sind ja eingesetzt worden, weil der Aufsichtsrat eine doppelte Prüfung der Lage wollte. PWC war zwei Wochen bei uns und hat von uns kompletten Zugang bekommen.

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Und was bleibt der PWC zu tun bis November, wo ja der Abschluss des Verfahrens geplant ist?

Im Prinzip ist der Bericht fertig. Es gibt Dinge, die sollen noch mal geprüft werden. Es wird nichts geben, wo irgendjemand irgendwas nicht korrekt gemacht hätte. Es kann immer sein, dass wir irgendwo einen Fehler gemacht haben. Aber dass jemand Geld ausgegeben hätte und nicht mehr wüsste für was und wie, das wird es nicht geben.

Wieso haben Sie dann zugelassen, dass über Wochen der öffentliche Eindruck entstanden ist, dass genau das passiert ist?

Der Aufsichtsratsvorsitzende und sein Stellvertreter haben den Wunsch formuliert, dass sich die Documenta nicht selbst äußert.

Also der neue Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) und Hessens Kunstminister Boris Rhein (CDU). Wie groß ist der Vertrauensverlust zwischen Ihnen und dem Aufsichtsrat?

Ich finde es problematisch, dass scheinbar vertrauliche Informationen aus dem Aufsichtsrat weitergegeben worden sind. Ansonsten ist mein Verhältnis zum Aufsichtsrat ungetrübt.

Die „Hessische Niedersächsische Allgemeine“ (HNA) hat aus dem noch nicht veröffentlichen Wirtschaftsprüfungsbericht zitiert.

Am 12. September stand plötzlich in der HNA, die Documenta habe Millionen in den Sand gesetzt. Woher diese Informationen kommen, wissen wir nicht. Ich finde es schon eine problematische Situation, wenn man im Aufsichtsrat nicht über Dinge reden kann, ohne Angst haben zu müssen, dass die morgen in der Zeitung stehen. Immer wieder wird geschrieben, wir hätten sieben Millionen Defizit, das stimmt einfach nicht.

Was stimmt? Kann man sagen, Sie haben 5,4 Millionen Defizit?

Man kann sagen, dass wir möglicherweise um die fünf bis sechs Millionen Fehlbetrag haben werden. Die 5,4 Millionen sind eine Prognose und kein Ist-Zustand, wie es oft fälschlich dargestellt wird. Auch jetzt haben wir noch ein Plus auf dem Konto. Man muss den Fehlbetrag auch im Verhältnis zu zwei Ausstellungen sehen, die ja jeweils 100 Tage gedauert haben. Und wir haben es hingekriegt. Was ja fast auch ein bisschen ein Wunder ist. Das ganze Team hat Tag und Nacht dafür gearbeitet, und nur so hat es auch funktioniert.

Würden Sie die Erklärung des kuratorischen Teams unterschreiben, dass das Wertschöpfungssystem von Großausstellungen auf den Prüfstand gehört?

Zumindest sollte man es mal fair bewerten. Konservativ geschätzt geben die Besucher der Documenta in 100 Tagen rund 200 Millionen Euro in Kassel und der Region aus. Auch der Flughafen Kassel hat von den Sonderflügen zwischen Athen und Kassel profitiert, ich bin sicher, das bedeutet für die Gesellschafter, die ebenfalls Stadt und Land sind, eine gewisse Reduzierung ihres Defizits, was den Flughafen betrifft. Also, es gibt diese enorme wirtschaftliche Wertschöpfung, und es gibt eine kulturelle.

Kann man das Defizit damit rechtfertigen?

Nein, das sind zwei verschiedene Dinge. Wir haben ein Budget überzogen aufgrund von Umständen, die wir vorher nicht kannten und die wir auch nicht hätten beeinflussen können. Das ist schlimm, das hätte nicht passieren sollen, und die Verantwortung dafür müssen wir tragen. Aber es macht Sinn, sich zu überlegen, ob man die Documenta finanziell einfach anders ausstatten muss – diese Wette auf die Zukunft ist ein hohes Risiko und kein tragfähiges Modell.

In der HNA wurde es so dargestellt, dass Szymczyk, als Mehrkosten für das Athener Museum für Gegenwartskunst (EMST) nötig wurden, mit Rücktritt gedroht hat. Ist etwas ähnliches passiert?

Die Gefahr, dass jemand den Bettel hinschmeißt, ist immer da. Es ist immer ein Ringen. Das EMST war für Adam Szymczyk entscheidend und zwingend. Und die documenta 14 hätte ohne das EMST auch nicht funktioniert.

Sehen Sie sich in so einem Fall als Anwalt des künstlerischen Leiters oder als Gegner und Anwalt der künftigen Documenta-Ausstellungen?

Beides. Man ist dafür verantwortlich, dass die künstlerischen Vorstellungen in der bestmöglichen Weise und innerhalb der finanziellen Möglichkeiten realisiert werden.

Haben Sie sich von Adam Szymczyk unter Druck setzen lassen?

Man gerät immer mal unter Druck, wenn es heißt, jetzt müssen wir aber das realisieren, sonst funktioniert das große Ganze nicht. Die Documenta ist gewaltig und es gibt viele verschiedene Interessen: Sie haben es eben nicht nur mit einem oder zwei Künstlern zu tun, sondern mit über 160, und mit über 10 Kuratoren.

Haben Sie einen konkreten Verdacht, wer im Aufsichtsrat die Informationen weitergeleitet hat?

Nein.

Können Sie sich erklären, welches politische Interesse dahinter steht?

Es war schwierig, dass im Endspurt der Aufsichtsratsvorsitzende wechselte und jemand in eine neue Rolle kam, der nicht wissen konnte, was alles vorher passiert ist. Dazu kam, dass wir kurz vor der Bundestagswahl standen.

Kann die Documenta in ihrer jetzigen Struktur bestehen?

Die Struktur, in der wir hier arbeiten, hat sich in dreißig Jahren nicht verändert. Es hat sich auch nicht die Anzahl der Mitarbeiter in der Verwaltung verändert, obwohl inzwischen das documenta Archiv hinzugekommen ist und der Umfang der Documenta sich in den letzten 30 Jahren enorm vervielfacht hat. Es gefährdet die Documenta, wenn sie aufgrund ihrer Organisationsstruktur zu einem politischen Spielball werden kann. Ich kann mir vorstellen, dass man auch über andere Rechts- oder Organisationsformen der Gesellschaft nachdenken muss.

Was schwebt Ihnen da vor?

Es wurde ja darüber gesprochen, ob der Bund auch in einer anderen Form mit in die Verantwortung tritt.

Kann der Aufsichtsrat in seiner jetzigen Zusammensetzung bestehen?

Es wäre hilfreich, wenn der Aufsichtsrat neben den Politikern mehr mit Menschen aus der Kunst besetzt wäre, damit die Herausforderungen der Organisation einer solchen Ausstellung stärker von Fachleuten begleitet wird.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Reichert, Kolja
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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