<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Kunsthandel

Aus dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels: 1937 - Schicksalsjahr des Berliner Kunsthandels

Von Günter Herzog
 - 16:15

Voller Hoffnung und mit großen Erwartungen waren sie nach Berlin gekommen: im Jahr 1923 Karl Nierendorf aus Köln, um die Leitung des "Graphischen Kabinetts J. B. Neumann" zu übernehmen, im Jahr 1927 Justin Thannhauser aus München, um mit zwei Sonderausstellungen aus den Beständen der in München und Luzern ansässigen Galerie den Berliner Markt zu sondieren.

Karl Nierendorfs Beweggründe für den Ortswechsel lagen in den Schwierigkeiten, die der Galerie "Nierendorf Köln - Neue Kunst", die er gemeinsam mit seinem Bruder Josef zu Ostern 1920 eröffnet hatte, aus der desolaten wirtschaftlichen und politischen Situation nach dem Ersten Weltkrieg und der französisch-belgischen Besetzung des Rheinlands entstanden waren. Da kam ihm das Angebot von Neumann gerade recht, der nach Amerika übersiedeln und sich dort für die deutsche Moderne einsetzen wollte. Aus denselben Gründen wie Nierendorf, insbesondere wegen des neuen Luxussteuer-Gesetzes, war zwei Jahre zuvor Alfred Flechtheim nach Berlin gezogen.

Aufschwung in den 1920er Jahren

In Berlin begannen die Goldenen Zwanziger, und da gerade dort die meisten Kriegsgewinnler und die größten Profiteure der Inflation saßen, erlebte der Berliner Markt sogar einen regelrechten Aufschwung. Berlin, so hatte ihm Daniel-Henry Kahnweiler im Februar 1921 empfohlen, sei "der einzige Ort, an dem sich in Deutschland eine Filiale Ihres Geschäftes rechtfertigt", und Flechtheim solle sein Berliner Geschäft keinesfalls "auf französischen Künstlern allein aufbauen, auch nicht auf französischen und rheinischen allein - sonst schilt man Sie einen Separatisten".

Zusammen mit seinem neuen Teilhaber Gustav Kahnweiler, Daniel-Henrys Bruder, hatte Flechtheim dann am 1. Oktober 1921 die Berliner Filiale am Lützowufer 13 eröffnet. Zwischen Lützowufer und Potsdamer Platz erstreckte sich damals Berlins Kunstmeile, und dorthin, in die Lützowstraße 32, sollte 1925 auch Karl Nierendorf umziehen, der sich recht schnell in Berlin etabliert hatte. Nachdem er von Neumann zunächst als Geschäftsführer eingestellt worden war, wandelten beide 1925 die Galerie als "Galerie Neumann-Nierendorf" in eine GmbH um und wurden gleichberechtigte Partner.

Der Idealist Karl Nierendorf

Besonders erfolgreich hatte Nierendorf schon in Köln Otto Dix vertreten - was ihm den Spitznamen "Nierendix" einbrachte, mit einem allerdings für beide Parteien nicht immer unproblematischen "Alleinvertretungsvertrag". Auch in Berlin liefen die Geschäfte gut, aber Nierendorf war einer jener Galeristen, für die ein geschäftlicher Erfolg in erster Linie Mittel für eine neue künstlerische Investition und nicht den Füllstoff für ein sattes Finanzpolster bedeutete. Diese allzu idealistische Disposition sorgte immer wieder für Konflikte in der Partnerschaft mit seinem Bruder Josef, den er 1926 nach Berlin holte.

In diesem Jahr 1926, am 10. Januar, wurde Paul Cassirer begraben, der drei Tage zuvor an den Folgen eines Suizidversuchs gestorben war. An seinem Sarg, aufgebahrt im Ausstellungssaal des "Kunstsalons Cassirer" in der Victoriastraße 35, sprach Justin Thannhauser, dessen Beziehung zu Cassirer weit über das bloße enge Geschäftsverhältnis hinausging. In Zukunft würde Thannhauser mit Grete Ring und Walter Feilchenfeldt verhandeln müssen, von denen nun die Firma Paul Cassirer und der gemeinsam mit Hugo Helbing betriebene Auktionshandel weitergeführt wurden.

