Watteaus verschollenes Werk

In die Geschichte zurückradiert

Von Andreas Platthaus, Paris
 - 09:04

Antoine Watteau starb jung, mit nur sechsunddreißig Jahren, am 18. Juli 1721. Doch er ist der berühmteste und einflussreichste Maler des Rokoko. Die Bilder des Franzosen zieren die großen Kunstmuseen, seine Zeichnungen werden in den bedeutendsten grafischen Kabinetten gehütet. Das erhaltene Werk ist angesichts der kurzen Lebensspanne groß – und doch nur ein kleiner Teil des Gesamtschaffens. Denn mehr als zwei Drittel müssen als verloren gelten. Wir kennen die entsprechenden Arbeiten nur aus dem grandiosen vierbändigen Buchprojekt, das Watteaus Werk in 621 Radierungen wiedergibt.

Radierungen? Sie machten doch nur den kleinsten Teil von Watteaus künstlerischer Produktion aus. Zu seinen Lebzeiten erschienen gerade einmal acht: die Folge „Figures de modes“, eine Serie von sieben Kostümansichten plus eines Titelblatts, sämtlich kleinformatige Radierungen, die von Watteau nicht einmal vollendet wurden, denn sie wurden für den Druck, der wohl um 1710 erfolgte, von dem etwas jüngeren Graveur Simon Thomassin noch einmal mit der Radiernadel überarbeitet. Wie viel auf den acht heute verlorenen Kupfertafeln überhaupt von Watteau stammte, weiß man nur dank einiger erhaltener Probedrucke, die eine viel leichtere Linienführung ausweisen, allerdings den vom Publikum geschätzten Kontrastreichtum vermissen lassen.

Insgesamt kennt man nur zehn Radierungen, an denen Watteau selbst beteiligt war. Eine weitere, in der Komposition Picassos Harlekine vorwegnehmende, die nach einem ihr beigegebenen spöttisch-moralischen Gedicht den Titel „Les habits sont italiens“ (Die Kleidung ist italienisch) trägt, mag auch noch zu Lebzeiten gedruckt worden sein, doch belegt ist sie erst für das Jahr 1729, und auch hier wurde Watteaus eigene Radierung, die wieder durch einen Probedruck bekannt ist, für die endgültige Fassung noch durch den älteren und als Graveur etablierten Kollegen Charles Simonneau überarbeitet. Die einzige Radierung Watteaus, die tatsächlich bis der Drucklegung ohne fremde Mitwirkung blieb, ist das erst 1735 postum verlegte Blatt „Recrue allant joindre le régiment“ (Rekrut auf dem Weg zum Regiment).

Dreizehn Graveure reproduzierten

Dieses Blatt gibt das Entree ab zu einer der instruktivsten Ausstellungen, die derzeit zu sehen sind: Der Louvre präsentiert die Watteau-Bestände aus der ihm 1935 übereigneten Drucksammlung des Barons Edmond de Rothschild. Darin befindet sich auch die Rekruten-Radierung, die ohnehin schon extrem rar ist, aber hier zudem in Form eines beidseitig bedruckten Einzelbogens vorliegt, dessen Rückseite einen Probedruck von der schwächer eingefärbten Platte bietet. Dieses Rarissimum macht die Brillanz Watteaus als Radierer ganz deutlich: Es verweist in Ausführung wie Motivgestaltung (die insgesamt acht Rekruten folgen in ziemlich ungeordneter, fast komischer Formation einem Reiter) bereits auf Goya, der ein Dreivierteljahrhundert später die grafischen Techniken umstürzen wird.

Das Rekruten-Blatt ist zugleich der einzige echte Watteau, der in der schon erwähnten Prachtausgabe mit den 621 Radierungen erhalten ist, die heute eines der berühmtesten und seltensten grafischen Werke des achtzehnten Jahrhunderts darstellt, den sogenannten „Recueil Jullienne“, erschienen von 1726 bis 1735. Nur hundert komplette Sätze wurden damals überhaupt gedruckt, und im Laufe der Zeit hat man viele davon auseinandergenommen, um die Blätter einzeln verkaufen zu können. Schon 1912 waren nur noch um die dreißig Sammlungen bekannt, in denen alle vier Bände vorhanden waren, und eine davon war die von Rothschild, der 1874 eine besonders gut erhaltene Ausgabe ersteigert hatte. Benannt wurde der „Recueil Jullienne“ nach Watteaus Freund und Förderer Jean de Jullienne, der die vier Bände zum Andenken an den toten Künstler herausgab und sich die Herstellung allein der 1726 und 1728 erschienenen ersten beiden Bücher die Summe von 48.000 Livres kosten ließ – mehr als der damalige Jahressold für eine Hundertschaft Soldaten.

