Zum 250. Todestag Winckelmanns

Schauriges Ende in grellen Farben

Von Christoph Schmälzle
 - 23:01

Am 8. Juni 1768 endet das Leben des Archäologen und Kunstschriftstellers Johann Joachim Winckelmann gewaltsam in einem Hotelzimmer in Triest. Der vorbestrafte Koch Francesco Arcangeli hat es auf einige kostbare Medaillen abgesehen, die Winckelmann ihm arglos gezeigt hat. Er versucht erst, ihn zu erdrosseln. Im folgenden Handgemenge sticht er siebenmal zu. Binnen weniger Stunden stirbt Winckelmann. Für den Raubmord bezahlt Arcangeli mit seinem Leben: Er wird am 20. Juli auf dem Platz vor dem Hotel gerädert, so wie es das damals gültige Gesetz verlangt.

Die blutige Tat jährt sich am heutigen Freitag zum 250. Mal. Schon das vergangene Jahr war ein Winckelmann-Jahr, nämlich das seines dreihundertsten Geburtstages. Der Gelehrte, der als Oberaufseher der päpstlichen Antiken verschied, wurde am 9. Dezember 1717 als Sohn eines Schusters in Stendal geboren. Da das Museum in Winckelmanns Geburtsstadt seit Juni 2017 geschlossen ist und nach umfangreicher Sanierung erst im September dieses Jahres wiedereröffnen soll, kam einer Winckelmann-Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg in Halle nun unerwartet große Bedeutung für das Land Sachsen-Anhalt zu.

Dabei lag der Fokus der von Stephan Lehmann, Olaf Peters und Elisa Tamaschke kuratierten Schau mit dem Titel „Ideale. Moderne Kunst seit Winckelmanns Antike“ gerade nicht auf dem Werk des Jubilars, sondern auf dessen Nachleben. Das spiegelte sich auch im Rahmenprogramm: Vergangene Woche trat Werner Busch von der Freien Universität Berlin mit einem Vortrag über die Neukonzeption des Klassizismus im Kreis um Johann Heinrich Füssli auf. Das Thema erinnerte nicht von ungefähr an die von Busch betreute Sektion der Frankfurter Ausstellung „Schönheit und Revolution“ von 2013, erhielt aber mit Blick auf die in Halle gezeigten Werke eine neue Dynamik.

Überraschende Pointe

Bekanntlich brachen Künstler wie Johan Tobias Sergel, Thomas Banks oder Nicolai Abildgaard seit Mitte der siebziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts radikal mit dem Gebot der affektiven Mäßigung und zeigten in ihren Werken genau jenes „freche Feuer“, vor dem Winckelmann warnte. Die Steigerung des Pathos geht Hand in Hand mit einer Tendenz zur formalen Stilisierung, was vielen dieser Arbeiten einen modernen Zug verleiht. Die Emanzipation vom Gegenstand kam, wie Busch betonte, dem Ausdruck zugute. So ergibt sich die überraschende Pointe, dass gerade die Künstler, die aus Winckelmanns Sicht die Fehler des Manierismus und des Barocks wiederholten, einen Weg in die Moderne bahnten.

Winckelmanns früher Tod bietet hier Anlass für Spekulationen: Wie hätte er selbst auf diese meist in Rom entstandenen Arbeiten reagiert? Als Archäologe greift er in Italien über den Horizont seiner frühen Schriften hinaus und bleibt nicht bei den normativen Setzungen der „Gedancken über die Nachahmung“ von 1755 stehen. Mit den „Monumenti antichi inediti“ wechselt er am Ende sogar die Sprache. Arcangelis Mordtat setzt seiner auch nach heutigen Maßstäben beeindruckenden Karriere ein jähes Ende.

Was sich bei den von Busch erwähnten Künstlern andeutet, weist ins zwanzigste Jahrhundert voraus. Bei aller Kritik, die die Avantgarden am akademischen Studium von Gipsabgüssen üben, bleibt das Interesse für mythologische Sujets als Nebenstrom der Moderne lebendig. Gerade die antike Aktfigur, die im Mittelpunkt von Winckelmanns Interesse stand, erlebt eine enorme Karriere in der Kunst nach 1800 – und das nicht nur in konservativ-krisenhaften Zusammenhängen. Die Ausstellung in der Moritzburg Halle folgte den Spuren dieser idealen Nacktheit vom neunzehnten Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit, von Goya bis Schlemmer, von Hans von Marées bis Georg Kolbe.

