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Systemkrise im Kunstmarkt

Als ich mich fand in einem dunklen Walde

Von Julia Voss und Niklas Maak
 - 15:18

Der „Fall Jägers“ ist der größte Kunstfälschungsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte: Über Jahre hatten der Fälscher Wolfgang Beltracchi, seine Frau und ihre Schwester sowie der Hehler und Pleitier Otto Schulte-Kellinghaus gefälschte Werke in den Kunstmarkt geschleust - mindestens vierzehn vermeintliche Werke von Max Ernst, Heinrich Campendonk, Max Pechstein und Fernand Léger (F.A.Z. vom 19. September 2010), die angeblich aus der Sammlung von Helene Beltracchis Großvater Werner Jägers stammten, aber allesamt Fälschungen waren. In über dreißig Fällen wird nach Angaben der Kölner Staatsanwaltschaft noch ermittelt, der Schaden liegt im mittleren zweistelligen Millionenbereich.

Das Vertrauen in Auktionshäuser wie Lempertz in Köln, das allein fünf Werke in Umlauf brachte, in Experten und Händler ist erschüttert, die Öffentlichkeit ebenfalls. Auf der Vorderbühne entwickelte sich die klassische Moderne in den letzten Jahren zu einem Erfolgsgaranten, der verlässlich die Publikumsmassen ins Museum zog - auf der Hinterbühne, so zeigt sich jetzt, ist sie dabei auch zu einer enormen Geldmaschine geworden: Die Werke sind offenbar leichter zu fälschen als das Geld, das sich mit ihr machen lässt.

Jetzt sind die Ermittlungen abgeschlossen, der Prozess beginnt wohl schon Ende des Sommers - und noch immer hängen die Fragen wie Gewitterwolken über dem Kunstmarkt: Wie konnte das passieren? Warum haben alle Kontrollmechanismen versagt? Die Antwort ist einfach: weil es keine gibt. Jedenfalls keine, die den Namen verdienen.

Bei der Provenienz der Werke grob fahrlässig gehandelt?

Mittlerweile gilt das Interesse nicht mehr nur den Fälschern, sondern auch ihren Opfern im Kunstmarkt - Opfern, die unfreiwillig und unwissend zu Komplizen des größten Kunstbetrugs aller Zeiten wurden. Da ist Henrik Hanstein, der Chef des Kölner Auktionshauses Lempertz, das neben anderen gefälschten Werken der erfundenen „Sammlung Jägers“ das „Rote Bild mit Pferden“ in den Markt brachte - jenes falsche Campendonk-Gemälde, das den Fall auffliegen ließ. Lempertz hat das Gemälde 2006 für die Rekordsumme von 2,88 Millionen Euro versteigert, Käuferin war ein Unternehmen namens Trasteco. Die juristischen Gegner werfen Hanstein vor, bei der Recherche der Provenienz der Werke grob fahrlässig gehandelt zu haben - was bedeuten würde, dass der Haftungsausschluss des Auktionshauses hinfällig wäre.

Lempertz hatte vor der Versteigerung des Campendonk-Gemäldes keine Expertise der Autorin des Campendonk-Werkverzeichnisses Andrea Firmenich eingeholt und offensichtlich nicht präzise genug recherchiert, was hinter der ominösen „Sammlung Jägers“ steckt - und das, obwohl das Auktionshaus bereits 1995 ein Gemälde aus der „Sammlung Jägers“, ein angebliches Werk von Hans Purrmann, ablehnen musste, nachdem es von der Familie als Fälschung identifiziert worden war. Nach dieser Vorgeschichte hätte man extrem sorgfältig recherchieren müssen - was nicht geschah.

Ein ungewöhnliches Blaupigment ließ auf eine Fälschung schließen

Gegen Lempertz läuft mittlerweile nicht nur ein zivilrechtliches Verfahren, in dem der Käufer des Gemäldes sein Geld zurückverlangt; anders als die Kölner es wiederholt kommuniziert haben, liegt gegen Hanstein nicht bloß eine Strafanzeige wegen Betrugs vor - es läuft, unabhängig vom Verfahren gegen die Fälscher, bereits ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren. Die Staatsanwaltschaft geht also offenbar davon aus, dass der Anfangsverdacht plausibel erscheint. Der Vorwurf lautet, dass Hanstein einen Kunden bewusst getäuscht habe, in dem er ihm belastende Informationen zu einem anderen Werk aus der Sammlung Jägers vorenthielt, dem inzwischen als Fälschung enttarnten Gemälde „Seine-Brücke mit Frachtkähnen“ von Max Pechstein. Dort hatte ein Gutachter ein ungewöhnliches Blaupigment gefunden, dass auf eine Fälschung schließen lassen könnte. Diese Information enthielt Hanstein seinem Kunden vor und behauptete, die Analyse des Pechstein habe ergeben, das Bild sei tadellos.