Dafür beschäftigte Jullienne dreizehn Graveure (sich selbst nicht mitgerechnet, obwohl er als Liebhaber des Metiers zwanzig Radierungen selbst anfertigte), darunter mit Jean Audran einen Vertreter der seinerzeit bekanntesten Graveursfamilie und mit dem zu Beginn seiner Arbeit für Jullienne erst zwanzigjährigen Franois Boucher den Mann, der in der Folge zum berühmtesten Radierer Frankreichs aufsteigen sollte. Reproduziert wurden in den ersten beiden Bänden ausschließlich Zeichnungen von Watteau: insgesamt 350 Motive, die der Maler als Detailvorlagen zu seinen Gemälden angefertigt hatte. Gesamtentwürfe zu den Bildern soll Watteau nie gezeichnet haben, und die Tatsache, dass im „Recueil Jullienne“ auch kein einziger enthalten ist, bestätigt das. Aber die Lust an der Einzelstudie, die aus den hier versammelten Motiven spricht, lässt nur den Vergleich mit Adolph Menzel zu, der seine unzähligen Zeichnungen gleichfalls ausschließlich für die Anfertigung von Gemälden nutzte, obwohl auch er einer der größten Zeichner seiner Epoche war.

Er wollte gegen das Vergessen kämpfen

Drucken ließ Jullienne diese ersten beiden Bände auf übergroßem Papier des Formats „grand jésus“, das er aus den besten Papiermühlen Frankreichs bezog. Sein Ehrgeiz war, die Radierungen exakt in derselben Größe anfertigen zu lassen, die die gezeichneten Vorlagen aufwiesen. So entstand ein Werk, das als Referenz für Künstler und Sammler dienen sollte. Und dann versuchte Jullienne jahrelang, diese Liebhaberausgabe zu verkaufen.

Obwohl Ludwig XV. gleich zehn Exemplare erwerben sollte, war Watteaus Stern kurz nach seinem Tod in der französischen Heimat bereits im Sinken begriffen. Die besten Gemälde wurden in den folgenden Jahrzehnten ins Ausland verkauft, und so hat heute Berlin den wichtigsten Watteau-Bestand weltweit zu bieten – der Louvre besaß bis 1865 gerade einmal ein Bild. Dieses wachsende französische Desinteresse an dem bewunderten Freund mag dazu beigetragen haben, dass Jullienne ungeachtet des kommerziellen Misserfolgs der ersten beiden Bände auch die letzten beiden finanzierte: Er wollte gegen das Vergessen kämpfen. Niemand weiß, was der Abschluss der Ausgabe ihn gekostet hat, doch das Papier wurde noch größer (Format „grand aigle“), die Zahl der engagierten Graveure mit nun sechzehn auch, und die Radierungen erforderten noch mehr Mühe, denn jetzt galt es, die Gemälde von Watteau zu reproduzieren. Was davon in Frankreich bis 1735 noch greifbar war, wurde als Vorlage genommen, und so entstand ein Werkverzeichnis, das zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben darf, aber zur Mehrzahl Bilder oder Wanddekorationen zeigt, von denen heute jede Spur fehlt.

Hier konnte man natürlich nicht mehr im Originalformat reproduzieren, aber umso sorgfältiger wurde radiert – und das immer noch auf ungewöhnlich großen Kupferplatten, denn für einzelne Bilder sah Jullienne doppelte Bögen vor. Die Mühe wird daran erkennbar, dass in der Sammlung Rothschild und nun auch in der Louvre-Ausstellung Probedrucke enthalten sind, die bei einzelnen Blättern bis zu drei Zustände dokumentieren, mit teilweise kaum mehr wahrnehmbaren Modifikationen. Mit Jacques-Philippe Le Bas, Louis Crépy, Charles Nicolas Cochin und John Audrans Sohn Benoît kamen die besten Graveure zum Einsatz; nur Boucher war mittlerweile zu teuer geworden.