Das kunstfeindliche München

Was Thannhauser bewogen hatte, von Januar bis März 1927 mit seinen Sonderausstellungen im Künstlerhaus in der Bellevuestraße 3 das Berliner Terrain zu erkunden, waren ebenfalls die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen in München, aber es kam noch eine entscheidende Komponente hinzu: Anders als die Nierendorfs waren die Thannhausers Juden, und für Juden war München schon damals ein heißes Pflaster; die kunstfeindliche und antisemitische Gesinnung der Stadt führte zum Niedergang des kulturellen Lebens dort. Die Sonderausstellungen, auf denen solche Kaliber wie Picassos "Das Leben" (heute Cleveland Museum of Art) zu sehen waren, hatten großen Erfolg und brachten Thannhauser dazu, sich 1928 in Berlin niederzulassen; er schloss das Münchner Haupthaus und gab die Luzerner Filiale an seinen Cousin Siegfried Rosengart ab.

Zuspitzung der Krise

Noch im selben Jahr sorgte er in seinem neuen Domizil an der Bellevuestraße 13 mit zwei musealen Ausstellungen für Aufsehen: Von Februar bis Mitte März zeigte er die "Gedächtnisausstellung von Claude Monet 1840-1926"; Monets "Dogenpalast" von 1908 - eine Leihgabe der Handlung Wildenstein in New York, die Thannhauser während der Ausstellung selbst kaufte - ging in die Guggenheim Stiftung über. Dort hat auch Paul Gauguins "Dans la Vanillère" von 1891 seine neue Heimat gefunden, eines der Werke, die zu den Exponaten der an die 230 Exponate umfassenden Gauguin-Schau bei Thannhauser im Oktober 1928 gehörten.

Merklich dünner wurde die Berliner Luft für viele Kunsthändler nach der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929. Zwar brachte diese Krise einigen etablierten und vor allem unverdächtigen Segmenten des Kunsthandels - wegen des Bedarfs an dauerhaften Werten - einen paradoxen Boom. Jedoch den jüdischen Händlern, insbesondere jenen, die mit avantgardistischer Kunst handelten, ging es zunehmend schlechter. Thannhausers letzte große Ausstellung war eine museumswürdige Matisse-Retrospektive in den Monaten Februar und März des Jahrs 1930 mit 265 Exponaten - darunter 83 Ölgemälden und zwanzig Plastiken -, die internationales Echo fand, aber sicher kein wirtschaftlicher Erfolg mehr war. Im Oktober 1932 fand als letzte Auktion des Hauses Cassirer die Versteigerung des Nachlasses von Lesser Ury statt. Im Jahr darauf emigrierten Grete Ring nach London und Walter und Marianne Feilchenfeldt nach Amsterdam.

Kunsthandel im Niedergang

Am 14. Januar 1933 schrieb Karl Nierendorf in sein Tagebuch über einen Rundgang durch die Galerien seiner Kollegen: "Nie ist mir die Sorgenmiene und die dumpfe, bedrückte Stimmung so aufgefallen wie diesmal. Diesem Hartberg schlottern die Kleider um den Leib, und auch die Frau ist bekümmert und um Jahre gealtert. Grohmann erzählt, daß Gutbier erledigt sei und daß Probst sich nur mit Mühe hält durch seinen Verein der Freunde. Ich denke an die bekümmerte Miene und die gefurchte Stirn bei Gutbier. Auch Flechtheim bei der Cassirer-Eröffnung schien bedrückt, sogar sein Valentin ist nicht mehr der Alte. Und Thannhauser mit Frau, Gutmann, von Goldschmidt, Wilcek . . . Alle scheinen geradezu körperlich reduziert zu sein, müde, abgebrannt, mit beginnenden Altersfalten. Muß, wer heute mit Kunst in Berührung kommt, seelisch so ausgezehrt und zermürbt sein?"

