Tim Burton im MoMA

Die Melancholie des Austernjungen

Von Verena Lueken
 - 12:18

Das ist unmöglich, flüstert Alice im Trailer zu Tim Burtons 3D-Märchen „Alice im Wunderland“, das demnächst ins Kino kommt. Nur, wenn man nicht daran glaubt, haucht der verrückte Hutmacher, schwingt seinen Umhang und setzt damit nicht nur die gesamte Kulisse in Brand, sondern beflügelt auch unsere Phantasie: Was hat Tim Burton wohl aus Lewis Carrolls Buch gemacht? Wird er uns bezaubern wie mit „Edward mit den Scherenhänden“? Ekeln und verschrecken wie mit „Sweeney Todd“? Gruseln wie in „Sleepy Hollow“? Langweilen womöglich, was unwahrscheinlich scheint?

Das ist unmöglich, denkt man dann beim Betreten des Museum of Modern Art, wo einem am Eingang eine drei Etagen hohe Figur die Beine in den Weg stellt, die, wie im oberen Stockwerk zu bemerken ist, wenn man ihr ins Auge blickt, auch noch weint. Drei Stockwerke voller Werke aus Tim Burtons Phantasie: Filme, Fotografien, Knetfiguren, Kostüme, Requisiten, Blätter mit Bunt- oder Filzstiftkrakeleien und ausgearbeitete Comics, Acryl-auf-Samt-Gemälde, kugelköpfige Figurinen mit langen gelben Haaren oder ohne, gezeichnet, gegipst, animiert, fotografiert, collagiert, spinnenbeinige Wesen mit Antennen auf dem Kopf oder Nägeln in den Augen, glubschäugige Skulpturen aus Pappmaché mit Zähnen im Nacken - das sind so die Dinge, die das MoMA gerade füllen. Aber es gibt keinen verrückten Hutmacher, der einen glauben lässt, was man dort sehen soll: dass Burton nämlich außer einem genialischen Filmemacher auch noch ein großer bildender Künstler sei. Glauben kann man einzig, dass sein Keller und Dachboden, Archiv und Schreibtisch im Augenblick gähnend leer geräumt sind.

Unglaubliche Monster

Was im Museum ein bisschen aussieht wie eine Gerümpelkammer, in der noch nie jemand versucht hat, Ordnung zu schaffen, ist der Rummelplatz der Phantasie eines unglücklichen Kindes, das auf der Schattenseite Hollywoods in Burbank als ungeliebter Außenseiter aufwächst und Zuflucht sucht in Comics, beim Fernsehen und im Kino und das außerdem noch Glückwunschkarten sammelt. Burton hat die Geschichte seiner unglücklichen Kindheit oft erzählt.

Hier sehen wir nun, wie er als Kind und Jugendlicher anfing aufzulesen, was er in Comicbüchern oder Werbefilmen oder im „Kabinett des Dr. Caligari“ fand, und wie er zunächst auf Papier oder in Basteleien den grotesken Kern seiner Fundstücke freilegte, ihren Horror und ihre Sentimentalität losließ und mit ihnen sein eigenes Universum schuf - die Tim-Burton-Welt, die später dann im Kino und nur dort zum Leben erwacht. Was er in allen anderen Medien tut, sind Vorarbeiten, Skizzen, Probeläufe. Nur einige seiner Zeichnungen, zauberhafte Entwürfe seltsamer Kreaturen, die ganz Maul sind mit einem Auge oder, wie in seiner „Boy Series“, dem sperrigen Körpergefühl eines Jugendlichen in verqueren Positionen mit zu kurzem Pullover Ausdruck verschaffen, stehen für sich. Allerdings sind sie auf den völlig überfüllten Wänden des Museums schwer zu entdecken.

Tim Burtons Welt strotzt von seinen Doppelgängern, Alter Egos, seinen Schattengestalten. Wenn er uns, wie in seinen Filmen, ihre Geschichte erzählt, nehmen sie uns für eine Weile mit auf ihrem Weg. Seinen Monstern auf Papier glauben wir nicht.

Tim Burton and the Lurid Beauty of Monsters. Museum of Modern Art, New York. Bis zum 26. April. Der Katalog kostet 19,95 Dollar.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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