Die Genauigkeit der Graveure

Was sich in insgesamt drei Räumen im Louvre auftut, ist eine Leistungsschau der Grafik im ersten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts – und bis auf Goya hat diese Leistung auch bis zum zwanzigsten Jahrhundert niemand mehr übertroffen. Da Rothschild neben den vier vollständigen Bänden des „Recueil Jullienne“ auch noch 305 Einzelblätter aus dem Konvolut zusammengetragen hat, kann hier viel mehr gezeigt werden, als wenn man nur die raren Bücher aufgeblättert sähe. Insgesamt sechsundneunzig Werke zeigt die Ausstellung, darunter sechs Watteau-Zeichnungen, die als Vorlagen für Radierungen dienten, einen eigenhändigen Abklatsch (also den notwendigerweise spiegelverkehrten Abdruck einer frisch angefertigten Zeichnung, was ein beliebtes Verfahren war, damit die danach wiederum spiegelverkehrt hergestellte Radierung dann ein seitenrichtiges Abbild des Originalwerks bot) und ein Gemälde: die kleinformatigen „Zwei Cousinen“ aus Louvre-Besitz, die sich in Bernard Barons Ausführung auch als Radierung im letzten Band des „Recueil“ finden.

Der unmittelbare Vergleich zeigt die Genauigkeit, mit der die Graveure ans Werk gingen. Doch die Ausstellung hat genau deshalb auch eine große Chance vertan. Nicht nur, dass in der grafischen Sammlung des Louvre noch mindestens weitere drei Zeichnungen liegen, die für die ersten beiden „Recueil“-Bände als Vorlagen dienten, mit dem kleinen Gemälde „L’Indifférent“ (Der Gleichgültige) hängt auch nur wenige Säle im Museum entfernt. Was den Louvre gehindert haben mag, sich die winzige Mühe zu machen, dieses Bild neben die gleich zwei Radierungen zu hängen, die das gleiche Motiv zeigen, ist unbegreiflich.

Keine perfekte Ausstellung

Bei der gleichfalls im Louvre hängenden ersten Version der „Einschiffung nach Kythera“ mag man sowohl deren Großformat in Rechnung ziehen als auch die Tatsache, dass die entsprechende Radierung nach der ungleich berühmteren (und noch größeren) zweiten Fassung erstellt wurde, die heute im Schloss Charlottenburg hängt. Aber auch das zweite Hauptwerk von Watteau in Louvre-Besitz, der „Pierrot“ von 1719, der sich wohl deshalb nicht im „Recueil“ findet, weil er als großes Einzelporträt eines Komödianten den vielen ähnlichen Radierungen von entsprechenden Studienzeichnungen in den ersten beiden Bänden zu nahe stand, hätte interessante Vergleichsmöglichkeiten geboten – etwa hinsichtlich der von Watteau benutzten Modelle. Auch ihn vermisst man schmerzlich.

Es mag der unbewussten Arroganz des großen Hauses, das überall Schätze zu bieten hat, die weltweit ihresgleichen suchen, zuzuschreiben sein, dass die Chance vertan wurde, eine perfekte Ausstellung zu organisieren. Aber Watteau ist eben in Frankreich mit seinem Werk schlechter präsent als in Deutschland, England oder Russland. Dass nur äußerst sparsam und wieder nur aus französischen Sammlungen ergänzend entliehen wurde, ist deshalb schade; man hätte dem französischen Publikum mehr bieten sollen. Dass es allerdings außerhalb des Louvre schwer sein dürfte, eine ähnliche Qualität an Watteau-Grafik zu versammeln, steht auch fest. Und deshalb lohnt selbst der weiteste Weg.

Antoine Watteau et l'art de l'estampe. Im Louvre, Paris; bis zum 11. Oktober. Der exzellente Katalog, erschienen bei LePassage, kostet 28 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFrankreichLouvreLouvre