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Pariser„Aristophil“-Sammlungen

Wenn der kleine Prinz wartet

Von Bettina Wohlfarth, Paris
 - 08:00

Die Affäre hatte 2015 Schlagzeilen gemacht, als gegen die Investmentfirma „Aristophil“ ein Liquidationsverfahren eingeleitet wurde. Seit 1990 hatte sie sich mit dem Ankauf und der Expertise kostbarer Buchausgaben und Handschriften einen klingenden Namen gemacht. Dahinter stand ihr Gründer Gérard Lhéritier, ein im Pariser Politik- und Kulturmilieu gut vernetzter Schönredner, der seinen Anlegern Anteile an Manuskripten verkaufte und Renditen von jährlich acht Prozent versprach. Der Wert der Manuskripte wurde von Aristophil selbst festgelegt, basierend auf völlig überzogenen Experten-Gutachten. Zuletzt hatten 18.000 Anleger diesem „Madoff der Manuskripte“ ihr Vertrauen geschenkt (F.A.Z. vom 15.August 2015).

Die mehr als 130.000 Werke der „Collections Aristophil“, die seit der Liquidation der Firma sorgfältig inventarisiert und begutachtet wurden, sollen laut dem französischen Auktionshaus Aguttes in den nächsten Jahren in einem bedächtigen Rhythmus von zehn bis fünfzehn Auktionen pro Jahr versteigert werden, um den Markt nicht zu überschwemmen. Ein Verbund der Häuser Aguttes, Artcurial, Ader-Nordmann und Drouot Estimations wurde unter dem Signet OVA – Les opérateurs de vente pour les Collections Aristophil – mit der Organisation dieser Versteigerungen beauftragt. Eine erste fand im vergangenen Dezember im Pariser Drouot bei Aguttes statt – und hat die Hoffnungen der düpierten Anleger, durch diese Auktionen wenigstens einen größeren Teil ihrer Einlagen zurückzuerhalten, herb enttäuscht.

Nun kommen zwischen dem 16. und 20.Juni im Drouot in weiteren sieben, thematisch organisierten Auktionen mehr als 900 Lose unter den Hammer, für die insgesamt fünfzehn Millionen Euro erwartet werden. Sie geben einen Vorgeschmack auf das weite Spektrum und den Reichtum der Aristophil-Sammlungen.

Notenmanuskripte und französische Literaten

Zu den Hauptwerken in der Auktion „Schriften des Mittelalters und der Renaissance“ bei Aguttes gehört eine illuminierte Ausgabe auf Velinpapier mit Briefen und Abhandlungen des Kirchenvaters Hieronymus. Das kunstvoll mit Miniaturen ausgeschmückte Werk aus dem Jahr 1470 wird auf 600.000 bis 800.000 Euro geschätzt. Es stammt aus der Druckerei von Peter Schöffer und ist eines der schönsten Exemplare aus den Anfängen der Druckkunst in Mainz.

Bei den Musik-Auktionen mit Handschriften und Notenmanuskripten von Lully bis Strawinsky und von Bach bis Boulez fällt bei Ader-Nordmann eine Kompositionsskizze der „Szenen aus Goethes Faust“ von Robert Schumann auf. Die 122 Seiten zeigen den Entstehungsprozess mit Orchestrierungen und zahlreichen Änderungen (Taxe 500.000/600.000 Euro). Zwei Auktionen bei Aguttes und Drouot Estimations zu Schriftstellern des 19. und 20. Jahrhunderts versammeln in der Mehrzahl französische Literaten in einigen herausragenden Handschriften. Die 266 Briefe von Paul Éluard an seine erste Frau Gala führen von 1924 bis 1948 weit über die Trennung hinaus. Sie geben neben aller poetischen Sinnlichkeit auch einen lebendigen Einblick in die damalige Szene der Pariser Surrealisten (300.000/400.000).

Die Auktion „Werke und Korrespondenzen der Maler“ bei Aguttes vereint in mehr als 300 Losen Briefe, Handschriften, Zeichnungen und Kunstbuchausgaben. Von Boucher über Ingres bis zu Gauguin, Matisse und Giacometti blättert man im Katalog durch einen Überschwang an zeichnerisch-handschriftlichem Ausdrucksbedürfnis. Wundervoll ist ein lapidares Briefchen von Édouard Manet an eine unbekannte Dame, die er mahnt: „Vergessen Sie nicht das Paket mit dem englischen Papier“ – dazu malt er eine Schnecke auf einem Weinblatt (100.000/120.000).

Eine ungewöhnliche Auktion hält Artcurial ab, wenn unter dem Titel „Helden der Luftfahrt“ Briefe, Manuskripte und Aquarelle von Antoine de Saint-Exupéry versteigert werden; sein „Kleiner Prinz“ gehört immerhin zu den meistgelesenen Büchern der Welt. Besonders berührt eine Reihe von Briefen, die Saint-Exupéry in den Jahren 1943 und 1944, bis kurz vor seinem mysteriösen tödlichen Absturz, an eine junge Frau schrieb, die er auf einer Zugfahrt kennengelernt hatte (150.000/200.000). Der Pilot illustrierte sie mit typischen „Kleiner Prinz“-Zeichnungen, aber man liest in jeder Zeile eine melancholische, fast zärtliche Traurigkeit und das Warten auf Antwort.

Quelle: F.A.Z.
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