Aus Nierendorfs Eintrag am folgenden Tag geht hervor, dass seiner Meinung nach wohl alle großen Berliner Galerien bankrott sein müssten - und für ihn galt dasselbe. 1932 hatten Neumann und Nierendorf die Auflösung ihrer GmbH beschlossen, 1933 wurde die Trennung umgesetzt. Anfang Juni 1933 schrieb Neumann aus New York an Nierendorf: "Ein Glück, daß Du kein Jude bist - ein Glück für mich, daß ich hier ein Jude bin."

Der Kunsthändler als Feinbild

Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 entwickelte sich die Lage dramatisch, was besonders Alfred Flechtheim zu spüren bekam. Auf ihn hatte sich die nationalsozialistische Propaganda in beispielloser Weise fokussiert. Am 1. April 1933 erschien in der "Volksparole" der Hetzartikel "Abgetakeltes Mäzenatentum. Wie Flechtheim und Kaesbach deutsche Kunst machten", der mit den Sätzen schloss: "Flechtheim ist finanziell erledigt. Der Taumel, der Schwindel der Kunst-Revolution ist vorbei. Seine Bilder lagern unverkäuflich im Keller. Seine Firma ging jetzt eben in Konkurs. Es gilt, den ganzen Kunst-Schwindel in Konkurs zu bringen. Das System Flechtheim-Waetzold-Kaesbach ist auszurotten." Flechtheim musste im November 1933 seine Galerien in Düsseldorf und Berlin schließen und ging nach London, wo er 1937 an den Folgen einer Blutvergiftung starb. Seine Frau Betty sollte bis zu ihrem bitteren Ende in Berlin bleiben. Von ihrer bevorstehenden "Umsiedelung" verständigt, hat sie sich vergiftet und starb am 15. November 1941.

Willkür der Nationalsozialisten

Bis zum Ende der Olympiade im Sommer 1936 genoss die Berliner Kunstwelt noch eine relative Schonfrist. So durfte Nierendorf noch am 4. Mai 1936 seine gemeinsam mit der Galerie von der Heyde organisierte Franz-Marc-Gedächtnisausstellung mit 177 Werken eröffnen, nachdem der Einführungsvortrag von Alois Schardt am Vorabend der Eröffnung von der Gestapo verboten, Schardt auf der Stelle verhaftet und nahezu die komplette Auflage seines im Rembrandt-Verlag erschienenen Marc-Buchs konfisziert worden war. Schardt war 1933 nach Ludwig Justis Entlassung als Direktor der modernen Abteilung der Nationalgalerie im Kronprinzenpalais für knappe fünf Monate Justis Nachfolger gewesen, ihm folgte dann Eberhard Hanfstaengl. Nach der Olympiade wurde die Galerie im Kronprinzenpalais vorläufig, und am 5. Juli 1937 wurde sie endgültig geschlossen.

Das Debakel um die Marc-Ausstellung war nicht der Auslöser für die Amerika-Reise, die Nierendorf noch während ihrer Laufzeit antrat. Sie war geplant, um den amerikanischen Markt zu sondieren und die Arbeiten des Avantgarde-Filmers Oskar Fischinger zu promoten, den Nierendorf 1935 kennengelernt hatte und der schon zu Beginn des Jahres 1936 nach Amerika gegangen war, wo ihn die Paramount unter Vertrag nahm. Versteckt in Fischingers Hausstand, den die Paramount verschiffen ließ, waren 42 Gemälde "entarteter" Künstler Nierendorfs schon vorgereist.

Permanenter Konflikt mit der Reichskunstkammer

Flechtheims engster Berliner Mitarbeiter Curt Valentin hatte 1934 eine neue Anstellung in der neu eröffneten Galerie Buchholz der Buchhandlung Karl Buchholz in der Leipziger Straße 119/120 gefunden. Aber auch dort wurde die Situation im Jahr 1937 immer schlimmer. Mehrere Durchsuchungen nach verbotenen Schriftstellern fanden statt, und selbstverständlich wurde auch die Galerie kontrolliert. Karl Buchholz' Buchhalter, Arthur Kersten, berichtet: "Es muß im Jahr 1937 gewesen sein, als es unmöglich wurde, Herrn Valentin und auch Herrn Heinz Schultz länger in der Buchhaltung zu halten. Wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich gelassen hat, wurde es damals erforderlich, daß die Angestellten von Buch- und Kunsthandlungen den sogenannten ,Ariernachweis' zu erbringen hatten. ,Nichtarier' durften von da an weder in der Reichspressekammer noch in der Reichsschrifttumskammer, noch in der Reichskunstkammer weitergeführt werden.