Hanstein jedoch stellt sich selbst als eines von vielen Opfern der Fälscherbande dar und verwies wiederholt darauf, dass „sogar Werner Spies“ nicht erkannt habe, dass es sich bei den Werken der Sammlung Jägers um Fälschungen handele, und die Stoßrichtung des Arguments ist klar: Wenn selbst Spies es nicht erkennt, kann es einfach keiner erkennen, und alle sind unschuldig.

„In keinem Moment Zweifel gehabt“

Werner Spies, ehemaliger Direktor des Museums für Moderne Kunst im Pariser Centre Pompidou, weltweit anerkannter Experte für das Werk Max Ernsts und langjähriger Mitarbeiter der F.A.Z., war, wie er jetzt gegenüber dieser Zeitung bestätigte, als Gutachter und Vermittler im Fall von mehreren Werken der „Sammlung Jägers“ tätig. Seine Rolle in diesem Fall war zuletzt Gegenstand eines fairen Artikels in der Süddeutschen Zeitung. Er habe, so Spies, „in keinem Moment Zweifel gehabt“, dass es sich bei den angeblichen Arbeiten von Max Ernst um Originalwerke handele und hielt die Entdeckung ihm unbekannter Werke aus einer rheinischen Privatsammlung für einen „Glücksmoment“. „Unsicherheiten, die offenbar das ortskundige und gut vernetzte Haus Lempertz an der Provenienz der Sammlung hegen konnte und vielleicht hegen musste“, sagt Spies, „wurden an uns nie weitergegeben“.

Spies sah, wie er dieser Zeitung gegenüber erklärt, zum ersten Mal 1999 in Berlin ein ihm unbekanntes Werk von Max Ernst aus der Sammlung Jägers, zu dem er ein Zertifikat ausgestellt hat, ohne Geld dafür zu nehmen. Einige Jahre später sei Otto Schulte-Kellinghaus, ein Betrüger und Komplize der Beltracchis, an ihn herangetreten; Spies, überzeugt davon, einen Sensationsfund gemacht zu haben, informiert den mit ihm befreundeten Kunsthändler Marc Blondeau. In Paris wurden ihnen von Schulte-Kellinghaus die angeblichen Ernst-Werke „La Horde“ und „La Mer“ vorgeführt. Spies zertifizierte auch die Werke als echt. Wie sieht so eine Zuschreibung aus, mit der das Werk in den Kunstmarkt geschleust werden kann? „Ich verwende stets dieselbe Formulierung“, erklärt Spies, „die ich auf der Rückseite eines Fotos des betreffenden Werks niederschreibe: L'oeuvre reproduite va figurer dans le catalogue raisonée Max Ernst qui paraît sous ma direction (Das abgebildete Werk wird in das von mir verantworteten Werkverzeichnis aufgenommen)“. Das ist der Ritterschlag, der Millionen Wert ist und die Werke marktfähig macht.

Warum nimmt jemand wie Werner Spies Geld?

Blondeau, ehemals Chef des Auktionshauses Sotheby's in Frankreich, kaufte beide Werke und brachte in der Folge insgesamt sechs Gemälde aus der vermeintlichen „Sammlung Jägers“ in den Kunstmarkt. Dabei zahlte Blondeau eine Provision pro verkauftes Bild an Spies, deren Höhe Spies auf Nachfrage nicht kommentieren möchte. Zusätzlich zur Provision von Blondeau erhielt Spies eine weitere Provision für jedes verkaufte Bild, das er vermittelte, von den Beltracchis in einer Höhe von sieben bis acht Prozent des Verkaufserlöses - insgesamt allein von den Beltracchis vierhunderttausend Euro, zuzüglich einer unbekannten Summe von Blondeau.

Das ist selbst für einen Spitzengutachter unüblich viel Geld, und die Verquirlung von gutachterlicher Tätigkeit und üppiger Entlohnung für die Öffnung der Zugänge ins Kunstmarktsystem ist problematisch, auch wenn Spies besten Gewissens davon ausging, sensationelle Originale, und keine Fälschungen, auf den Markt zu bringen - und, wie er betont, über die Beteiligung am Erstverkauf hinaus nicht an den enormen Wertsteigerungen der angeblichen Meisterwerke bei den zahlreichen Weiterverkäufen beteiligt wurde.

