Art Basel Miami Beach

Florida als Stützpunkt

Von Anne Reimers, Miami Beach
 - 10:00

Sonne, Strand und keine eigene Einkommensteuer: Das zieht nicht nur reiche Amerikaner, sondern auch viele Europäer nach Florida. Und es macht Miami zu der Stadt mit der am wenigsten ausgeglichenen Einkommensverteilung in den Vereinigten Staaten. Dass die Schweizer „Mutter-Messe“ Art Basel im Jahr 2002 ihren ersten Ableger ausgerechnet in Miami Beach – und nicht in New York – ansiedelte, um den amerikanischen Markt zu erobern, hatte aber nicht nur mit der potentiellen Käuferschaft vor Ort zu tun. Die Art Basel war in den neunziger Jahren zur wichtigsten Kunstmesse in Europa aufgestiegen – und Miami war perfekt gelegen, um sowohl Nordamerika als auch den sich entwickelnden Markt in Südamerika abzudecken. Das schlägt sich seither in der starken Präsenz der lateinamerikanischen Galerien und Künstler nieder. „Die Eliten Südamerikas haben fast alle in Miami wenigstens ihren zweiten, wenn nicht sogar ersten Wohnsitz“, sagt Marc Spiegler, der Globale Direktor der Art Basel.

Die Art Basel Miami Beach hat sich nicht nur zur wichtigsten, sondern auch zur glamourösesten Kunstmesse der Vereinigten Staaten entwickelt und damit Miami Beach ein attraktiveres Image gegeben als lediglich das eines Rentnerparadieses. Der Bürgermeister von Miami Beach, Dan Gelber, sieht es jedenfalls so: „Unsere Zukunft ist die einer Kunst- und Kulturstadt, und die Art Basel hat das ermöglicht“, erklärt er. Allerdings hatte die Messe in ihrer Ausgabe 2016 und auch jetzt noch mit Problemen zu kämpfen, die außerhalb ihres Einflussbereichs liegen. Im vorigen Jahr war es der Schock über Trumps Wahlsieg, der sich auf die Besucherzahlen auswirkte. In diesem Jahr geriet der mehr als sechshundert Millionen Dollar teure, dreijährige Umbauplan für das Miami Beach Convention Center (MBCC), wo die Messe stattfindet, wegen des Hurrikans Irma in Verzug. Noch immer müssen Besucher, wie schon 2016, durch eine Baustelle, um in den eigentlichen Messebereich zu gelangen. Der wurde um zehn Prozent vergrößert, ohne neue Galerien aufzunehmen: Das bedeutet mehr Platz für die Kojen der 268 Galerien, breitere Gänge, und anstatt über einen abgenutzten Teppichboden läuft man nun über eleganten polierten Beton. Auf die Art Basel Miami Beach abgestimmt war auch die Eröffnung des privat finanzierten „Institute of Contemporary Art“ in seinem neuen Gebäude, und gerade erst wurde die umfassende Renovierung des Bass Museum of Contemporary Art gleich neben der Messe abgeschlossen.

Die Kauflust ist ungebrochen

Die aktuelle Ausgabe der Art Basel Miami Beach überzeugt – einmal mehr und nicht überraschend – mit Qualität, vielleicht ist sie sogar besonders gut, so jedenfalls manche Händler, die schon seit Jahren dabei sind. Das Geschäft brummt. Die Galerie von Eva Presenhuber, Zürich und New York, mit ihrer, auf eine Handvoll Arbeiten konzentrierten, Solo-Präsentation von Ugo Rondinone, hatte am zweiten Tag schon sämtliche Werke verkauft – darunter ein typischer weißer Baum „Hunger Moon“ aus dem Jahr 2013 (1,3 Millionen Dollar). Zeichnungen von Hurvin Anderson (10 000 bis 20 000 Dollar), der zu den Finalisten des diesjährigen Turner-Preises gehörte, fanden – neben Arbeiten deutscher Altmeister wie Sigmar Polke – bei Michael Werner viel Anklang, während Thaddaeus Ropac eine Leinwand von James Rosenquist mit Spiegelei und Metallbesteck, „Coenties Slip Studio“ aus dem Jahr 1961, vermitteln konnte (2,7 Millionen Dollar).

Besonderen Anklang bei den Besuchern fanden neue Videoskulpturen von Tony Oursler (100 000 bis 185 000 Dollar) bei Hans Mayer, Düsseldorf, vielleicht auch unter dem Einfluss seiner Zusammenarbeit mit David Bowie für dessen letztes Album „Blackstar“. Bei der New Yorker Galerie P.P.O.W. waren schon in den ersten Stunden die filigranen, von der Decke herabhängenden Boote „The Wine Dark Sea“ des englischen Künstlers Hew Locke verkauft, die auf Migration und postkoloniale Geschichte anspielen. Bei Kewenig, Berlin, fand eine große neue Arbeit von Sean Scully aus seiner „Landlines“-Serie schnell ein neues Zuhause. Die Galerie Karsten Greve hat historisch Wichtiges im Programm: eine frühe Arbeit aus zerquetschtem grauen Stahl von John Chamberlain, ehemals im Besitz von Andy Warhol (4 Millionen Dollar) und das frühe Gemälde „New Orleans“ aus dem Jahr 1946 von Louise Bourgeois, das viele Elemente ihrer späteren skulpturalen Praxis vorwegnimmt und dessen Pendant im Besitz des MoMA ist (1,3 Millionen Dollar).