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

Seltsame Begegnungen kamen hier ins Bild: Von Georg Scholz wurde eine ,Neue Frau‘ der Weimarer Republik gezeigt, nackt bis auf die Strümpfe und ein wenig Lippenstift, in souveräner Konkurrenz mit einem Gipskopf aus dem Umfeld des Praxiteles. Auf einem Aquarell von Rudolf Schlichter erblickt ein Ertrinkender, dessen Kopf gerade noch aus dem Wasser ragt, im Tode den Torso einer Venus mit den stark geschminkten Augen einer Bordsteinschwalbe.

Ein Schwerpunkt der Schau lag auf der Kunst der zwanziger und dreißiger Jahre – und das ist nicht unheikel. Denn die Renaissance heroisch-idealisierter Körperbilder in dieser Zeit hat komplexe weltanschauliche Hintergründe. Trotzdem vermieden die Kuratoren die politische Semantisierung der Formen zugunsten des vergleichenden Sehens und der Einbettung in größere Entwicklungslinien. Erst der sehr empfehlenswerte Katalog trägt nach, was man etwa über Georg Kolbes „Menschenpaar“ von 1936 oder Erwin Hahs’ „Großes Requiem“ aus dem letzten Kriegsjahr wissen sollte.

Die neoklassizistischen Tendenzen der Zwischenkriegszeit entfachen auch ein neues Interesse an Winckelmanns Biographie. Mehrere Novellendichter malen sein schauriges Ende in grellen Farben. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Klischee der stets schuldbehafteten und potentiell todbringenden homosexuellen Lust – ein Narrativ, dessen Kontinuität nicht zuletzt der wiederholt mit Winckelmanns Tod verglichene Mord an dem Filmregisseur Pier Paolo Pasolini belegt. In der Tat mutet aus heutiger Sicht rätselhaft an, warum Winckelmann überhaupt den Kontakt zu einem Zimmernachbarn gepflegt hat, der sozial weit unter ihm stand. Die naheliegendste Erklärung scheint sexuelles Verlangen. So beschreibt Viktor Meyer-Eckhardt in seiner Erzählung „Die Gemme“ die göttergleiche Schönheit des Mörders und lässt am erotischen Charakter der Begegnung keinen Zweifel. Auch Richard Friedenthal schildert den Titelhelden seiner Novelle „Arcangeli“ als ebenso schönen wie habgierigen jungen Mann.

Jedoch ist aus der seit 1965 vollständig auf Deutsch publizierten Gerichtsakte bekannt, dass Arcangeli gerade nicht dem von Winckelmann in Kunst und Leben bevorzugten Typus eines Epheben entsprach, sondern im Gegenteil über dreißig Jahre alt, dick und pockennarbig war. Während des Verfahrens ist von der Homosexualität des Opfers keine Rede, nicht einmal als Verteidigungsstrategie, wie sie in literarischen Adaptionen des Stoffes vorkommt. Statt sich als Opfer eines Übergriffs zu gerieren, denunziert Arcangeli den Toten wahlweise als Juden, Lutheraner und Spion. Dass er sich Strick und Messer vor der Tat eigens besorgt hat, macht ein spontanes Handgemenge ohnehin mehr als unwahrscheinlich.

Es zeugt von der Größe Winckelmanns, dass seiner als Gründervater der Archäologie und als literarische Figur gedacht wird. Sein romanhaftes Leben bietet dazu mehr als genug Stoff. Analog kennt ihn die Kunstgeschichte nicht nur als Fachvertreter, sondern zugleich als prägenden Faktor der Stilentwicklung. Das Relief am Sockel des 1833 in Triest errichteten Grabdenkmals zeigt Winckelmann, wie er die Künste und Wissenschaften mit großer Geste auf das Erbe der antiken Hochkulturen hinweist. Ganz ähnlich stellt ihn Carl Gehrts auf einem Fresko in der 1881 erbauten Düsseldorfer Kunsthalle dar: als Mentor der zum Teil erst nach seinem Tod geborenen Künstler Schinkel, Thorvaldsen und Carstens, denen er die Ruinen auf dem Forum Romanum erklärt. Vielleicht war Winckelmanns Ermordung, an der das gelehrte Europa erschüttert Anteil nahm, zynischerweise ein wesentlicher Katalysator seines Ruhms.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAntikeTriest