Antiquariatsmessen

Von Trunckenhayt und mehr Lastern und Versuchungen

Von Richard Hagemann
 - 10:00
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Bibliophile Trouvaillen, von illuminierten Handschriften über Erstausgaben und Manuskripte bis hin zu Künstlerbüchern und Originalgraphiken, erwarten das Publikum der 57. Stuttgarter Antiquariatsmesse im Württembergischen Kunstverein und der 32. Antiquaria in der Musikhalle Ludwigsburg. Ein Highlight der Buchmalerei findet sich in Stuttgart, wo 64 internationale Aussteller zusammenkommen, am Stand von Heribert Tenschert aus dem schweizerischen Ramsen. Das prachtvolle „Stundenbuch von Jean Troussier“, zwischen 1425 und 1450 entstanden, ist mit Illuminationen des Münchener Meisters der Legenda Aurea und einer Höllendarstellung des Meisters von Dunois geschmückt. Angeboten wird es für 880 000 Euro.

„Sehr interessant“, wie ein später hinzugefügter Vermerk festhält, ist der Bericht eines unbekannten Spitzels, den Michael Banzhaf aus Tübingen mit nach Stuttgart bringt: Er handelt von dem Komplott am württembergischen Hof, das am 4. Februar 1738 den einflussreichen Bankier Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheimer, genannt Jud Süß, zum Opfer eines Justizmords machen sollte (6000 Euro). Aufschlussreich ist das von Engel& Co. aus Stuttgart angebotene bebilderte Exemplar der „Voyage aux Regions equinoxiales du Nouveau Continent, fait en 1799–1804“. Dort schildern Alexander von Humboldt und der Botaniker Aimé Bonpland ihre Entdeckungen und Erlebnisse im Regenwald (8500 Euro).

Aus hartem Holz geschnitzt

Reich illustriert ist die Erstausgabe von Schedels „Liber Chronicarum“ von 1493, das einen Einblick in die Vorstellungswelt des 15. Jahrhunderts gibt: Die berühmte Weltchronik mit 1809 kolorierten Holzschnitten wird bei Sokol Books aus London für 270 000 Euro angeboten. Vor den Gefahren der Welt warnt Sebastian Francks „Von dem greüwlichen Laster der Trunckenhayt“, dessen Titelbild mit einem sich übergebenden Mann das Laster des übermäßigen Alkoholkonsums deutlich geißelt (4500 Euro). Den Peinigungen des Teufels widerstand der heilige Antonius: Lucas Cranach d. Ä. 1506 entstandener Holzschnitt „Die Versuchung des heiligen Antonius“, ein seltenes Exemplar des zweiten Zustands, offeriert Boerner aus Düsseldorf für 130 000 Euro. Ebenfalls in Holzschnitt gestaltete Otto Dix 1919 sein erstes Mappenwerk „Werden“, das die Stuttgarter Galerie Valentien offeriert (70 000 Euro).

Anlässlich des dreihundertjährigen Jubiläums der Verleihung der Stadtrechte an Ludwigsburg hat sich die Antiquaria mit ihren 53 Ausstellern dieses Jahr ganz dem Thema „Urbana – Die Stadt“ verschrieben. Das zeigt sich etwa beim ortsansässigen Jürgen Fetzer, der Johann Friedrich Nettes „Veues et parties principales de Louis-Bourg“, zwölf gestochene Tafeln mit Ansichten des herzoglichen Schlosses (3800 Euro), anbietet, oder bei KaraJahn aus Berlin mit dem Dutzend farbig lithographierter Sammelbilder, die um 1910 für den Ludwigsburger Kaffeeproduzenten Franck entstanden sind (450 Euro).

Ein Höhepunkt der Antiquaria ist ein Konvolut von mehr als neunzig Briefen Thomas Manns, in denen er gegenüber seinem Jugendfreund Otto Grautoff auch auf die „Buddenbrooks“ zu sprechen kommt. Für die knapp 260 Seiten von 1894 bis 1901 fordern Inlibris aus Wien und Kotte aus Roßhaupten gemeinsam 300 000 Euro. Noch kostspieliger ist dort der sehr gut erhaltene Brief Martin Luthers vom September 1543, in dem er Georg Buchholzer, den Probst zu Sankt Nikolai in Berlin, auffordert, weiterhin gegen die Juden zu predigen – er dokumentiert die dunklen Seiten des Reformators (450 000 Euro).

Stuttgarter Antiquariatsmesse. Im Württembergischen Kunstverein; vom 26. bis zum 28. Januar. Katalog 10 Euro, Eintritt 5 Euro.

Antiquaria. In der Musikhalle Ludwigsburg; vom 25. bis zum 27. Januar. Katalog 10 Euro, Eintritt 3 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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