Der Trend, Künstlerinnen, sowohl der älteren Generation als auch zeitgenössischen, eine stärkere Plattform zu geben, lässt sich auch in Miami diagnostizieren. Die anrührenden, aus gefundenen Materialien zusammengesetzten Holzkästen und Collagen von Hannelore Baron gehören zu den Entdeckungen; die Michael Rosenfeld Gallery aus New York hat eine ganze Gruppe von ihnen mitgebracht (um 35 000 Dollar): Baron wurde 1926 in Dillingen an der Saar geboren, musste vor den Nationalsozialisten fliehen und lebte bis zu ihrem Tod 1987 in New York. Der in Chicago geborenen, in Berlin lebenden Künstlerin Donna Huanca scheint man überall zu begegnen, auf der Messe bei Peres Projects, Berlin. Die Galerie hat großformatige Bilder mit leuchtend blauem Pigment, aufgetragen auf vergrößerte Ausschnitte von der Haut ihrer nackten Performance-Tänzerinnen, mitgebracht und zwei totemistische Skulpturen (35 000 Dollar).

Von Bewunderern umringt – unter ihnen die russische Mega-Sammlerin Dasha Zhukova –, war der New Yorker Künstler Mark Bradford. Die Mnuchin Gallery, New York, hatte bereits Erfolg mit Bradfords früher Arbeit „Fly in the Buttermilk“ aus dem Jahr 2002, mit aufgeklebter Silberfolie (um 3 Millionen Dollar). Bei Sies+Höke, Düsseldorf, nimmt eine Arbeit aus mehreren Dutzend dünner Stahlstangen mit aufgesetzten Geweihspitzen von Julius von Bismarck viel Raum ein (75 000 Dollar). Sie entfaltet jedoch erst bei genauem Hinsehen und auf Nachfrage ihre Kraft: Im August 2016 berichteten Zeitungen über ein Unwetter in Norwegen, bei dem mit einem einzigen Blitzschlag eine Herde von mehr als dreihundert Rentieren getötet wurde. Der Künstler machte sich auf den Weg, die abgelegene, mittlerweile auch abgeriegelte Stelle zu besichtigen. Nach fast zwei Tagen Wanderung wiesen kreisende Geier und der Geruch von Verwesung den Weg zur Unglücksstelle. Mit einem Taschenmesser machte er sich an die Sicherung der Geweihspitzen.

Auseinandersetzung mit komplizierten, unbequemen Themen

Wer jene Sektion der Messe betritt, wo sich die großen Galerien befinden, die sich mit ihren Blue-Chip-Werken auf den Sekundärmarkt konzentrieren, könnte den Eindruck gewinnen, in Miami Beach sei sei mehr die Rede von engagierter Kunst, als das dem kommerziellen Angebot entspräche. Doch je weiter man sich in die „Nova“-Sektion vorarbeitet, die junge Galerien und Künstler mit frischen Arbeiten vorstellt, umso mehr Belege lassen sich dafür finden, dass es die Auseinandersetzung mit komplizierten, unbequemen Themen gibt, von der Geschlechter bis zur Rassenpolitik. Beim Instituto de Visión, Bogotá, setzt sich zum Beispiel Carolina Caycedo mit dem Effekt der Privatisierung von Natur auf den Menschen auseinander und mit deren Zusammenhang mit sozialer Kontrolle. Unter den etablierten Galerien ist Vermelho, São Paolo, mit Tania Candiani aus Mexiko gekommen, die mit ihrem Werk „Obreros“ an die illegal eingewanderten südamerikanischen Arbeiter erinnern will, die von amerikanischen Unternehmen ausgebeutet werden: Candiani hat die typischen Kappen aus Papier, wie sie in Fabriken für Lebensmittelverarbeitung getragen werden, zu einer Art Blasebalg zusammengeklebt, der sich an der Wand auffächert. Die Galerie Kavi Gupta aus Chicago ist mit einem der spannendsten Programme angereist: Dabei sind Werke von Gerald Williams, 1968 einer der Mitbegründer des Kollektivs „Africobra“. Verkaufsschlager bei Gupta sind allerdings die dekorativen Porträts der in der dominikanischen Republik geborenen Malerin Firelei Báez (55 000 bis 75 000 Dollar).

Bleibt die „Mutter-Messe“ in Basel die Königin, neben ihren Dependancen in Miami Beach und in Hongkong? So sieht es jedenfalls die einflussreiche erfahrene Galeristin Bärbel Grässlin aus Frankfurt, und das scheint Konsens zu sein. Für den Direktor Marc Spiegler ist es überhaupt nicht eine Frage der Konkurrenz: Die Art Basel mag der Maßstab sein, doch zusammen bilden die Messen eine gemeinsame Plattform, die Synergien erzeugt, den Einflussbereich der Marke über den Globus vernetzt. Denn, sagt Spiegler, es sind oft dieselben Sammler, die dreimal im Jahr anreisen, aus Amerika, aus Asien oder aus Europa.

Art Basel Miami Beach. Im Miami Beach Convention Center; noch bis Sonntag, den 10. Dezember.

Quelle: F.A.Z.
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