Von da an setzten auch in zunehmendem Maße die Schwierigkeiten ein. Jede Ausstellung, die wir veranstalteten, mußte von Vertretern der Reichskunstkammer genehmigt werden; was diese Leute sich damals leisteten, vor allen Dingen der berüchtigte Lederer Jr., war in damaliger Zeit noch unfaßbar. Ich erinnere mich genau, daß wir Angestellten einmal unseren Chef, Herrn Buchholz, baten, das Geschäft zu verlassen, weil wir wußten, wie leicht sein Zorn mit ihm durchging, daß er seinen Zorn nicht zügeln konnte und Dinge sagte, die ihm übel ausgelegt werden konnten. Als die Umstände es nicht mehr zuließen, daß Curt Valentin länger in Berlin blieb, wurde beschlossen, The Buchholz Gallery in New York zu gründen."

Eröffnung in New York

Am 18. März 1937 wurde in der 3 West Forty-Sixth Street in New York "The Buchholz Gallery - Curt Valentin" mit Plastiken und Zeichnungen von Barlach, Kolbe, Marcks, Scheibe und Sintenis eröffnet. Unter den zahlreichen deutschen Besuchern der Galerie war auch Karl Nierendorf, der eigentlich nur bis Mitte Juli 1936 hatte bleiben wollen, doch die zunehmenden brieflichen Auseinandersetzungen mit seinem Bruder Josef hatten in ihm die Entscheidung wachsen lassen, in Amerika zu bleiben und dort eine Filiale der Galerie zu eröffnen.

Dies geschah dann auch im Januar 1937, als die Nierendorf Gallery in der 20 West 53rd Street mit einer Ausstellung zeitgenössischer deutscher Kunst eröffnet wurde: Für Kandinsky, Feininger und Klee wurde Nierendorf bis zu seinem Tod im Jahr 1947 der wichtigste Agent an der amerikanischen Ostküste. Nierendorfs Verhältnis zu Curt Valentin in New York war ein schwieriges, nicht zuletzt wegen der umgekehrten Diskriminierung, die Nierendorf in Amerika zu spüren bekam - in Amerika galten die nichtjüdischen Einwanderer aus Deutschland als verkappte Nazis. Am 16. Februar übertrug Karl Nierendorf seine Anteile an der Berliner Galerie an Josef, der auf eine baldige Regelung gedrungen hatte, weil er die Zahlung einer Reichsfluchtsteuer befürchtete, wenn sein Bruder nicht zurückkäme.

Flucht in Etappen

Diese Reichsfluchtsteuer in Höhe von 25 Prozent des Vermögens und weitere Abgaben wie etwa die für Devisentransfer und Umzugsgut zu leistende Abgabe an die Deutsche Golddiskontbank ("DeGo-Abgabe") sind Justin Thannhauser nicht erspart geblieben. Er wählte den steinigen Weg der regulären Auswanderung. Schon nach der "Machtergreifung" hatte er sich eine Wohnung in Paris gemietet und von 1934 an damit begonnen, immer einen Teil seines Kunstbesitzes und auch des Besitzes seiner Kundschaft in internationalen Ausstellungen bis nach Buenos Aires zirkulieren zu lassen und ein Lager in Paris einzurichten. Im April des Jahres 1937 verließ er mit seiner Familie Berlin, um nach Paris zu ziehen. Es war höchste Zeit.

Quelle: F.A.Z., 28.09.2007, Nr. 226 / Seite K2
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBerlinMünchenAmerikaNew YorkKölnClaude MonetOsternErster Weltkrieg