Warum nimmt jemand wie Werner Spies Geld aus praktisch allen an diesem Handel irgendwie beteiligten Händen? Vielleicht, weil er, der über Jahrzehnte auch sein privates Geld und unendliche Zeit darauf verwand, das offizielle Werkverzeichnis zu Ernst zu erstellen und herauszugeben, es angemessen fand, dann wenigstens an der Vermittlung eines Ernst zu verdienen.

Als die Fälschungsgerüchte zu kursieren begannen

Bei der Galerie Attouarès in Paris erklärt Spies die angeblichen Ernst-Werke „Tremblement de Terre“ und „Oiseaux“ für echt, in Brüssel den „Vogel im Winterwald“, wieder kauft Blondeau, wieder zahlen die Beltracchi Spies eine Provision von acht Prozent, ebenso im Fall von „La fôret (2)“, das ihm von Helene Beltracchi persönlich im Frühjahr 2004 in Südfrankreich, in ihrem Anwesen in der Nähe von Montpellier, vorgeführt wird.

Blondeau kaufte außerdem - laut Spies ohne sein Wissen - ein Gemälde von Campendonk aus der Quelle „Jägers“ und bot es der Kunstsammlung des schwäbischen Unternehmers Reinhold Würth an. Der Kunstbeirat der Sammlung stimmte zu, das Werk wanderte - wie auch das angebliche Max Ernst-Gemälde „La Horde“ aus gleicher Quelle - in die schwäbische Sammlung. Im Kunstbeirat sitzt, neben Peter-Klaus Schuster und anderen renommierten Kunsthistorikern, Werner Spies - der, wie er jetzt auf Nachfrage dieser Zeitung einräumte, hierauf eine weitere Provisionszahlung der Beltracchis erhielt.

Auch in der von Werner Spies kuratierten Max-Ernst-Ausstellung „Traum und Revolution“, die 2008 im Stockholmer Moderna Museet und danach im Lousiana Museum of Art in Humlebaek gezeigt wurde, tauchten zwei Gemälde der Sammlung Jägers erstmals im Museumszusammenhang auf: „La Mer“ von 1925 und „Oiseaux“ von 1929. Der Katalog vermerkt bei beiden Bildern, dass sie „noch nicht“ im Werkverzeichnis aufgenommen seien. Als die ersten Fälschungsgerüchte kursierten, gab die Triton Foundation in Belgien, der „La Mer“ gehört, ein weiteres Gutachten in Auftrag; beide Gemälde gelten inzwischen als falsch.

Gegen Spies läuft nur ein zivilrechtliches Verfahren in Frankreich

„La Forêt (2)“ kam in den Besitz der Pariser Galerie Cazeau-Béraudière. Sie gab das Werk als Leihgabe ins Max-Ernst-Museum, dessen Stiftungsrats-Vorsitzender Spies ist. Später wurde das Werk für sieben Millionen Dollar an den New Yorker Verleger und Sammler Daniel Filipacchi verkauft. Die Pariser Galerie, die später auch ein von Beltracchi gefälschtes Campendonk-Gemälde an den Schauspieler Steve Martin vermittelte, bedankte sich mit einem Bildergeschenk an das Museum.

All das wirft Fragen nach dem Mechanismus eines Systems auf, in dem man den immergleichen Personen in immer neuen Funktionen begegnet. Im Zusammenhang mit dem Prozess gegen die Fälscherbande wurde Spies in Berlin nur als Zeuge vernommen; illegal im juristischen Sinne waren sein Handeln und seine Provisionen im Fall Jägers nicht. Gegen Spies läuft - anders als gegen Hanstein - kein strafrechtliches Ermittlungsverfahren, nur ein zivilrechtliches Verfahren in Frankreich; der Käufer einer Fälschung klagt dort vorrangig gegen den Verkäufer, aber auch gegen Spies, auf Schadenersatz.

Die Kopie der Kopie an Samuel Newhouse verkauft

Umso mehr erhellt der Fall aber ein grundlegendes Strukturproblem des Kunsthandels, das den Fälschern in die Hände spielte: An positiven Zuschreibungen verdienen am Ende alle, an Abschreibungen und Zweifeln nicht. Hätte man bei Lempertz Skrupel gehabt, einen Campendonk aus einer seltsamen Quelle zu versteigern, wäre das Werk nicht in die Auktion gekommen, und das Haus hätte auf seinen Anteil von rund einer halben Millionen Euro verzichten müssen.

