Paul Cézannes Porträts

Kieselsteine im Gesicht

Von Karlheinz Lüdeking
 - 15:32
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Über das Werk von Cézanne, sollte man meinen, ist mittlerweile alles gesagt. Dennoch wurde eine eigentlich recht auffällige Eigentümlichkeit bislang weitgehend ignoriert: die Tatsache, dass bei den Augen der meisten Menschen, die Cézanne gemalt hat, etwas nicht stimmt. Wie ein „Spiegel der Seele“ sehen diese Augen nicht aus. Sie sind ausdruckslos, oft sogar tot und leer. Unter den 160 Porträts, die Cézanne während eines halben Jahrhunderts geschaffen hat, gibt es kaum eine Ausnahme von dieser Regel.

Bei den Bildern aus den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kann man das noch mit der Ungeschicklichkeit des Anfängers erklären; doch auch später, selbst in den letzten Jahren, bleiben die Augen immer Fremdkörper in den Gesichtern, und bei den allerletzten Porträts, die Cézanne 1906, kurz vor seinem Tod, von einem Gärtner gemalt hat, verschwinden die Augen völlig, und der Kopf wird zu einer gesichtslosen Masse.

Das bewirkt, wenn man ein einzelnes Porträt betrachtet, kaum mehr als eine leichte Verwunderung; doch sobald man mehrere nebeneinander sieht, wächst die Irritation beträchtlich, und sie wird zu einer akuten Beklemmung, wenn man – wie in einer Ausstellung, die bis zum 11. Februar in der National Portrait Gallery in London gezeigt wird – mit der geballten Masse von siebzig Bildnissen konfrontiert wird. Wer so viele Porträts abschreitet, erlebt eine Kälte, die, käme sie von den dargestellten Personen, schwer zu ertragen wäre. Nirgendwo wird der eigene Blick erwidert, überall trifft man nur auf In-sich-Gekehrte und Geistesabwesende, Schielende und Blinde. Anfangs wähnt man sich vielleicht in einer Nacht der lebenden Toten; doch dann erkennt man, dass sich diese Gestalten nie mehr bewegen werden. Sie sind so leblos wie die Schalen ausgetrockneter Krustentiere. Die Gesichter sind Masken, die Körper steinerne Statuen, und sie verharren, rätselhaft wie die Figuren der Osterinsel, auf ewig in vollständiger Teilnahmslosigkeit.

Einen unverhohlenen Blick gestattet er sich nicht

Besonders befremdlich wird das bei den 26 Selbstporträts, die Cézanne gemalt hat. Fast alle zeigen den Kopf im Dreiviertelprofil. Das linke Auge ist immer deutlich kleiner als das andere. Meistens schaut es schräg an uns vorbei. Im Gegensatz dazu blickt das rechte Auge direkt nach vorn, so, wie der Maler es sieht, wenn er in den Spiegel schaut, um zu sehen, was er malen muss, wenn er sich selbst malen will. Doch einen unverhohlenen Blick aus dem Bild gestattet sich der Maler dann meistens doch nicht, und deshalb versucht er sehr oft, die Blickrichtung durch ein paar nachträglich aufgetragene Pinselstriche wieder etwas undeutlicher zu machen.

Synchronisiert sind Cézannes Augen jedenfalls nicht. John Elderfield, der Hauptkurator der Londoner Porträtausstellung, nennt sie „mismatched“, geht aber auf dieses merkwürdige Phänomen nicht weiter ein. Wenn zwei Augen in verschiedene Richtungen blicken, bezeichnet man das üblicherweise als Schielen. Doch hier ist es anders. Cézanne war zwar kurzsichtig, und er litt aufgrund seiner Diabetes auch noch unter zusätzlichen Sehschwächen, aber er schielte nicht. Warum malt er sich dann mit zwei Augen, die nicht zueinander passen? Und warum malt er auch andere Personen, zum Beispiel seine Frau, in derselben Weise?