Anderer Fall: Werner Spies brachte die Eigentümer den vermeintlichen Originalguss der Picasso-Bronze „Tête de Fernande“ mit Pablo Picassos Sohn Claude Ruiz-Picasso zusammen, dem einzigen, der - anders als die „Zeit“ in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet - Zertifikate über die Echtheit eines Picassos ausstellen kann. Claude Picasso entschied am 19. Oktober 2004 für echt. Beide wurden von den Eigentümern entlohnt, Spies erhielt für die Vermittlung rund einhunderttausend Dollar. Das Werk wurde als echter Picasso für rund sechs Millionen Dollar an den Verleger Samuel Newhouse verkauft; mittlerweile weiß man, dass es sich um eine Surmoulage, gewissermaßen die Kopie einer Kopie, handelt.

Und das bedeutet, dass das Werk nur den Materialwert der Bronze hat - obwohl es haargenau so wie das Original aussieht. Anders als bei gefälschten Gemälden ist bei Nachgüssen die Hand des Künstlers nicht im Spiel; was da ein „Original“ und was eine „Fälschung“ ist, das ist höhere kunstmarktwirtschaftliche Metaphysik - und für die braucht man Experten, deren quasigöttliches Urteil entsprechend wertvoll ist.

Direkt ins Zentrum des Systems

Welche Lehren lassen sich aus dem Fall ziehen? Die gängige Praxis des Gutachtertums muss überdacht werden. Niemand würde einen Arzt wieder aufsuchen, der erklärt, der Bauch sähe von außen doch sehr gesund aus - nur bei der Kunst glaubt man an das „absolute Auge“, hier hält sich ein anachronistischer Geniekult, das Vertrauen auf stilkritische Kennerschaft oder genetisch weitergereichtes Wissen. Was, außer der Verwandtschaft, befähigt Claude Ruiz-Picasso, die Echtheit eines Werks durch bloße Inaugenscheinnahme zu beurteilen? Welche Instanzen kontrollieren, ob sich etwa die Witwe eines berühmten deutschen Künstlers nicht vom Geld, das man ihr bot, zu den wüstesten Zuschreibungen verleiten ließ? Die Urteile der Experten sind oft nur höherer Hokuspokus, bei dem oft ganz andere als stilkritische Fragestellungen eine Rolle spielen.

Es stimmt: Experten wie Werner Spies - der, anders als viele andere Gutachter, in seiner Karriere immerhin vierhundert gefälschte Max Ernst-Arbeiten enttarnte und illegal gegossene Skulpturen einschmelzen ließ - wurden getäuscht. Auktionatoren wie Hanstein sind in erster Linie Opfer eines Betrugs, dessen Brillanz in seiner entschlossenen Dreistigkeit liegt - denn wo andere Betrüger versuchen, ein gefälschtes Meisterwerk der Moderne an kunstfremde Laien in Odessa, Peking oder Buenos Aires loszuwerden und hoffen, dass die Experten in Europa keinen Wind davon bekommen, gingen die Beltracchis mit einer aberwitzigen Chuzpe direkt ins Zentrum des Systems.

Vermittler- und Gutachtertätigkeiten müssen getrennt werden

Aber all diese Opfer haben mit den vermeintlichen Meisterwerken viel Geld verdient - und die Frage liegt nahe, ob die Verlockung, eine kunsthistorische Großentdeckung zu machen, mit der sich auch noch ungeheure Summen verdienen lassen, die Fähigkeit zur Kritik dramatisch verkümmern ließ.dass all die Experten und Auktionatoren zu - sehr gutbezahlten - Opfern werden konnten, liegt auch an einem System, dass die Suche nach der Wahrheit nicht fördert, sondern, getrieben vom Wunsch nach lukrativen marktfrischen Entdeckungen, die positive Expertise um so reicher belohnt. Für die Zukunft kann daraus nur folgen, dass Vermittler- und Gutachtertätigkeiten getrennt werden müssen.

Es darf auch juristisch nicht möglich sein, dass die Frage „falsch“ oder „echt“ für den Experten gleichzeitig „tausend“ oder „vierhunderttausend“ Euro lautet. Das ist aber zur Zeit der Fall. Der Kunstmarkt erscheint immer mehr als ein undurchsichtiges und dubioses, von Geldgier und anderen zweifelhaften Motivationen gesteuertes System von Privatinteressen, dessen Opfer der Kunstkäufer ist.

Quelle: F.A.Z.
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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