Da dies offenbar nicht mit der Absicht geschieht, eine faktische Fehlstellung der Augen wiederzugeben, darf man vermuten, dass sich darin ein ganz grundsätzlicher Konflikt äußert, der dem Maler nicht unbedingt bewusst war. So erscheinen die verdrehten Augen plötzlich als Symptome einer fundamentalen Spaltung des Blicks. Wenn Cézanne in seinen Porträts die Fixierung des Gegenübers mit dem ausweichenden Blick zur Seite vereint, dann passt das genauso wenig zusammen wie das Sehen und das Gesehenwerden.

Sehende Augen als Fremdkörper

Diese Differenz steigert sich bei Cézanne deshalb zu einem dramatischen Antagonismus, weil alles, was er malt, weder selbst sehen, noch von irgendwoher gesehen werden will. Alles existiert allein für sich und an sich. Wir sehen die Dinge, aber sie, die Dinge – sie sehen uns nicht. Sogar die Menschen, ihre Körper, ihre Köpfe und Gesichter verhalten sich unseren Blicken gegenüber so gleichgültig wie Felsformationen in einem Steinbruch. Die Welt, in der Cézanne sich bewegt, ist keineswegs das heimelige Zuhause, in dem Merleau-Ponty ihn gesehen hat, es ist eine Welt der kalten und teilnahmslosen Mineralien, eine Welt vor – oder nach – dem Menschen.

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Im Mineralreich können sehende Augen naturgemäß nur Fremdkörper sein. Deshalb werden sie von Cézanne auch als Fremdkörper kenntlich gemacht. Nie fügt sich ein Auge nahtlos in das Gesicht. Besonders das rechte ist immer nur äußerlich appliziert. Neben der Nase wird es einmontiert wie ein Wechselobjektiv mitsamt seiner Fassung. Das rechte Auge ist unweigerlich deplaziert, weil es das sehende Auge ist. Das linke sieht nicht. Es wird nur gesehen, und deshalb bleibt es gleichmütig und unempfindlich wie ein Kieselstein. Das rechte Auge jedoch, das aufnahmefähige, kann sich der generellen Objekthaftigkeit einfach nicht einfügen, denn es gehört eben nicht dazu, und manchmal, das merkt man, möchte der Maler ihm am liebsten das Sehen ganz und gar austreiben. Dann verpasst er sich selbst ein blaues Auge oder versucht, die Pupille mutwillig zu zerstören. Beim linken Auge, dem harmlosen, reicht eine dunkelblaue Lasur, um es, wie unter einer Augenklappe, verschwinden zu lassen.

Hier könnte man fragen: Kann denn Sehen Sünde sein? Für Cézanne ist die Antwort ebenso zwiespältig wie der Blick der Personen, die er gemalt hat. Einerseits (linksäugig gesehen) ist klar, dass ein selbstgenügsames Universum keinerlei Beobachtung zulassen darf. Andererseits (rechtsäugig betrachtet) beruht die Existenz eines Malers aber auf der unablässigen Beobachtung der Natur. Cézanne will und muss also dorthin, wo sein Auge, nach seiner eigenen Überzeugung, gar nicht hingehört. Damit ergibt sich eine Paradoxie, die der berühmten Antinomie ähnelt, die Bertrand Russell 1903, kurz vor Cézannes Tod, formulierte: Der Maler will Teil einer Menge sein, die ihn per definitionem nicht enthalten kann. Er malt eine Welt, in der es keinen Platz für ihn gibt. Das fällt nicht weiter auf, solange sein Auge meint, mit den Dingen allein zu sein. Es führt jedoch zu hysterischen Reaktionen, sobald es bemerkt, dass da noch andere Augen sind, oder wenn es, noch schlimmer, beim Selbstporträt gezwungen ist, sich selbst ins Auge zu blicken.

Zu überprüfen derzeit auch in der Ausstellung Cézanne – Metamorphosen. In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe; bis zum 11.Februar 2018. Der Katalog kostet 49,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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